Identität entsteht nicht im Spiegel allein, sondern im Blick auf den Anderen. Doch genau dort beginnt auch die Versuchung, Unterschiede in Überlegenheit undFremdheit in Feindschaft zu verwandeln.

Es gibt Sätze, die zunächst irritieren, weil sie etwas aussprechen, was viele Menschen empfinden, aber nur wenige offen formulieren. Einer davon lautet: „Du musst erkennen können, wer die anderen sind, damit du weißt, wer wir sind.“ Manche werden darin sofort den Keim von Nationalismus oder Ausgrenzung erkennen, während andere zustimmend nicken und einwenden, Identität entstehe doch ohnehin erst im Unterschied. Beide Reaktionen tragen einen Teil der Wahrheit in sich, denn der Satz beschreibt zunächst nichts weiter als einen psychologischen Grundmechanismus – er sagt noch nichts darüber aus, ob dieser Mechanismus human oder unmenschlich genutzt wird. Zwischen gesunder Identitätsbildung und ideologischer Feindbildproduktion liegt ein schmaler, aber entscheidender Grat.

Wer sind „wir" – wenn wir nicht wissen, wer die anderen sind?
Wer sind „wir“ – wenn wir nicht wissen, wer die anderen sind?

Überblick

Der Mensch entwickelt seine Identität niemals im luftleeren Raum. Individualpsychologisch entsteht das Ich im Gegenüber zum Du, sozialpsychologisch entsteht das Wir im Verhältnis zu den Anderen. Gesellschaften und Nationen benötigen deshalb gemeinsame Bezugspunkte, gemeinsame Werte und gemeinsame Erzählungen, denn ohne ein Bewusstsein dafür, was sie verbindet und worin sie sich von anderen unterscheiden, verlieren Gemeinschaften ihre Orientierung. Genau hier aber beginnt auch die Gefahr: Aus notwendiger Abgrenzung kann moralische Abwertung werden, aus Verschiedenheit wird leicht Fremdheit, aus Fremdheit entsteht Angst, und aus Angst wachsen Feindbilder. Der entscheidende Unterschied liegt deshalb nicht darin, ob Menschen unterscheiden, sondern wie sie unterscheiden.

Worum es geht

Die moderne Gesellschaft bewegt sich häufig zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, jede Form von Unterscheidung sei bereits Diskriminierung; auf der anderen Seite wird jede Differenz zum Beweis einer angeblichen Überlegenheit der eigenen Gruppe erklärt. Beide Sichtweisen verkennen die psychologische Realität: Menschen brauchen Identität, Identität braucht Grenzen – doch Grenzen sind keine Mauern. Sie definieren einen Raum, ohne den anderen den eigenen Raum abzusprechen. Gerade in einer pluralistischen Demokratie besteht die eigentliche Kunst darin, Identität und Offenheit gleichzeitig zu ermöglichen, statt sie gegeneinander auszuspielen.

Das Ich entsteht am Du

Die Individualpsychologie hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Mensch seine Persönlichkeit nicht isoliert entwickelt. Schon das kleine Kind entdeckt sich dadurch, dass andere auf es reagieren: Es erlebt Zustimmung und Ablehnung, Nähe und Distanz, Erfolg und Misserfolg, und erst aus diesem fortlaufenden Wechselspiel entsteht allmählich ein Bild der eigenen Person. Man könnte sagen: Das Ich ist kein fertiger Gegenstand, sondern ein lebenslanges Antwortschreiben auf die Begegnung mit anderen Menschen.

Der Andere ist deshalb niemals nur eine Bedrohung, sondern zugleich Voraussetzung meiner Selbstwahrnehmung. Ohne Unterschied gäbe es keine Kontur, so wie eine Zeichnung erst durch ihre Linien sichtbar wird und Identität erst durch Unterschiede erkennbar wird. Diese Unterschiede müssen dabei keineswegs wertend sein: Ein Mensch entdeckt vielleicht, dass er eher ruhig als temperamentvoll ist, eher analytisch als intuitiv oder eher introvertiert als extrovertiert – und jede dieser Eigenschaften gewinnt ihre Bedeutung erst im Vergleich mit anderen Möglichkeiten menschlichen Lebens.

