Mit Beiträgen von Walter Lenz

Kategorie: Allgemein (Seite 1 von 35)

Wenn Wörter Geschichte schreiben

Wie Bibelübersetzungen unseren Glauben veränderten – und warum jede Generation die Heilige Schrift neu entdeckt

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wir könnten eine Zeitmaschine besteigen und uns unter die Menschen mischen, die Jesus vor rund zweitausend Jahren zuhörten. Wir stünden auf einem staubigen Hügel in Galiläa, zwischen Fischern, Handwerkern, Tagelöhnern. Jesus spricht, die Menschen nicken, runzeln die Stirn, beginnen zu diskutieren.

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Die Jungfrau, die keine war

Wie ein Wort zwei Frauenbilder erschuf – und warum menschliche Entscheidungen  manchmal zu göttlichen Wahrheiten werden

Manchmal verändert nicht ein Krieg die Welt, nicht eine Revolution, nicht die Erfindung einer neuen Technik, sondern ein einziges Wort – eines, das zwei Bedeutungen zulässt und über das sich Übersetzer und Leser uneinig sind. Solange dieser Streit offenbleibt, bleibt auch die Freiheit des Denkens erhalten, denn verschiedene Deutungen stehen nebeneinander, ohne dass eine das Recht besäße, sich endgültig über die anderen zu erheben.

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Parzival – eine Frau findet sich

Die sieben Tore der Vera K.

Vor fünftausend Jahren erzählten Menschen in den Städten zwischen Euphrat und Tigris von einer Frau, die alles besaß, was man besitzen konnte. Sie nannten sie Inanna. Sie war Königin. Himmelskönigin. Göttin der Liebe, des Krieges, der Fruchtbarkeit. Menschen knieten vor ihr. Tempel wurden ihr gebaut. Aber seltsamerweise erzählten die alten Geschichten nicht von ihrem Aufstieg. Sie erzählten vom Hinabsteigen. Von sieben Toren. Und an jedem Tor verlor sie etwas.

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Die Inflation des Ich

Wie aus einer seltenen Störung eine Alltagsdiagnose wurde – Grundlagen des Narzissmus zwischen klinischer Realität und kultureller Zuschreibung

Die Inflation des Ich
Die Inflation des Ich

Jemand widerspricht zu selbstbewusst, jemand redet zu viel von sich, jemand trägt seinen Erfolg zu offen zur Schau – und schon fällt das Wort. Narzisst. Es ist zu einer Art Kampfbegriff geworden, mit dem der Alltag seine Sonderlinge, seine Unbequemen, seine Erfolgreichen sortiert. Wer aber genauer hinsieht, entdeckt hinter dem inflationären Gebrauch eine ernste, klinisch klar umrissene Störung – und eine, die weit komplexer ist, als es die Küchentisch-Diagnose vermuten lässt.

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SCHWEIG NICHT, WÄHLE!

Caeruleae ante portas
blaubraun klopft an

Von der Fülle der Möglichkeiten über die Beliebigkeit bequemer Unentschlossenheit bis zur erzwungenen Einfalt des Verstummten

Es beginnt mit einem Zimmer voller Türen. Jede steht offen, jede verspricht einen anderen Weg, ein anderes Leben, eine andere Version deiner selbst. Du stehst in der Mitte, drehst dich, betrachtest die Möglichkeiten, und für einen Moment fühlt sich das an wie Freiheit. Dann vergeht der Moment. Die Türen bleiben offen, du drehst dich weiter, und irgendwann bemerkst du nicht mehr, dass sich draußen längst etwas anderes vollzieht: Andere gehen durch die Türen, die du offen gelassen hast, und schließen sie hinter sich. Wenn du endlich stehen bleibst, ist das Zimmer leerer geworden, und die Wahl, die du dir so lange bewahrt hast, existiert nicht mehr. Sie ist getroffen worden – nur nicht von dir.

SCHWEIG NICHT, WÄHLE!
SCHWEIG NICHT, WÄHLE!

