Gustave Le Bon und die Manipulierer und Manipulierten
Eine quasi-Brecht’sches Lehrstück für Leichtgläubige und andere Dummköppe

Dreißig Sekunden

Dreißig Sekunden genügen. Ein empörtes Gesicht, dramatische Musik, ein Satz ohne Zusammenhang. Schon ist ein Mensch, der sich für selbstständig hält, zum Verteidiger einer Wahrheit geworden, die er weder geprüft noch verstanden hat.

Er glaubt, er habe geurteilt. Tatsächlich hat er reagiert, und zwar genau so, wie es andere vorgesehen hatten.

Gustave Le Bon
Gustave Le Bon

Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen getäuscht werden. Es ist, dass sie ihre Täuschbarkeit für Freiheit halten.

Die Masse braucht keinen Platz mehr

1895 beschrieb der französische Arzt Gustave Le Bon in seiner Psychologie der Massen, was mit Menschen geschieht, sobald sie Teil einer Menge werden. Sie verlieren nicht ihre Intelligenz, aber die Distanz zu ihren eigenen Reaktionen. Gefühle wiegen schwerer, Zweifel leichter, und die Überzeugung der anderen gilt bald als Beweis für die eigene.

Damals brauchte die Masse einen Marktplatz. Heute sitzt jeder allein vor dem Bildschirm und fühlt sich doch von Tausenden bestätigt. Er ist körperlich vereinzelt und seelisch verschmolzen.

Das kann befreien, denn Minderheiten finden dort Gehör.

Aber der Preis ist hoch:
Wer widerspricht, ist nicht mehr jemand, der etwas anderes weiß.
Er ist ein Feind.

Zwei Lager, ein Mechanismus

Die Rechte verspricht, die verlorene Ordnung zurückzubringen.
Sie macht aus einem Geflecht von Ursachen eine einfache Geschichte:
Wir wären erfolgreich, wenn die anderen uns nicht hinderten.

Ein abstraktes Problem bleibt abstrakt, aber ein Schuldiger hat ein Gesicht. Und ein Gesicht lässt sich hassen.

Die Linke beginnt mit einem Ziel, das niemand bestreiten kann: Gerechtigkeit.
Dann kippt es.
Aus dem berechtigten Anspruch wird die Unfehlbarkeit der eigenen Position.
Wer zweifelt, gilt nicht mehr als jemand, der sich irrt,
sondern als jemand, der Ungerechtigkeit will.
Geprüft wird nicht mehr die Behauptung, sondern die Gesinnung.

Es wäre bequem, beide gleichzusetzen. Sie sind es nicht. Ihre Ziele, Methoden und ihr Verhältnis zu demokratischen Regeln unterscheiden sich.

Gemeinsam ist ihnen nur die Versuchung:
den Menschen nicht durch Argumente zu gewinnen, sondern durch Gefühle.

Die Maschine und ihre Freiwilligen

Die Plattformen müssen niemandem sagen, was er denken soll. Sie müssen nur zeigen, was ihn zum Weiterklicken bringt. Und das ist selten die abgewogene Analyse, sondern die zugespitzte Anklage.

Den Rest erledigen wir selbst.
Wir teilen,
weil wir warnen wollen,
weil wir dazugehören wollen,
weil niemand der sein möchte, der nach den Belegen fragt.
Wer einmal geteilt hat, verteidigt den Irrtum lieber, als ihn zu korrigieren.
So entsteht eine Empörungsmaschine ohne Drahtzieher, aber mit vielen freiwilligen Arbeitern.
Die Zahl der Weiterleitungen wird zum Beleg.
Die Wiederholung macht es vertraut,
das Vertraute macht es glaubwürdig,
das Glaubwürdige wird wahr.