Das Wir entsteht am Anderen

Was für Individuen gilt, gilt ebenso für Gruppen. Jede Familie entwickelt ihre eigenen Rituale, jeder Freundeskreis seinen eigenen Humor, jede Berufsgruppe ihre Sprache, jede Kultur ihre Symbole, jede Nation ihre Geschichte. Sozialpsychologisch spricht man von sozialer Identität: Menschen definieren sich nicht nur über persönliche Eigenschaften, sondern ebenso über ihre Zugehörigkeiten – ob als Sohn oder Tochter, als Lehrerin oder Handwerker, als Europäer, als Deutsche, als Christ, Muslimin oder Atheist, als Mitglied eines Vereins. All diese Identitäten entstehen nicht unabhängig von anderen Gruppen, sondern im Verhältnis zu ihnen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch Konkurrenz, denn Unterschied bedeutet zunächst schlicht Unterschied – nicht mehr und nicht weniger.

Nation Building und die Suche nach dem gemeinsamen Wir

Auch Staaten benötigen eine gemeinsame Identität. Kein demokratischer Staat kann ausschließlich über Gesetze zusammengehalten werden; Menschen müssen darüber hinaus das Gefühl entwickeln, dass sie zu einer politischen Gemeinschaft gehören. Deshalb erzählen Nationen Geschichten über ihre Entstehung, erinnern an historische Wendepunkte, feiern Feiertage und pflegen Symbole wie Flaggen oder Hymnen. Diese Symbole sollen idealerweise keine Überlegenheit ausdrücken, sondern Zusammengehörigkeit stiften. Ein funktionierender Staat braucht ein Mindestmaß gemeinsamer Loyalität, denn ohne ein gemeinsames Wir wird Politik zu einem bloßen Nebeneinander konkurrierender Gruppeninteressen. Nation Building bedeutet deshalb im besten Sinne nicht, andere abzuwerten, sondern das Gemeinsame bewusst zu machen.

Die notwendige Abgrenzung

Jede Identität benötigt Grenzen. Eine Familie ist keine Familie mehr, wenn jeder jederzeit dazugehört; ein Verein verliert seine Bedeutung, wenn Mitgliedschaft bedeutungslos wird; eine Demokratie kann ihre Werte nicht verteidigen, wenn sie keinerlei Maßstäbe mehr besitzt. Abgrenzung ist deshalb kein Zeichen von Feindseligkeit, sondern lediglich die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen und eigene Werte zu formulieren. Ein Mensch darf sagen: Das entspricht meinen Überzeugungen, das gehört zu meiner Kultur, das ist meine Sprache, das ist meine Tradition – und keine dieser Aussagen verletzt jemanden. Sie beschreiben lediglich Identität, ohne sie einer anderen entgegenzusetzen.

Wann Abgrenzung zur Ausgrenzung wird

Problematisch wird Identität dort, wo Unterschiede moralisiert werden. Dann genügt nicht mehr die Aussage „Wir sind anders“, sondern es heißt: „Wir sind besser.“ Aus Verschiedenheit wird auf diese Weise Überlegenheit, aus Überlegenheit entsteht Geringschätzung, aus Geringschätzung wächst Diskriminierung, und schließlich entstehen Feindbilder. Die Geschichte zeigt, dass nahezu jede Form von Extremismus genau diesen Weg gegangen ist. Nicht der Unterschied war dabei das Problem, sondern die moralische Aufladung des Unterschieds.