Executive Summary

Der Essay untersucht, wie aus der modernen Fülle an Möglichkeiten – der Vielfältigkeit – über eine schleichende Beliebigkeit eine träge Bequemlichkeit wird, die sich als Offenheit tarnt, in Wahrheit aber Entscheidungsverweigerung ist. Wer diesen Zustand nicht durchbricht, endet in einer unfähigen Einfältigkeit: einer Verengung des Denkens und Handelns, die er selbst nicht mehr bemerkt, weil sie sich langsam vollzogen hat. Die zentrale These, zugespitzt im Wort Edward de Bonos, lautet: Wer nicht weiß, wohin er will, kommt garantiert woanders heraus – und zwar dort, wohin andere ihn geschickt haben. Wer nicht rechtzeitig hört und spricht, wird später nur noch zu hören und zu gehorchen haben.

Worum es geht

Es geht nicht um die Kritik an Vielfalt selbst, die als Reichtum an Optionen, Perspektiven und Lebensentwürfen eine der großen Errungenschaften offener Gesellschaften ist. Es geht um das, was aus dieser Vielfalt wird, wenn sie nicht mehr genutzt, sondern nur noch verwaltet wird. Der Essay verfolgt eine Bewegung in vier Schritten – von der Fülle zur Beliebigkeit, von der Beliebigkeit zur Bequemlichkeit, von der Bequemlichkeit zur Einfalt, und von der Einfalt zur Fremdbestimmung – und fragt, an welcher Stelle dieser Kette der Mensch noch hätte eingreifen können, und was es kostet, wenn er es versäumt.

Die Fülle, die zur Last wird

Nie zuvor hatten Menschen so viele Optionen zur gleichen Zeit vor Augen. Berufe, Beziehungsformen, Weltanschauungen, Wohnorte, Identitäten – alles scheint verhandelbar, nichts scheint endgültig. Diese Fülle ist zunächst ein Segen, denn sie befreit von den engen Bahnen, in die frühere Generationen ohne eigenes Zutun gezwungen waren. Doch Fülle verlangt ein Vermögen, das nicht selbstverständlich mitgeliefert wird: die Fähigkeit, aus vielem eines zu machen. Wo diese Fähigkeit fehlt oder nicht trainiert wird, kippt die Fülle in ihr Gegenteil. Sie wird nicht mehr als Angebot erlebt, sondern als Überforderung, und die Überforderung sucht sich ein Ventil, das sie nicht mehr als Überforderung erscheinen lässt. Aus der Fülle wird die Beliebigkeit.

Die Beliebigkeit als stille Kapitulation

Beliebigkeit ist keine Entscheidung gegen etwas, sie ist die Weigerung, überhaupt zu entscheiden, verkleidet als Toleranz gegenüber allem. Man sagt, alle Wege seien gleich gut, alle Meinungen gleich gültig, alle Optionen gleich offen – und meint damit oft nur, dass man sich selbst nicht festlegen will. Diese Haltung fühlt sich souverän an, solange man sie sich leisten kann, denn sie erspart die Anstrengung des Abwägens und das Risiko des Irrtums. Doch Beliebigkeit hat einen Preis, den sie zunächst verschweigt: Wer sagt, alles sei gleich gültig, hat aufgehört, Unterschiede zu machen, und wer aufhört, Unterschiede zu machen, hat aufgehört, ein Urteil zu haben. Ein Mensch ohne Urteil ist kein freier Mensch, sondern ein Blatt im Wind, das sich für windunabhängig hält.

