Eine Ansprache an alle, die immer recht haben. ‚An das Publikum‘


Das Achselzucken

Meine Damen und Herren,

Martin Niemöllers Satz wird gern zitiert. Vorzugsweise von Menschen, die nie auf die Idee kämen, er könnte etwas mit ihnen zu tun haben.

Zuerst holten sie die anderen.

Man liest das, nickt kurz und fühlt sich bereits zu den Guten gerechnet. Das ist bequem. Die meisten Menschen halten sich für die Guten. Selbst die Schlechten.

Die Demokratie stirbt selten an ihren erklärten Feinden. Die haben wenigstens ein Programm.
Sie stirbt an Sätzen wie:

  • Das geht mich nichts an.
  • Dafür kenne ich die Hintergründe nicht.
  • Die zuständigen Stellen werden das schon prüfen.
  • So schlimm wird es nicht werden.
  • Man muss ja auch beide Seiten sehen.

Der letzte Satz ist besonders beliebt. Er erlaubt es, überall zuzusehen und nirgendwo Stellung zu beziehen.

Das Achselzucken ist die eleganteste Form der Kapitulation. Wer nichts tut, macht sich selten die Hände schmutzig. Dafür steht er oft daneben, wenn andere es tun.


Der Rechte

Du bist also einer von denen, die endlich aufräumen wollen.
Du weißt, wer schuld ist.
Du weißt, wer hier nicht hingehört.
Du weißt, wer das Land ruiniert.
Und vor allem weißt du, wer endlich einmal durchgreifen müsste.

Nun gut. Ordnung ist nichts Verwerfliches. Sicherheit auch nicht. Ein Staat, der seine Aufgaben erfüllt, ist keine extremistische Forderung.

Merkwürdig wird es erst dann, wenn mit Ordnung plötzlich nur noch die Ordnung deiner Leute gemeint ist. Der starke Staat ist eine prächtige Einrichtung, solange man ihn für einen Wachhund hält, der ausschließlich die anderen beißt. Dass Hunde gelegentlich den Besitzer wechseln, steht in keinem Prospekt.

Du willst, dass einer durchgreift.
Schön.
Wer greift ihm dann in den Arm?
Ach, du vertraust ihm.
Das tun Anhänger starker Männer immer. Bis sie feststellen, dass Stärke keine politische Richtung kennt. Sie schlägt lediglich zu. Die Frage ist nur: zuerst gegen wen?

Du glaubst, Kontrolle sei überflüssig, weil du recht hast. Das ist eine bemerkenswerte Staatsphilosophie. Ihr einziger Nachteil besteht darin, dass auch du dich irren kannst.
Ja, tatsächlich. Auch Menschen deiner politischen Richtung besitzen diese erstaunliche Fähigkeit. Ich erwähne das nur, weil sie in manchen Kreisen als Gerücht gilt.

Und nun eine kleine Frage:
Wenn deine politischen Gegner morgen keine Rechte mehr hätten, woran würdest du übermorgen erkennen, dass deine eigenen noch gelten?

Ein Land wird nicht dadurch stark, dass niemand mehr widerspricht. Das nennt man Friedhof. Dort herrscht ebenfalls vorbildliche Ordnung.


Der Linke

Und nun zu dir.
Du hast selbstverständlich ebenfalls recht.
Du kämpfst gegen Diskriminierung.
Für soziale Gerechtigkeit.
Für die Schwachen.
Gegen die Herrschaft des Geldes.

Alles ehrenwerte Anliegen. Deshalb erwähne ich sie vorsorglich, bevor du vermutest, jede Kritik an dir müsse automatisch eine Zustimmung zu deinen Gegnern sein.

Du wolltest Gleichheit. Merkwürdigerweise endet das bisweilen bei Gleichdenken.
Du wolltest Menschen befreien. Nun beaufsichtigst du sie.
Du wolltest Hierarchien abschaffen. Nun stehst du an ihrer Spitze.
Du wolltest eine offene Gesellschaft. Heute verwaltest du gelegentlich ihre Zutrittsliste.

Wer dir widerspricht, wird nicht immer widerlegt. Oft genügt es, ihn für verdächtig zu erklären. Das spart enorm Zeit.

Ein Argument muss man entkräften. Einen Menschen kann man einfach aussortieren.

