Willkommen im Club der Über-Sorger und Total-Kümmerer
Es gibt Menschen, die können sich um alles kümmern: Um die Kinder, um den Partner, um die Eltern, um den Job, um den Kontostand, um das Wetter am Wochenende – und natürlich um Dinge, die möglicherweise passieren könnten. Vor allem um die.

Sie nennen das Verantwortung. Ihr Umfeld rät manchmal: „Jetzt entspann dich doch mal!“ Was natürlich überhaupt nicht hilft. Denn Entspannung ist schließlich auch eine Aufgabe, und Aufgaben muss man ordentlich erledigen.
Unser modernes Leben hat uns zu erstaunlich guten Kümmermaschinen gemacht. Wir planen, erinnern, kontrollieren, googeln und vergleichen. Wir sorgen vorsichtshalber für Probleme vor, die noch gar nicht existieren. Und dann gehen wir ins Bett und wundern uns, warum der Kopf noch Überstunden macht.
Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass wir zu wenig entspannen. Vielleicht liegt es daran, dass wir aus allem eine Aufgabe machen.
Der Kopf als Krisenstab
Es gibt einen besonderen Menschentyp: Er erkennt Gefahren, bevor sie überhaupt entstehen.
„Nimm lieber einen Schirm mit.“
„Hast du das wirklich abgeschickt?“
„Wann kommst du ungefähr?“
„Schreib kurz, wenn du angekommen bist.“
Der Total-Kümmerer ist überall, und meistens meint er es gut. Sehr gut sogar. Nur wird aus Kümmern irgendwann leicht ein Vollzeitjob – und aus dem Vollzeitjob ein Lebensstil. Man wacht morgens auf und fragt nicht: „Wie geht’s mir?“, sondern: „Was könnte heute schiefgehen?“ Unser Gehirn ist für solche Aufgaben hervorragend geeignet.
Ein Freund schreibt nicht zurück.
Fünf Minuten: kein Problem.
Zwanzig Minuten: vielleicht beschäftigt.
Eine Stunde: hoffentlich ist nichts passiert.
Nach drei Stunden hat das Gehirn aus einer unbeantworteten Nachricht bereits eine Netflix-Serie gemacht – mit mehreren Staffeln.
Das Bemerkenswerte daran: Es ist noch überhaupt nichts passiert.
Wenn die Alarmanlage zum Mitbewohner wird
Abends wird es ruhiger. Der Fernseher läuft, das Handy liegt neben dem Sofa, der Tag verliert langsam an Tempo. Nur einer macht weiter: der Kopf.
Was war heute? Was kommt morgen? Habe ich etwas vergessen? Und irgendwann liegt man im Bett und merkt: Der Körper ist müde, der Kopf hat Dienst.
Wir halten Sorgen gern für eine Form von Vorsorge: Wenn ich genügend darüber nachdenke, bin ich vorbereitet. Aber Nachdenken und Sich-Sorgen sind nicht dasselbe. Nachdenken kann zu einer Lösung führen; Sich-Sorgen wird schnell zur Endlosschleife.
Manche Menschen sind darauf sogar ein bisschen stolz: „Ich bin eben jemand, der sich Gedanken macht.“ Klingt verantwortungsvoll, bedeutet manchmal aber schlicht: Ich kann schlecht loslassen.
Eine Frau sitzt auf dem Sofa
Draußen regnet es. Auf dem Tisch steht eine Tasse Tee. Neben ihr liegt ein Buch. Sie könnte lesen. Stattdessen denkt sie an den Arzttermin, die Rechnung, ihre Tochter und das Gespräch von gestern. Nach zehn Minuten ist sie geistig einmal durch drei Tage Zukunft und fünf Jahre Vergangenheit gelaufen.
Dann hört sie den Regen. Und plötzlich fällt ihr auf: Sie sitzt hier. Es ist nichts passiert.
Vielleicht ist das schon ein kleiner Moment von Ruhe. Nicht, weil sie sich erfolgreich entspannt hätte, sondern weil sie für einen Augenblick aufgehört hat, alles zu bearbeiten.
Der Atem ist da
Der Atem verlangt keine App, keine Methode und keinen Wochenplan. Er macht einfach weiter: Ein. Aus. Ein. Aus.
Während wir planen, uns ärgern, uns sorgen und nachts wachliegen, atmet er. Das ist fast schon frech. Wir veranstalten innerlich einen Kongress, und der Atem sagt: „Ich bin dann mal weiter.“
Vielleicht ist das sein ganzes Geheimnis.
Ruhe ist keine Leistung
Wir reden gern davon, „zur Ruhe zu kommen“, als müsste man irgendwo ankommen. Aber auch daraus lässt sich eine Aufgabe machen: „Ich muss jetzt entspannen.“
Wunderbar: Noch ein Projekt. Noch ein Anspruch. Noch etwas, worin man versagen kann.