Die träge Bequemlichkeit, die sich als Gelassenheit tarnt

Aus der Beliebigkeit wächst, fast unmerklich, die Bequemlichkeit. Sie ist die Beliebigkeit, die sich eingerichtet hat. Man nennt sie Gelassenheit, Offenheit, Flexibilität – Worte, die eigentlich Tugenden bezeichnen, hier aber als Deckmantel dienen für etwas viel Banaleres: die schlichte Vermeidung von Anstrengung. Bequemlichkeit fragt nicht mehr, was richtig wäre, sondern nur noch, was am wenigsten kostet. Sie verschiebt die Entscheidung auf morgen, weil heute noch nichts drängt, und sie merkt nicht, dass jeder verschobene Tag die Zahl der noch offenen Wege verringert. Bequemlichkeit ist die gefährlichste der vier Stufen, weil sie sich am wohlsten anfühlt und am längsten unbemerkt bleibt. Sie ist der Mittagsschlaf, aus dem man erwacht und feststellt, dass die anderen inzwischen die Route festgelegt haben.

Die unfähige Einfältigkeit als Endpunkt der Verweigerung

Wer lange genug in der Bequemlichkeit verharrt, verliert etwas, das sich nicht so leicht zurückgewinnen lässt: die Übung im Entscheiden selbst. Entscheidungsfähigkeit ist ein Muskel, kein Zustand, und Muskeln, die nicht gebraucht werden, verkümmern. Am Ende der Kette steht daher nicht Freiheit von Festlegung, sondern ihr Gegenteil – eine Einfältigkeit, die unfähig geworden ist, komplexe Situationen zu erfassen und eigenständig zu beurteilen. Diese Einfalt ist tragisch, weil sie aus einer Bewegung entstanden ist, die mit Offenheit begann. Der Mensch, der einst zu viele Wege sah, sieht am Ende keinen mehr, und er hat diesen Verlust selbst herbeigeführt, Schritt für Schritt, ohne einen einzigen Moment, in dem er bewusst entschieden hätte, dorthin zu wollen.

Wenn andere entscheiden, fragen sie nicht

Hier liegt der Kern von de Bonos Satz und der eigentliche Stachel dieses Essays. Ein Vakuum an Entscheidung bleibt niemals leer, denn Systeme, Institutionen, Vorgesetzte, Partner, Algorithmen und Zeitläufte warten nicht darauf, dass der Unentschlossene endlich bereit ist. Sie füllen die Lücke, die er offenlässt, und sie tun das ohne Rücksprache. Wer rechtzeitig hätte sprechen können und geschwiegen hat, wird später nicht mehr gefragt, sondern nur noch informiert. Das ist der eigentliche Bruch in der Kette: Der Verlust der Mitsprache geschieht nicht als plötzlicher Akt der Enteignung, sondern als logische Konsequenz eines langen Schweigens. Wer nicht mitentscheidet, wird mitentschieden, und der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen ist der Unterschied zwischen einem Subjekt und einem Objekt der eigenen Biografie.

Der Weg zurück beginnt vor der Kreuzung, nicht auf ihr

Die gute Nachricht innerhalb dieser nüchternen Analyse ist, dass die Kette an jeder ihrer Stufen unterbrechbar bleibt, solange sie nicht ganz durchlaufen ist. Vielfalt bleibt ein Reichtum, wenn sie durch ein waches Urteil geordnet wird. Beliebigkeit lässt sich zurückdrängen, sobald man beginnt, Unterschiede wieder ernst zu nehmen. Bequemlichkeit verliert ihre Macht, sobald man den kleinen, unbequemen Schritt tut, bevor er unumgänglich wird. Und selbst die Einfältigkeit ist kein endgültiges Urteil, sondern ein Zustand, aus dem man sich – mühsamer als vorher, aber nicht unmöglich – wieder herausarbeiten kann. Entscheidend ist nicht, ob man je in Versuchung gerät, unentschlossen zu bleiben, sondern ob man den Moment erkennt, in dem aus Nachdenken Aufschub und aus Aufschub Fremdbestimmung wird.

