Nicht nur Babys lernen schnell

Für Erwachsene ist es immer wieder überraschend, welche Fortschritte und Sprünge Kinder in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung innerhalb kürzester Zeit machen können.


Die Lernfähigkeit wird besonders deutlich, schaut man sich das reine Verständnis einiger weniger Wörter im Babyalter bis hin zum passiven und aktiven Wortschatz eines Drei- oder Vierjährigen an, erkennt man die Lernfähigkeit von Kindern.
Die entsprechende Entwicklung der Repräsentationen im Gehirn, die neuronalen Strukturen und ihre Veränderungen, nennt man Anpassungsfähigkeit oder auch ‚Neuroplastizität‘.

Neuroplastizität im Erwachsenenalter

Das Gehirn bildet erweitert bestehende neuronale Verbindungen zu immer komplizierteren und komplexer werdenden Netzen mit jeder Information, die aufgenommen, mit jeder Erfahrung, die gemacht wird.
Veränderungen, auch Anpassungen erfolgen je nach Konfrontation mit neuen Situationen, neuen Herausforderungen und Veränderungen.
Kann das Gehirn im Sinne von Geist und Seele nicht mit den Veränderungen und Herausforderungen schritthalten, spricht man von Anpassungsstörungen. Herausforderungen können zu Überforderungen werden, deren Chronifizierung dann zum bekannten Burnout führen.
Je größer die Anpassungsfähigkeit, also je ausgeprägter die Eigenschaft der Plastizität, der Fähigkeit, sich selbst weiter und neu zu strukturieren, um so geringer das Risiko und die Gefahr der Überforderung, Selbstüberforderung und damit des Burnouts.

Der überfällige Paradigmenwechsel

Nahm man früher an, dass die Lernfähigkeit mit zunehmenden und besonders im höheren Alter stetig abnimmt, weiß man es heute besser.
Noch im hohen Alter sind Menschen in der Lage neue Dinge aufzunehmen, sich zu erarbeiten und im Gehirn abzuspeichern. Ihr Gehirn bildet neue Zellen aus, schafft neue Verbindungen und verstärkt bestehende Nervenbahnen.

Konfrontation mit dem Unbekannten statt Routine

Bekannt sind die Unterschiede in den Gehirnscans von Londoner Taxifahrern und Busfahrern. Um in der britischen Hauptstadt eine Taxilizenz zu erwerben, müssen die Kandidaten alle Straßen der Stadt kennen und darüber hinaus auch die kürzesten Verbindungen.
Der Unterschied bestand darin, dass die Taxifahrer viel größere Hippocampi hatten als die Busfahrer, die jeden Tag die gleichen Strecken fuhren, also wesentlich weniger Entscheidungen bezüglich ihrer Orientierung und Streckenführung zu fällen hatten als ihre Kollegen in den Taxen. Somit zeigte sich, dass auch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter das Gehirn sich entwickeln und wachsen kann.

Und was die Psychotherapie damit zu hat

So erhebt sich die Frage für den Psychotherapeuten, wenn es denn möglich ist, neue Strukturen mit neuen Inhalten aufzubauen, ob es auch möglich wäre, Strukturen mit negativen und zerstörerischen Inhalten auszulöschen, zu überschreiben, wie es im Computerjargon heißen würde, oder als Antagonisten die Wirkung der toxischen Gedankeninhalte zu konterkarieren.

Ein neues Fenster – eine neue Perspektive

Ein neues therapeutisches Fenster öffnet sich durch die Anwendung psychodelischer Drogen.
Einst verboten und verteufelt, sollen sie nun helfen posttraumatische Belastungsstörungen, Angst- und Panikstörungen, sowie Depressionen zu therapieren.
In Tierversuchen zeigte sich, dass Laborratten, denen man kleine Dosen psychoaktiver Substanzen verabreichte, in schwierigen Situationen nicht so schnell aufgaben. Außerdem vergaßen sie schmerzhafte Situationen schneller als eine Vergleichsgruppe. Die Erklärung war, dass im Gehirn der ersten Gruppe ein Protein (BDNF) freigesetzt wurde, dass im Gehirn benutzt wird, um neue Zellen und neue Nervenbahnen wachsen zu lassen.
So verabreichten niederländischer Wissenschaftler einer Gruppe von Testpersonen eine so geringe Dose LSD, damit keine psychedelische Reaktion ausgelöst werden konnte. Einer zweiten Gruppe wurde ein Placebo gegeben. Keiner der Teilnehmer wusste, zu welcher Gruppe er gehörte.
In der ersten Gruppe konnten nach ein paar Stunden ein signifikanter Anstieg des Proteins BDNF und eine gesteigerte Stimulierung unterschiedlicher Teile des Gehirns festgestellt werden, nicht aber so bei Mitgliedern der Placebo-Gruppe. Ähnliche Erfahrungen machten Wissenschaftler mit der Gabe von Mikrodosen von Psilocybin, dem Wirkstoff der sogenannten ‚magic mushrooms‘.