Vielleicht muss man gar nicht besonders ruhig werden. Vielleicht reicht es, die Unruhe nicht ständig zu bekämpfen. Der Gedanke ist simpel – für einen Über-Sorger allerdings fast schon revolutionär.
Dann kommt die Nacht
Tagsüber kann man sich ablenken. Man arbeitet, telefoniert, kauft ein, kocht und schaut Nachrichten. Nachts ist Schluss mit dem Theater. Da liegt man und hört plötzlich sich selbst.
Um 2.17 Uhr ist eine Kleinigkeit ungeheuer wichtig.
Um 3.04 Uhr fällt einem ein Satz ein, den jemand vor sechs Monaten gesagt hat.
Um 3.38 Uhr beginnt man, über die Zukunft nachzudenken.
Und um 4.30 Uhr kommt die berühmte Rechnung: Wenn ich jetzt einschlafe, habe ich noch …
Bitte nicht. Der Schlaf liebt solche Berechnungen ungefähr so sehr wie ein Kater den Staubsauger.
Schlaf lässt sich nicht überzeugen
Man kann vieles erzwingen – Schlaf gehört nicht dazu. Man kann sich hinlegen, das Licht ausschalten und sehr entschlossen denken: „Jetzt schlafe ich!“ Der Schlaf antwortet nur: „Schön für dich.“
Denn Schlaf ist kein Projekt. Und das ist ausgerechnet für Kontrollmenschen eine ziemlich schlechte Nachricht.
Eine schlechte Nacht ist kein Urteil
Eine schlechte Nacht bedeutet nicht automatisch einen schlechten Tag. Morgens steht man auf: vielleicht etwas müder, vielleicht etwas langsamer. Aber die Sonne scheint trotzdem, der Kaffee schmeckt, und die Menschen auf der Straße wissen nichts von unserer Schlafbilanz. Der Hund des Nachbarn schon gar nicht.
Und plötzlich wird klar: Der Tag ist nicht verpflichtet, so zu werden wie die Nacht. Vielleicht ist das die eigentliche Überraschung.
Der Über-Sorger in der Falle
Man könnte jetzt beschließen, weniger zu sorgen. Aber Vorsicht: Der Total-Kümmerer macht auch daraus sofort eine Aufgabe: „Ich muss lernen, weniger zu sorgen.“ Und schon überwacht er, ob er auch richtig loslässt.
Das ist natürlich brillant – und völlig widersinnig.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, Sorgen abzuschaffen. Sie gehören zum Leben. Man muss ihnen nur nicht jede Nacht das Mikrofon geben.
Ein Abend, der nichts leisten muss
Ein Paar sitzt spätabends in der Küche. Eine Tasse Tee steht zwischen ihnen. Sie reden über die Kinder, den Garten und irgendeinen Unsinn, der eigentlich unwichtig ist. Sie lachen.
Dann wird es still. Niemand muss diese Stille füllen.
Irgendwann stehen sie auf. Das Licht geht aus. Der Tag ist vorbei – nicht perfekt, aber vorbei.
Vielleicht ist das schon genug
Wir leben in einer Zeit, in der sogar Ruhe vermarktet wird: Achtsamkeit, Entschleunigung, Digital Detox, Schlafoptimierung. Alles wunderbar. Aber manchmal wäre die radikalste Lösung, einfach mal nichts daraus zu machen.
Nicht aus jedem Atemzug eine Übung. Nicht aus jeder Pause eine Methode. Nicht aus jeder schlaflosen Nacht eine Erkenntnis. Manchmal ist eine schlechte Nacht einfach eine schlechte Nacht – und ein ruhiger Nachmittag einfach ein ruhiger Nachmittag.
Zum Mitnehmen
Vielleicht brauchen wir nicht mehr Kontrolle, sondern gelegentlich etwas weniger davon. Nicht weniger Verantwortung, nicht weniger Aufmerksamkeit für andere – nur weniger inneres Dauerfeuer.
Der Atem macht es vor: Ein. Aus. Ein. Aus.
Wenn heute nicht alles geklappt hat, ist das eben so. Wenn morgen etwas schiefgeht, kümmern wir uns morgen darum. Und wenn um 3.17 Uhr der Kopf wieder eine Krisensitzung einberufen möchte? Dann könnte man ihm sagen: „Schön, dass du dich kümmerst. Aber heute Nacht nicht.“
Vielleicht ist das eigentliche Geheimnis von Ruhe und Schlaf gar nicht, dass wir endlich alles im Griff haben. Vielleicht besteht es darin, für ein paar Stunden aufzuhören, so zu tun, als müssten wir es haben.
Ergänzende Recherche: KI-unterstützt. Bildmaterial: KI-generiert (ChatGPT). Text: Zusammengestellt und redigiert von Walter Lenz unter Verwendung redaktioneller KI-Werkzeug
Über den Autor:
Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.