Die Gegenseite

Und Sie, die Sie das lesen, kennen diese Leute. Den Onkel, der alles weiterleitet. Die Kollegin, die jeden Satz auf Gesinnung abklopft. Die Nachbarn, die längst in einer anderen Wirklichkeit leben. Sie sehen, wie die anderen sich bewegen lassen, und Sie sehen es klar.

Sie nicken. Das ist angenehm, nicht wahr? Man sitzt in einem Text, der einem recht gibt, und fühlt sich ein wenig klüger als alle, die er beschreibt.

[Das Licht im Saal geht an. Der Sprecher tritt an die Rampe und legt den Text aus der Hand.]

Halt.

Bitte nicht weiterlesen, bevor Sie sich eines gefragt haben: Wo haben Sie bis hierher genickt?

Denn sehen Sie, was dieser Text mit Ihnen gemacht hat.

Er hat Ihnen ein Gegenüber geliefert:
die anderen, die Manipulierten.
Er hat Ihnen geschmeichelt: Sie gehören nicht dazu.
Er hat in kurzen Sätzen gesprochen, in klaren Gegensätzen, mit einem Rhythmus, der Zustimmung erzeugt.
Er hat Ihnen drei Dinge gegeben, die Le Bon als die Währung jeder Masse beschrieb: Orientierung, Zugehörigkeit, Gewissheit.

Und das in vier Minuten, ohne dass Sie eine einzige Quelle geprüft hätten.

Sie haben nicht gedacht. Sie haben sich gut gefühlt. Das ist nicht dasselbe, und der Unterschied ist der Gegenstand dieses Essays.

[Pause. Der Sprecher wartet, bis niemand mehr nickt.]

Was Sie jetzt tun können

Ich entschuldige mich nicht dafür. Ein Text über Manipulation, der nicht manipulieren dürfte, wäre unaufrichtig. Er hätte nur Ihre Wachsamkeit eingeschläfert.

Wissen schützt nicht. Bildung auch nicht. Wer gut argumentieren kann, findet nur raffiniertere Gründe für das, was er ohnehin glauben wollte.

Die Gefahr sitzt nicht im Onkel mit den Weiterleitungen.
Sie sitzt in dem Teil von uns, der getäuscht werden möchte,
weil Täuschung nach Gewissheit schmeckt.

Dagegen helfen keine Institutionen, so nötig unabhängige Medien, transparente Plattformen und Bildung auch sind.

Es hilft nur eine Prüfung, die man auch dann noch akzeptiert, wenn das Ergebnis wehtut:

Welche Information würde mich dazu bringen, meine Meinung zu ändern? Gibt es keine, dann ist es keine Meinung mehr, sondern ein Teil meiner Identität.

Würde ich das auch glauben, wenn es von der Gegenseite käme?

Was weiß ich, und was vermute ich nur?
Ein Video zeigt einen Ausschnitt.
Der Kommentar erklärt ihn.
Die Überschrift liefert den Schuldigen.
Am Ende halten wir alles für beobachtet.

Das ist anstrengend. Freiheit war nie die Kunst, immer recht zu behalten. Sie ist die Fähigkeit, sich zu irren, ohne sich dafür zu verachten, und dem anderen zu widersprechen, ohne ihm die Würde abzusprechen.

Schluss, ohne Beifall

Le Bon fragte: Wie lässt sich die Masse bewegen?

Die Frage dieses Textes ist kleiner und unbequemer. Sie haben sich vor zwei Minuten bewegen lassen. Von dem Prompter, mit Absicht, und Sie haben es genossen.

Wohin wären Sie gegangen, wenn der Prompter es nicht vorgesehen hätte?

Die Herde
Die Herde

Quellen:
Erdmut Wizisla: Begegnungen mit Bertolt Brecht
Gustave LeBon: Psychologie der Massen
Inspiration: Walter Lenz: So viel, wie heute möglich ist. In: www.psycho-med-news.de
Ergänzende Recherche: KI-unterstützt.
Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT.
Text: Compiled and edited by Walter Lenz.
Dieser Text wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.