Natürlich gibt es Hetze. Natürlich gibt es Menschenfeindlichkeit. Natürlich gibt es Lügen. Aber nicht jede falsche Meinung ist ein Verbrechen. Nicht jeder Einwand ist ein Angriff. Nicht jede Abweichung ist Verrat.

Der Vorteil moralischer Überlegenheit besteht darin, dass man Beweise nur noch für die anderen benötigt.

Du wolltest Menschen aus der Unmündigkeit führen. Dann erlaube ihnen auch, mündig zu irren. Denn Gerechtigkeit, die keinen Widerspruch erträgt, verwandelt sich erstaunlich schnell in Glauben. Und Glaube, der sich jeder Prüfung entzieht, endet gern bei der Machtfrage.

Deshalb dieselbe Frage:
Wenn deine politischen Gegner morgen nicht mehr widersprechen dürften, woran würdest du übermorgen erkennen, dass du selbst noch frei denkst?


Eure beiden Festungen

Nun steht ihr euch gegenüber.
Der Rechte in seiner Burg. Der Linke in seiner Burg.
Der eine bewacht die Nation. Der andere die Moral.
Beide bewachen vor allem ihre eigenen Gewissheiten. Jeder hält seine Festung für die letzte Bastion der Vernunft.

Von außen betrachtet sieht das weniger beeindruckend aus. Es sieht aus wie zwei Menschen, die einander Scheuklappen vorwerfen, während sie ihre eigenen sorgfältig festziehen.

Ihr habt beide die Schuldigen gefunden. Das ist praktisch.
Wer den Schuldigen kennt, muss nicht mehr nachdenken.
Wer sich selbst für den Maßstab hält, muss nichts mehr prüfen.
Wer nicht zuhört, kann auch nicht irritiert werden.

  • Der Rechte fragt: Wer gehört zum Volk?
  • Der Linke fragt: Wer darf sprechen?

Beide beantworten die Frage selbst. Das ist praktisch. Wer die Gästeliste führt, lädt sich selten aus.

Und die besonders Entschlossenen unter euch verdienen ein Sonderlob: Die Radikalen.

Ihr betrachtet Demokratie wie eine Straßenbahn. Man fährt mit ihr zur Macht. Danach wird sie überflüssig.

Der eine akzeptiert Wahlen, solange er gewinnt. Der andere akzeptiert Regeln, solange sie dem Ziel dienen.
Beide nennen ihre Methoden Notwehr. Und die des Gegners Verbrechen.

Die Geschichte übrigens, auf die ihr euch so gern beruft, ist kein Anwalt, den man für die eigene Sache bestellen kann.


Die Mitte, selbstverständlich unschuldig

Und die Mitte?
Die ist natürlich nicht schuld.
Sie ist vernünftig.
Sie ist gemäßigt.
Sie ist ausgewogen.
Vor allem ist sie beschäftigt. Sie möchte ihre Ruhe.

Das teuerste Gut der Demokratie. Gewöhnlich bezahlt von anderen.

Der Extremist ist wenigstens ehrlich. Er sagt offen, was er will.
Der Bequeme will gar nichts. Und genau dadurch ermöglicht er fast alles.

Die Mitte verfolgt den politischen Verfall wie eine Fernsehserie. Jeden Abend eine neue Folge. Neue Skandale. Neue Empörung. Neue Schurken. Und morgen wieder dieselben Zuschauer.

Empörung ist der Heimtrainer der Politik. Man schwitzt gewaltig, kommt aber keinen Meter voran.

Für jedes Schweigen findet sich ein Grund:

  • Die Lage sei kompliziert.
  • Der Zeitpunkt ungünstig.
  • Die Fakten unklar.
  • Der Kritiker übertreibe.
  • Der Betroffene sei schwierig.
  • Und überhaupt habe man gerade genug eigene Probleme.

So wächst die Zahl der Ausreden zuverlässig mit der Zahl der Gelegenheiten.

Die Geschichte wird selten von Verrückten verändert. Dafür sind sie zu wenige. Sie wird von normalen Menschen verändert, die gerade keine Lust hatten aufzustehen.


Der Raum

Stellen Sie sich einen Raum vor. Darin sitzen Menschen, die verschiedener Meinung sind. Sie streiten. Sie irren sich. Sie werden laut. Sie verstehen einander nicht immer.

Aber das Licht brennt. Man kann einander sehen. Man kann widersprechen. Man kann seine Meinung ändern. Mehr verlangt eine Demokratie zunächst nicht.