Die Psychologie des Feindbildes

Feindbilder erfüllen psychologisch mehrere Funktionen zugleich: Sie vereinfachen eine komplexe Welt, stärken den inneren Zusammenhalt der eigenen Gruppe, bieten einfache Schuldige für schwierige Probleme und entlasten dabei ganz nebenbei das eigene Selbstbild. Deshalb entstehen Feindbilder besonders dann, wenn Gesellschaften unter Unsicherheit leiden – sei es durch wirtschaftliche Krisen, politische Instabilität, kulturellen Wandel, Migration oder technologische Umbrüche. Je größer die Unsicherheit, desto größer wird häufig auch die Versuchung, eindeutige Gegner zu definieren, an denen sich die eigene Verunsicherung abarbeiten lässt.

Die Sozialpsychologie kennt zahlreiche Mechanismen, durch die Menschen die eigene Gruppe positiver wahrnehmen als fremde Gruppen. Diese Tendenzen sind weit verbreitet und zunächst durchaus normale Bestandteile menschlicher Wahrnehmung; sie führen jedoch nicht zwangsläufig zu Vorurteilen oder Diskriminierung. Entscheidend ist vielmehr, ob Unterschiede differenziert betrachtet oder pauschal verallgemeinert werden.

Political Bias, Social Bias und Racial Bias

Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf unterschiedliche Formen solcher Verzerrungen. Political Bias entsteht dort, wo politische Zugehörigkeiten wichtiger werden als die Bereitschaft, Argumente unvoreingenommen zu prüfen; Menschen werden dann nicht mehr nach ihren Aussagen beurteilt, sondern danach, welchem Lager sie zugerechnet werden. Social Bias zeigt sich, wenn soziale Herkunft, Bildung, Beruf oder Einkommen zum Maßstab menschlicher Wertigkeit werden – auch hier entstehen schnell unsichtbare Grenzen zwischen einem vermeintlichen Wir und den Anderen. Racial Bias schließlich reduziert Menschen auf zugeschriebene biologische oder ethnische Merkmale und verbindet diese mit pauschalen Annahmen über Fähigkeiten, Charakter oder Wert – Zuschreibungen, die wissenschaftlich nicht geeignet sind, individuelle Eigenschaften vorherzusagen, und die historisch erhebliches Leid verursacht haben. Allen drei Verzerrungen ist gemeinsam, dass sie komplexe Menschen auf eine einzige Gruppenzugehörigkeit reduzieren und damit alles andere an ihnen unsichtbar machen.

Identität ohne Feindschaft

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung moderner Demokratien darin, eine paradoxe Fähigkeit zu entwickeln: starke Identitäten zu ermöglichen, ohne Feindbilder zu produzieren; kulturelle Unterschiede anzuerkennen, ohne Menschen auf ihre Herkunft zu reduzieren; Integration zu fördern, ohne Assimilation zu erzwingen; Vielfalt zuzulassen, ohne jede gemeinsame Orientierung aufzugeben. Eine Demokratie lebt nicht davon, dass alle gleich sind – sie lebt davon, dass Menschen trotz ihrer Unterschiede gemeinsame Regeln akzeptieren.

Die offene Identität

Vielleicht ist der eingangs zitierte Satz deshalb unvollständig. Nicht nur „Du musst erkennen können, wer die anderen sind, damit du weißt, wer wir sind“, sondern ebenso wichtig wäre seine Ergänzung: „Du musst erkennen können, dass die anderen ebenso ein Wir besitzen wie du.“ Erst beide Sätze zusammen machen aus Identität keine Waffe, sondern eine Brücke.

Diese Ergänzung ist mehr als eine höfliche Geste des Ausgleichs. Sie verändert die gesamte Blickrichtung. Der erste Satz beschreibt einen Vorgang der Abgrenzung: Ich definiere mich, indem ich den Anderen als das Andere markiere. Der zweite Satz durchbricht diese Einbahnstraße, denn er verlangt einen Perspektivwechsel, der nicht mehr von mir aus, sondern vom Anderen aus denkt. Er fragt nicht mehr: Wer sind die, damit ich weiß, wer ich bin? Er fragt: Wie sieht die Welt aus, wenn ich für einen Moment mit den Augen des Anderen schaue und entdecke, dass auch dort ein Zuhause, eine Geschichte, ein Wir existiert, das sich ebenso selbstverständlich anfühlt wie das eigene? Diese doppelte Bewegung – sich abzugrenzen und zugleich anzuerkennen, dass der Andere dasselbe tut – ist der eigentliche Kern dessen, was man reife Identität nennen könnte. Sie verzichtet nicht auf Unterscheidung, aber sie verzichtet auf Hierarchie.