Zum Mitnehmen

Wer nicht weiß, wohin er will, kommt garantiert woanders heraus – und dort wartet niemand, der ihn nach seiner Meinung fragt. Die Freiheit, sich nicht festzulegen, ist keine Freiheit, sondern ihr Vorzimmer, und wer zu lange darin verweilt, findet die eigentliche Tür irgendwann verschlossen. Sprich rechtzeitig, entscheide rechtzeitig, denn die Alternative ist nicht ewige Offenheit, sondern ein Leben, in dem andere für dich sprechen und du nur noch zu schweigen hast.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum – und in diesem Raum bist du frei

Warum der Mensch kein Pawlowscher Hund ist, was das mit Erziehung zu tun hat,  und weshalb Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet

Es ist ein ganz gewöhnlicher Abend. Das Kind räumt nicht auf. Wieder nicht. Die Mutter fährt hoch, die Stimme wird scharf, Worte fallen, die sie sofort bereut. Oder: Der Chef schreibt eine schneidende E-Mail. Der Finger zuckt schon zur Tastatur, bevor der Kopf auch nur einen einzigen klaren Gedanken gefasst hat. Oder: Das Smartphone piept, und wir greifen hin — nicht weil wir es wollen, sondern weil etwas in uns einfach greift.

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Wenn die Mitte schweigt, redet der Rand

Fundamentalismus, Radikalismus, Extremismus – warum die offene Gesellschaft ihre eigene Auflösung organisiert

Es beginnt immer mit einem Gefühl. Nicht mit einer Ideologie, nicht mit einem Buch, nicht einmal mit einem Anführer. Es beginnt mit der stummen, nahezu körperlichen Überzeugung: Ich gehöre nicht dazu. Ich bin zu kurz gekommen. Und irgendjemand trägt dafür die Schuld.

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JUDITH – DIE FRAU, DIE DIE REGELN BRICHT

Wie eine alte biblische Figur zur modernen Ikone wird zwischen Selbstermächtigung, Ambivalenz und moralischer Zumutung Es ist Nacht. Eine undurchdringliche Dunkelheit hüllt das riesige Lager eines gewaltigen Heeres ein, dessen unzählige Zelte wie blasse Schatten unter dem unendlichen Firmament liegen. Nur das ferne Knistern der letzten Lagerfeuer und das leise Wimmern der Wachen durchbrechen die Stille.

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Vier Frauen, vier Strategien – und keine spielt nach den Regeln

Wie Deborah, Jael, Judith und Michal Macht neu erfinden –  und warum das heute noch vertraut wirkt

Die Szene wirkt fast filmisch: Staub hängt in der Luft, irgendwo klirrt Metall, und zwischen all den Männern, die kämpfen, befehlen, versagen oder zögern, stehen plötzlich Frauen im Mittelpunkt, die eigentlich gar nicht vorgesehen waren. Deborah sitzt unter einer Palme und spricht Recht, ruhig, klar, fast unbequem souverän. Jael beugt sich über einen schlafenden Mann, ihr Gesicht unbewegt, die Hand fest am Zeltpflock. Judith tritt geschniegelt ins feindliche Lager, wissend, dass ihr Körper zum Argument wird. Und irgendwo am Rand steht Michal, schaut zu, liebt zuerst, verachtet später – und bleibt dabei die vielleicht modernste von allen.

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Als David tanzte – und Michal ihn verlor

Die Geschichte einer großen Liebe, die nicht an Verrat zerbrach, sondern an Veränderung. Über Loyalität, Enttäuschung und den Augenblick, in dem man erkennt, dass der Mensch, den man einst liebte, nicht mehr derselbe ist.

Die Abendsonne liegt über Jerusalem. Aus den Gassen dringt Musik. Trommeln schlagen einen Rhythmus, Menschen jubeln, Kinder laufen lachend durch die Menge, und irgendwo in diesem Strom aus Begeisterung tanzt ein Mann. Er tanzt nicht würdevoll. Er tanzt nicht kontrolliert. Er tanzt mit einer Hingabe, die alles andere vergessen lässt. Die Menge liebt ihn dafür. Sie sieht Freude, Freiheit und Leidenschaft. Doch oben an einem Fenster steht eine Frau und sieht etwas völlig anderes. Sie sieht das Ende einer Liebe.  Nicht einmal das Ende. Das Ende ist schon länger da. Was sie jetzt sieht, ist die Bestätigung.

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