Es gibt inzwischen eine eigene Klasse von Menschen, die man früher vielleicht einfach Journalisten, Kommentatoren oder Talkshowgäste genannt hätte und die heute eine weitaus anspruchsvollere Funktion erfüllen: Sie sind die menschliche Audioausgabe des bereits Gesagten.

Die Plapperpuppen der öffentlichen Vernunft
Die Plapperpuppen der öffentlichen Vernunft

Man setzt sie in ein Studio, gibt ihnen einen Themenzettel und wartet. Dann beginnt das Wunder. Sie sprechen. Nicht unbedingt, weil ihnen etwas eingefallen wäre. Das wäre geradezu unfair. Sie sprechen, weil gesprochen werden muss. Irgendjemand muss schließlich die Dinge aussprechen, die bereits alle ausgesprochen haben, damit sie anschließend noch einmal ausgesprochen werden können.

Theater der geistigen Wiederverwertung

Bei Hart aber Fair, Markus Lanz, Maischberger und ihren zahlreichen medialen Verwandten entsteht so Abend für Abend ein kleines Theater der geistigen Wiederverwertung. Die Kulissen wechseln, die Gesichter wechseln, gelegentlich wechselt sogar die Frisur. Der Gedanke bleibt. Er wird nur anders beleuchtet.

Man könnte das Pluralismus nennen. Man könnte es aber auch nennen, woran es eher erinnert: eine gut organisierte Puppenstube, in der die Puppen über aktuelle Ereignisse sprechen und dabei erstaunlich zuverlässig genau das sagen, was man von ihnen erwartet.

Die besonders begabten Puppen beherrschen sogar den überraschten Gesichtsausdruck:

  • „Das ist jetzt wirklich erschütternd.“ (Pause)
  • „Da müssen wir genauer hinschauen.“ (Pause)
  • „Wir müssen darüber reden.“

Natürlich müssen wir darüber reden. Wir reden ja seit drei Tagen über nichts anderes.

Die mediale Maschine

Aber das ist der Trick: Eine Nachricht wird zur Nachricht, weil sie berichtet wird. Dann wird sie zur Debatte, weil sie alle anderen berichten. Dann wird sie zur Krise, weil alle darüber debattieren. Und schließlich wird sie zum gesellschaftlichen Großthema, weil man inzwischen überall liest, dass sie ein gesellschaftliches Großthema sei.

Die mediale Maschine misst ihre eigene Bedeutung, indem sie ihre eigene Lautstärke betrachtet. Je lauter die Maschine wird, desto wichtiger muss das Thema sein.

Und wenn es nicht wichtig genug ist, wird eben noch einmal darüber gesprochen. Dann noch einmal. Und zur Sicherheit morgen wieder. Die Nachrichtenagenturen liefern das Ausgangsmaterial, die Redaktionen schneiden es zurecht, die Talkshows kneten es weich, die Kolumnisten würzen es mit Haltung und die sozialen Netzwerke werfen es anschließend in den Ventilator.

Am Ende hängt die Republik voller Informationsspritzer. Mittendrin sitzen die Plapperpuppen und verdienen gut daran, das Publikum im immer gleichen Takt zu halten.

Konformität schlägt Originalität

Sie sind nicht einmal zwingend dumm. Ihre besondere Leistung besteht darin, die eigene Denkleistung unsichtbar zu machen. Sie wissen: Originalität im Medienbetrieb birgt Risiken, Konformität bringt verlässlich Einladungen.

Also liefern sie das Erwartete:

  • Mit dem richtigen Gesicht
  • Zum richtigen Zeitpunkt
  • In der richtigen Tonlage
  • Mit dem passenden Schlagwort: „Narrativ“, „Framing“, „Take-away“, „Diskurs“ – und vor allem: „Wir müssen das einordnen.“

Die Einordnung wärmt die kalte Suppe wieder auf. Man wiederholt sie endlos, ohne je frisch kochen zu müssen.

Choreografie kontrollierter Abweichung

Der erste zitiert den zweiten, der zweite den dritten, und der dritte verweist wieder auf den ersten. Aus dieser Kette gegenseitiger Bestätigung entsteht die „breite Debatte“: breit wie eine Pfütze, selten tief, oft schmutzig.

Dahinter steckt keine geheime Regie. Es braucht keine Verschwörung, wenn das System schlicht identische Anreize setzt:

  • Wenige Nachrichtenagenturen
  • Dieselben Umfragen und Institute
  • Die immer gleichen Experten
  • Redaktionen, die voneinander abschreiben, um keinen Trend zu verpassen

Die Karawane zieht los. Nicht im plumpen Gleichschritt, sondern in einer Choreografie kontrollierter Nuancen: Jeder darf etwas anders gestikulieren und betonen: „Ich sehe das etwas differenzierter.“ Denn ohne Differenzierung keine Vielfalt, ohne Vielfalt keine Demokratie, ohne Demokratie keine Talkshow – und ohne Talkshow müsste am Ende noch jemand selbst denken.

Der Medienkater

Die Plapperpuppe übernimmt fremde Meinungen nicht nur: Sie hält sie für die eigene Schöpfung. Sie trägt das fremde Urteil wie einen maßgeschneiderten Anzug, kennt dessen Herkunft nicht mehr und freut sich über den perfekten Sitz.

Fragt man nach Belegen, folgen Standardsätze:

  • „Das sagen Experten.“ (Welche?)
  • „Das ist vielfach bestätigt.“ (Wo?)
  • „Das ist bekannt.“ (Wem?)

Und als Flucht nach vorn: „Darüber müssen wir jetzt wirklich reden.“

Reden, bis aus Information Gewissheit wird. Reden, bis aus Gewissheit Moral wird. Reden, bis aus Moral Empörung wird. Und dann wieder von vorn.

Darin liegt der eigentliche Medienkater: Nicht Informationsmangel betäubt uns, sondern das endlose Echo. Medien zeigen nicht mehr die Realität, sondern worüber andere reden. Eine Million Menschen stehen vor dem Spiegel und halten ihr Spiegelbild für das Gegenüber.

Im Hintergrund räuspert sich die nächste Puppe: „Wir müssen das jetzt erst einmal einordnen.“ Das Stück läuft weiter.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.