Man kann diesen Gedanken auch philosophisch fassen: Identität entsteht nicht durch einseitige Abgrenzung, sondern durch wechselseitige Anerkennung. Bereits Hegel hat beschrieben, dass ein Selbstbewusstsein erst dann wirklich zu sich selbst findet, wenn es vom Anderen als eigenständiges Bewusstsein anerkannt wird – und diese Anerkennung nur dann tragfähig ist, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht. Wo nur eine Seite anerkannt werden will, ohne die andere ebenso anzuerkennen, entsteht ein Verhältnis von Herrschaft, nicht von Begegnung. Übertragen auf Gruppen, Kulturen und Nationen bedeutet das: Ein Wir, das nur verlangt, gesehen zu werden, ohne selbst zu sehen, bleibt in einem unreifen, letztlich unsicheren Zustand gefangen. Es braucht die ständige Bestätigung der eigenen Überlegenheit, weil ihm die stabilere Grundlage der gegenseitigen Anerkennung fehlt.

Der Andere ist deshalb nicht bloß die Grenze meiner Identität – er erinnert mich zugleich daran, dass jede Gemeinschaft aus Menschen besteht, die sich selbst ebenfalls als Wir verstehen, mit eigenen Ritualen, eigenen Verwundbarkeiten und eigenen Geschichten von Zugehörigkeit. Wer das begreift, kann Unterschiede benennen, ohne sie zu dämonisieren. Er kann das Eigene bewahren, ohne das Fremde zu entwerten. Er kann Grenzen ziehen, ohne Menschen auszuschließen. Und er gewinnt dabei etwas, das der bloß abgrenzenden Identität fehlt: die Fähigkeit, sich selbst mit den Augen eines Anderen zu sehen, ohne daran zu zerbrechen. Das ist keine Schwäche, sondern die vielleicht anspruchsvollste Form von Souveränität – die Souveränität, die eigene Position nicht durch Abwertung, sondern durch Klarheit zu behaupten.

Praktisch zeigt sich diese offene Identität oft in kleinen, fast beiläufigen Momenten: in dem Satz, mit dem jemand einen fremden Brauch nicht kommentiert, sondern zunächst nach seinem Sinn fragt; in der Bereitschaft, die eigene Geschichte auch aus der Perspektive derer zu erzählen, die einst am Rand standen; in dem stillen Verzicht darauf, aus jeder kulturellen Differenz sofort eine Rangfolge zu machen. Solche Momente verändern selten die große Politik, aber sie verändern das Klima, in dem Politik überhaupt stattfindet – und genau darin liegt ihre leise, aber beständige Kraft.

Zum Mitnehmen

Vielleicht besteht die eigentliche Reife einer Person, einer Gesellschaft und einer Nation genau darin, zu wissen, wer man ist, ohne dafür jemanden zu brauchen, der weniger wert sein soll. Identität gewinnt ihre größte Stärke nicht aus der Existenz eines Feindes, sondern aus der Klarheit ihrer eigenen Werte. Wer sich seiner selbst sicher ist, muss den Anderen weder leugnen noch bekämpfen. Er kann ihm begegnen – mit Selbstbewusstsein, mit Neugier und mit jener Gelassenheit, die weiß, dass Verschiedenheit nicht das Ende des Gemeinsamen bedeutet, sondern oft erst dessen Anfang.

Inspiration: Michael Bauchmüller / Henrike Roßbach: Luisa Neubauer über Bewegung. Süddeutsche Zeitung v. 18./19. Juli 2026, Nr. 163, S. 46. Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT. Dieser Artikel wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.