Caeruleae ante portas
blaubraun klopft an
Von der Fülle der Möglichkeiten über die Beliebigkeit bequemer Unentschlossenheit bis zur erzwungenen Einfalt des Verstummten
Es beginnt mit einem Zimmer voller Türen. Jede steht offen, jede verspricht einen anderen Weg, ein anderes Leben, eine andere Version deiner selbst. Du stehst in der Mitte, drehst dich, betrachtest die Möglichkeiten, und für einen Moment fühlt sich das an wie Freiheit. Dann vergeht der Moment. Die Türen bleiben offen, du drehst dich weiter, und irgendwann bemerkst du nicht mehr, dass sich draußen längst etwas anderes vollzieht: Andere gehen durch die Türen, die du offen gelassen hast, und schließen sie hinter sich. Wenn du endlich stehen bleibst, ist das Zimmer leerer geworden, und die Wahl, die du dir so lange bewahrt hast, existiert nicht mehr. Sie ist getroffen worden – nur nicht von dir.

Executive Summary
Der Essay untersucht, wie aus der modernen Fülle an Möglichkeiten – der Vielfältigkeit – über eine schleichende Beliebigkeit eine träge Bequemlichkeit wird, die sich als Offenheit tarnt, in Wahrheit aber Entscheidungsverweigerung ist. Wer diesen Zustand nicht durchbricht, endet in einer unfähigen Einfältigkeit: einer Verengung des Denkens und Handelns, die er selbst nicht mehr bemerkt, weil sie sich langsam vollzogen hat. Die zentrale These, zugespitzt im Wort Edward de Bonos, lautet: Wer nicht weiß, wohin er will, kommt garantiert woanders heraus – und zwar dort, wohin andere ihn geschickt haben. Wer nicht rechtzeitig hört und spricht, wird später nur noch zu hören und zu gehorchen haben.
Worum es geht
Es geht nicht um die Kritik an Vielfalt selbst, die als Reichtum an Optionen, Perspektiven und Lebensentwürfen eine der großen Errungenschaften offener Gesellschaften ist. Es geht um das, was aus dieser Vielfalt wird, wenn sie nicht mehr genutzt, sondern nur noch verwaltet wird. Der Essay verfolgt eine Bewegung in vier Schritten – von der Fülle zur Beliebigkeit, von der Beliebigkeit zur Bequemlichkeit, von der Bequemlichkeit zur Einfalt, und von der Einfalt zur Fremdbestimmung – und fragt, an welcher Stelle dieser Kette der Mensch noch hätte eingreifen können, und was es kostet, wenn er es versäumt.
Die Fülle, die zur Last wird
Nie zuvor hatten Menschen so viele Optionen zur gleichen Zeit vor Augen. Berufe, Beziehungsformen, Weltanschauungen, Wohnorte, Identitäten – alles scheint verhandelbar, nichts scheint endgültig. Diese Fülle ist zunächst ein Segen, denn sie befreit von den engen Bahnen, in die frühere Generationen ohne eigenes Zutun gezwungen waren. Doch Fülle verlangt ein Vermögen, das nicht selbstverständlich mitgeliefert wird: die Fähigkeit, aus vielem eines zu machen. Wo diese Fähigkeit fehlt oder nicht trainiert wird, kippt die Fülle in ihr Gegenteil. Sie wird nicht mehr als Angebot erlebt, sondern als Überforderung, und die Überforderung sucht sich ein Ventil, das sie nicht mehr als Überforderung erscheinen lässt. Aus der Fülle wird die Beliebigkeit.
Die Beliebigkeit als stille Kapitulation
Beliebigkeit ist keine Entscheidung gegen etwas, sie ist die Weigerung, überhaupt zu entscheiden, verkleidet als Toleranz gegenüber allem. Man sagt, alle Wege seien gleich gut, alle Meinungen gleich gültig, alle Optionen gleich offen – und meint damit oft nur, dass man sich selbst nicht festlegen will. Diese Haltung fühlt sich souverän an, solange man sie sich leisten kann, denn sie erspart die Anstrengung des Abwägens und das Risiko des Irrtums. Doch Beliebigkeit hat einen Preis, den sie zunächst verschweigt: Wer sagt, alles sei gleich gültig, hat aufgehört, Unterschiede zu machen, und wer aufhört, Unterschiede zu machen, hat aufgehört, ein Urteil zu haben. Ein Mensch ohne Urteil ist kein freier Mensch, sondern ein Blatt im Wind, das sich für windunabhängig hält.