Dann geht einer. Er hat genug von den Rechten.
Ein anderer geht. Er hat genug von den Linken.
Ein Dritter hat genug vom Streit.
Ein Vierter bleibt nur noch bei seinesgleichen.
Ein Fünfter erklärt, die anderen seien ohnehin verloren.

Schließlich sitzen überall Menschen. Aber niemand sitzt mehr zusammen.

Jede Gruppe hält ihr Licht für das Licht. Jede Wahrheit für die Wahrheit. Jede Wirklichkeit für die Wirklichkeit. Und die gemeinsame Wirklichkeit verschwindet lautlos zwischen ihnen.

Eines Tages steht der Letzte auf. Er ist müde. Er hat seinen Teil getan. Die anderen werden schon allein zurechtkommen. An der Tür dreht er sich noch einmal um.

Dann macht er das Licht aus.
Gewissenhaft.
Ordentlich.
Verantwortungsvoll.
Man soll schließlich Strom sparen.

Dann ist es dunkel. Nicht nur für die anderen. Auch für ihn.


Die Entlarvung

Bis hierher haben Sie vermutlich mehrfach genickt. Das ist verständlich. Nicken ist die beliebteste politische Aktivität gebildeter Menschen. Man sitzt bequem. Und hat recht.

Vielleicht wussten Sie bei jedem Abschnitt sofort, wer gemeint war:
Die Rechten. Die Linken. Die Radikalen. Die Schlafschafe. Die Woken. Die Gutmenschen. Die Faschisten. Die anderen eben.

Falls das so war, muss ich Sie enttäuschen:
Sie haben den Text falsch gelesen. Und kapiert schon ganz und gar nichts.

Die Pointe bestand nicht darin, die Schuldigen zu erkennen. Die Pointe bestand darin, festzustellen, dass Sie niemals auf die Idee gekommen sind, selbst gemeint zu sein.

Denn Ideologie beginnt nicht dort, wo andere aufhören zu denken. Ideologie beginnt dort, wo man selbst damit aufhört.

Die eigentliche Prüfung lautet deshalb nicht:
„Bin ich auf der richtigen Seite?“
Sondern:
„Bin ich bereit, die eigene Seite zu kritisieren?“

Dort beginnt politische Reife. Dort beginnt Verantwortung. Dort beginnt überhaupt erst Denken.


Kein Schlusswort

Ich hätte jetzt Appelle im Angebot:
Wachsamkeit. Zivilcourage. Demokratische Verantwortung.

Sie kennen die Speisekarte. Sie haben die Gerichte oft bestellt. Und selten aufgegessen. Deshalb verzichte ich darauf.

Wer das hätte hören müssen, ist längst gegangen. Die Übrigen haben genickt. Mit dem Nicken sind wir inzwischen vertraut.

Später wird man fragen, wer das Licht ausgemacht hat.
Der Rechte wird sagen, er habe nur Ordnung gewollt.
Der Linke wird sagen, er habe nur Gerechtigkeit gewollt.
Die Mitte wird sagen, sie habe nur ihre Ruhe gewollt.
Und Sie werden sagen, Sie hätten das alles schon lange kommen sehen.

Das ist leider keine Haltung. Das ist eine Beobachtung.
Alle werden die Wahrheit sagen. Und genau das ist das Schreckliche daran.
Keiner war es. Es war nur keiner dagegen.
Die Rechnung kommt trotzdem. Wie immer. Und zwar für jene, die nichts bestellt haben.

Später wird man einen Gedenkstein aufstellen. Das macht man gern, wenn nichts mehr zu retten ist.
Darauf wird stehen:

„Nie wieder.“

Die Worte werden sorgfältig ausgewählt sein. Der Stein wird hervorragend beleuchtet sein. Mit dem Licht hat man erfahrungsgemäß weniger Probleme als mit der Erinnerung.


Quellen & Nachweise

  • Kurt Tucholsky: An das Publikum
  • Erdmut Wizisla: Begegnungen mit Bertolt Brecht
  • Gustave Le Bon: Psychologie der Massen
  • Inspiration: Walter Lenz: So viel, wie heute möglich ist, In: www.psycho-med-news.de
  • Ergänzende Recherche: KI-unterstützt
  • Bildmaterial: KI-generiert (ChatGPT)
  • Textfassung: Compiled and edited by Walter Lenz

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.