Mit Beiträgen von Walter Lenz

Kategorie: Allgemein (Seite 2 von 33)

Wie sich ein Leben in den Körper schreibt – und was eine Ökologie des Menschen darin lesen kann

Sie sitzt etwas vorgebeugt. Nicht auf eine Art, die krank wirkt, eher auf eine Art, die vertraut ist – als hätte der Körper sich eine Haltung angewöhnt, die irgendwann einmal Schutz bedeutete und nun einfach geblieben ist. Renate K. ist 63 Jahre alt, hat braune Augen, redet präzise und stockt manchmal mitten im Satz, als würde sie prüfen, ob das, was sie sagen will, auch gesagt werden darf. Sie klagt über Schmerzen im Nacken und in den Schultern, über einen Rücken, der sie morgens kaum aus dem Bett lässt und über Schwindelgefühle ohne klaren medizinischen Befund.  Sie klagt über eine merkwürdige Unfähigkeit, Dinge zu erledigen, die sie eigentlich will, oder Dinge loszulassen, die sie längst nicht mehr braucht. Wer ihr erstes Gespräch nur als Symptomerhebung liest, sieht eine Frau mit funktionellen Beschwerden und diffuser Somatisierung.

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Der Reiz des Jetzt — Gegenwartsbias, Prokrastination und die stille Architektur des Scheiterns

Es ist ein Dienstagvormittag. Der Kaffee ist frisch. Die Liste liegt bereit. Und trotzdem öffnet sich zuerst der Browser, dann ein Video, dann irgendein Kaninchenbau aus Empfehlungen und Ablenkungen – bis der Vormittag weg ist und mit ihm das leise Versprechen, das man sich selbst gegeben hatte. Niemand hat entschieden, heute nichts zu tun. Es ist einfach passiert. Langsam, unmerklich, durch eine Reihe kleiner Ja-Sagen zu dem, was im Moment angenehmer war.

Der Reiz des Jetzt — Gegenwartsbias, Prokrastination und die stille Architektur des Scheiterns
Der Reiz des Jetzt — Gegenwartsbias, Prokrastination und die stille Architektur des Scheiterns
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Wenn der Körper stolpert – und die Seele spricht

Ein Leben zwischen Verlusttrauma und neurologischer Irritation

Es gibt Momente, in denen ein Mensch mitten im Satz innehält. Nicht weil ihm die Worte fehlen. Sondern weil der Faden, an dem die Worte hängen, kurz – nur kurz – nicht da ist. Eine halbe Sekunde, vielleicht eine ganze. Das Gegenüber wartet. Der Mensch runzelt die Stirn, nicht ärgerlich, eher suchend, mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der weiß, dass er etwas weiß, und der gerade nicht drankommt. Dann – manchmal – findet er es wieder. Und manchmal setzt er einfach neu an, an einer anderen Stelle, als wäre der verlorene Faden nie gewesen. Dieser Moment ist klein. Er dauert nicht lang. Aber er hinterlässt etwas. Vor allem bei dem, dem er passiert.

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Die Waage im Inneren

Über das fragile Gleichgewicht von Schmerz und Sinn – und wie wir lernen, es zu halten

Die Waage im Inneren
Die Waage im Inneren

Manchmal genügt ein einziger Moment, um zu spüren, wie widersprüchlich Leben ist. Ein Lächeln mitten in der Trauer, ein Hoffnungsschimmer im Schatten einer Angst, ein stilles Glück, das sich nicht rechtfertigen muss, obwohl ringsum vieles brüchig erscheint.

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Von Rut und Fathmagül (1300 v.Chr. – 2000 n.Chr.)   

Warum Zugehörigkeit eine Entscheidung ist – und kein Schicksal

Es beginnt leise, fast unscheinbar: Eine Frau steht an der Grenze zwischen dem, was sie kennt, und dem, was sie noch nicht begreifen kann. Hinter ihr liegt die vertraute Welt aus Sprache, Gewohnheiten und Erwartungen – die Gerüche des Marktes, die Stimmen der Nachbarinnen, die stillen Regeln einer Gesellschaft, in der man weiß, wer man ist, weil andere es einem täglich bestätigen. Ihr Gewand verrät, woher sie kommt: Es ist die Kleidung einer Frau, die eingebettet ist, die dazugehört, die erkennbar ist als Teil einer Ordnung, die größer ist als sie selbst. Diese Welt ist nicht nur Heimat, sie ist Spiegel – und Schutz und Käfig zugleich. Rut, die Frau aus Moab, kennt diese Ordnung. Sie kennt ihren Platz darin, ihre Pflichten, ihre Grenzen.

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