Die träge Bequemlichkeit, die sich als Gelassenheit tarnt
Aus der Beliebigkeit wächst, fast unmerklich, die Bequemlichkeit. Sie ist die Beliebigkeit, die sich eingerichtet hat. Man nennt sie Gelassenheit, Offenheit, Flexibilität – Worte, die eigentlich Tugenden bezeichnen, hier aber als Deckmantel dienen für etwas viel Banaleres: die schlichte Vermeidung von Anstrengung. Bequemlichkeit fragt nicht mehr, was richtig wäre, sondern nur noch, was am wenigsten kostet. Sie verschiebt die Entscheidung auf morgen, weil heute noch nichts drängt, und sie merkt nicht, dass jeder verschobene Tag die Zahl der noch offenen Wege verringert. Bequemlichkeit ist die gefährlichste der vier Stufen, weil sie sich am wohlsten anfühlt und am längsten unbemerkt bleibt. Sie ist der Mittagsschlaf, aus dem man erwacht und feststellt, dass die anderen inzwischen die Route festgelegt haben.
Die unfähige Einfältigkeit als Endpunkt der Verweigerung
Wer lange genug in der Bequemlichkeit verharrt, verliert etwas, das sich nicht so leicht zurückgewinnen lässt: die Übung im Entscheiden selbst. Entscheidungsfähigkeit ist ein Muskel, kein Zustand, und Muskeln, die nicht gebraucht werden, verkümmern. Am Ende der Kette steht daher nicht Freiheit von Festlegung, sondern ihr Gegenteil – eine Einfältigkeit, die unfähig geworden ist, komplexe Situationen zu erfassen und eigenständig zu beurteilen. Diese Einfalt ist tragisch, weil sie aus einer Bewegung entstanden ist, die mit Offenheit begann. Der Mensch, der einst zu viele Wege sah, sieht am Ende keinen mehr, und er hat diesen Verlust selbst herbeigeführt, Schritt für Schritt, ohne einen einzigen Moment, in dem er bewusst entschieden hätte, dorthin zu wollen.
Wenn andere entscheiden, fragen sie nicht
Hier liegt der Kern von de Bonos Satz und der eigentliche Stachel dieses Essays. Ein Vakuum an Entscheidung bleibt niemals leer, denn Systeme, Institutionen, Vorgesetzte, Partner, Algorithmen und Zeitläufte warten nicht darauf, dass der Unentschlossene endlich bereit ist. Sie füllen die Lücke, die er offenlässt, und sie tun das ohne Rücksprache. Wer rechtzeitig hätte sprechen können und geschwiegen hat, wird später nicht mehr gefragt, sondern nur noch informiert. Das ist der eigentliche Bruch in der Kette: Der Verlust der Mitsprache geschieht nicht als plötzlicher Akt der Enteignung, sondern als logische Konsequenz eines langen Schweigens. Wer nicht mitentscheidet, wird mitentschieden, und der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen ist der Unterschied zwischen einem Subjekt und einem Objekt der eigenen Biografie.
Der Weg zurück beginnt vor der Kreuzung, nicht auf ihr
Die gute Nachricht innerhalb dieser nüchternen Analyse ist, dass die Kette an jeder ihrer Stufen unterbrechbar bleibt, solange sie nicht ganz durchlaufen ist. Vielfalt bleibt ein Reichtum, wenn sie durch ein waches Urteil geordnet wird. Beliebigkeit lässt sich zurückdrängen, sobald man beginnt, Unterschiede wieder ernst zu nehmen. Bequemlichkeit verliert ihre Macht, sobald man den kleinen, unbequemen Schritt tut, bevor er unumgänglich wird. Und selbst die Einfältigkeit ist kein endgültiges Urteil, sondern ein Zustand, aus dem man sich – mühsamer als vorher, aber nicht unmöglich – wieder herausarbeiten kann. Entscheidend ist nicht, ob man je in Versuchung gerät, unentschlossen zu bleiben, sondern ob man den Moment erkennt, in dem aus Nachdenken Aufschub und aus Aufschub Fremdbestimmung wird.
Zum Mitnehmen
Wer nicht weiß, wohin er will, kommt garantiert woanders heraus – und dort wartet niemand, der ihn nach seiner Meinung fragt. Die Freiheit, sich nicht festzulegen, ist keine Freiheit, sondern ihr Vorzimmer, und wer zu lange darin verweilt, findet die eigentliche Tür irgendwann verschlossen. Sprich rechtzeitig, entscheide rechtzeitig, denn die Alternative ist nicht ewige Offenheit, sondern ein Leben, in dem andere für dich sprechen und du nur noch zu schweigen hast.
Über den Autor:
Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.