Aussteigerdroge für Einsteiger

War diese Droge früher etwas für Aussteiger, stellt sie heute eine bisher undenkbare Möglichkeit für einen therapeutischen Einsatz. Mikrodosierung scheint das Zauberwort für ‚magic mushrooms‘ zu lauten.
Psilocybin erhöht die Konzentrationsfähigkeit, die Kreativität, sowie die kognitiven Funktionen und hebt die Stimmung beim Konsumenten. Mikrodosierung von psychoaktiven Substanzen, so die Wissenschaftler, erhöhen die Neuroplastizität und somit die Kreativität.

Was hat dies nun mit Heilung im psychotherapeutischen Kontext zu tun?

Die von Depression, Angststörung und Posttraumatischer Belastungsstörung Betroffenen wissen um die Nebenwirkungen der klassischen Medikation. Es wäre zu empfehlen, diese klassischen ‚Medikamente der Wahl‘ durch psychoaktive Substanzen in Mikrodosierung zu ersetzen. Damit könnten unter Umständen die zum Teil starken Nebenwirkungen hochpotenter klassischer Medikamente vermieden werden.
Das Gehirn besitzt die Fähigkeit sich selbst zu reparieren. Gehirnscans von Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma zeigen, dass die Funktion von geschädigten Teilen von anderen Arealen des Gehirns übernommen werden können. Auch dies stellt ein Teil der Neuroplastizität dar.

Was der Mensch selbst tun kann, um die Neuroplastizität zu fördern

Die Verschreibung und Einnahme von psychoaktiven Substanzen in kleinsten Mengen unter fachärztlicher Aufsicht verhindern einerseits die Entwicklung einer Abhängigkeit, fördert gleichzeitig die Bildung neuer Zellen und Nervenbahnen durch die Erhöhung des BDNF-Spiegels. Dies kann aber ebenso geschehen durch eine regelmäßige und intensive sportliche Tätigkeit wie Joggen, Walken oder sportliches Fahrradfahren.
Nicht nur körperliche Aktivitäten fördern die Entwicklung der Neuroplastizität. Interessante Filme und Reportagen anschauen, Reisen, aktiv werden in z.B. Vereins- und Nachbarschaftsgemeinschaften, also alles, was uns veranlasst unsere gemütliche Ecke zu verlassen, um Anderes und Neues zu entdecken erhöhen den BDNF-Spiegel.
Eine multimodale Therapie als Antwort auf eine vielleicht multikausale Störung erscheint in diesem Licht als eine nicht nur mögliche, sondern auch logische Antwort.

Zum Schluss das Wichtigste

Die guten Dinge harmonisieren, die Synergieeffekte nutzen
Eine kombinierte Therapie bestehend aus mikrodosierten psychoaktiven Substanzen und körperlich-geistigen Aktivitäten setzt ein hohes Maß an individueller Therapiebereitschaft und individuellem Verantwortungsbewusstsein voraus.
Die höchste Form, eine solche Therapie- und Verantwortungsbereitschaft übernehmen zu können, ist die Entscheidung, sich auf mentale Trainingstechniken wie Meditation und Achtsamkeitsübungen einzulassen.

Fazit

Die Dominanz des Seelisch-Geistigen als Basis des Physischen
Inhalt dieser Übungen könnte zum Beispiel das Nachdenken über Zweck und Ziel der eigenen Existenz nachzudenken oder in einer Gesprächstherapie zu entwickeln.
Eigeninitiative in Selbstverantwortung, Reflexion des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns sind absolut notwendige Elemente, um letztlich die Kontrolle über das eigene Leben trotz bestehender Einschränkungen zurückzugewinnen.

Adaptiert von
Quelle: https://microdse-journey.com/de/neuroplastizitaet/