Ein Lehrstück in einem Bild (ganz frei nach B.B.)

(Der Vorhang bleibt offen. Das Licht ist warm und verlogen. Ein Sprecher tritt vor das Bild und wendet sich direkt ans Publikum.)

SPRECHER: Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie Ihre Gefühle ab und hängen Sie sie draußen an die Garderobe. Sie brauchen sie hier nicht. Heute wird nicht mitgelitten, heute wird geschaut.

Und was sehen wir? Oben liegt ein Mann. Unten liegt ein Mann. Der obere isst Chips, der untere stemmt ein Sofa. Sie empfinden jetzt bereits Empörung, nicht wahr? Gut. Das sollen Sie auch. Das Bild ist so gebaut, dass Sie empört sind, noch bevor Sie denken können. Merken Sie sich das, denn genau darin liegt der Trick. Wir kommen darauf zurück, und es wird Ihnen nicht gefallen.

Erster Akt: Die Anklage

(Der Sprecher setzt eine Mütze auf, die verdächtig nach Stammtisch aussieht.)

Ich gebe jetzt den Stammtisch. Ich zitiere nur, ich bitte Sie, das nicht zu vergessen, wenn Sie nachher nicken.

Sehen Sie ihn sich an, den Sozialhilfeempfänger, wie ihn die Zeitung kennt, die Sie lesen, und wie ihn der Schwager kennt, den Sie nicht mögen. Ein Tier in seinem natürlichen Lebensraum: Sofa, Chips, Fernbedienung. Letztere führt er mit der Würde eines Staatsmannes, sie ist das einzige Werkzeug, das er je zu führen gelernt hat. Auf seinem Bauch ruht die Schüssel wie eine Krone auf einem Kissen. Er ist der letzte Monarch einer Republik, die keine Könige mehr will, und sein Reich misst zwei mal drei Meter, Heizkosten inklusive.

Und die Socken! Er hat sie nicht ausgezogen. Das nennt man Konsequenz. Andere brauchen ein ganzes Leben für eine Haltung, er hat seine im Liegen gefunden.

Man hat ihm Reformen angeboten, ganze Pakete davon. Er hat sie geprüft, wie man ein Angebot prüft, bei dem man etwas tun müsste, und dann hat er das Einzige getan, was ihm ehrlich erschien: Er hat den Kanal gewechselt.

(Der Sprecher nimmt die Mütze ab und betrachtet sie angewidert.)

Wie fühlt sich das an, meine Damen und Herren? Warm? Es ist die Wärme des Kollektivs. Man fühlt sich so schön im Recht, wenn man nach unten zeigt, denn unten ist es immer so übersichtlich.

Zweiter Akt: Der Held

Nun zum Unteren, dem Leistungsträger. Er presst die Zähne zusammen, die Adern treten hervor, sein Gesicht erzählt die ganze Wirtschaftsgeschichte seit Bismarck. Er ist der Held dieses Bildes, und das Licht ist so gesetzt, dass Sie das nicht übersehen können.

(Der Sprecher tritt näher, leiser:) Aber jetzt, verehrtes Publikum, schauen Sie bitte nicht auf die Last. Schauen Sie auf die Beine.

Das Sofa hat Beine. Vier Stück, aus Holz, solide. Es steht. Es steht seit Jahren, es hat nie jemand getragen, und der Mann darunter stemmt es mit aller Kraft nach oben, obwohl es längst von selbst trägt. Er hält ein Möbelstück in der Luft, das gar nicht fällt.

Ich frage Sie: Wer hat ihm gesagt, dass er das tun muss?

Man hat ihm gesagt, ohne seine Arme falle alles zusammen. Das erzählt man ihm sehr gern, denn wer glaubt, die Welt zu tragen, hat keine Zeit zu fragen, wem eigentlich das Sofa gehört. „Leistungsträger“ ist übrigens ein wunderbares Wort. Es wurde erfunden, damit man Menschen auch ohne Gehaltserhöhung belohnen kann.

Und jetzt der Schlag, den Sie nicht kommen sehen wollten: Wenn dem Mann da unten der Rücken bricht, und er bricht ihm, schicken wir ihn zum Fallmanager. Dann liegt er morgen oben. Derselbe Mann, dieselben Socken. Und Sie, die ihm heute applaudieren, nennen ihn dann auch „Schmarotzer“, mit demselben Vergnügen und derselben Selbstgewissheit.

Dritter Akt: Die Umkehrung

Drehen wir das Bild um, wie man einen Handschuh wendet.

Der Obere ist in Wahrheit der fleißigste Mann im Raum. Er trägt die Chipsindustrie, die Brauerei und den Streamingdienst, und er trägt den ganzen Wirtschaftszweig, der davon lebt, dass jemand abends nichts tut und dabei etwas kauft. Wäre er morgen fleißig, brächen drei Branchen zusammen. Er ist ein Konjunkturprogramm in Jogginghose, und er bezieht dafür etwas mehr als gut fünfhundert Euro im Monat, einen Betrag, für den der Mäzen im Foyer nicht einmal Kaffee bekäme.

Der Untere hingegen ist der Gefangene. Er hat sich selbst unter das Sofa gelegt und hält die Hände an einem Rahmen, der ihn nicht braucht. Man hat ihm einen Orden versprochen. Der Orden heißt „Leistungsträger“ und existiert nur als Titel, niemals als Gehalt.

Und der Dritte? Es gibt immer einen Dritten, meine Damen und Herren, und er steht nie im Bild. Er hat das Sofa verkauft, die Chips verpackt, den Streamingdienst betrieben, das Foto bestellt und die Sendung produziert, in der man den Liegenden Samstagabend vorführt, mit Gelächter vom Band. Das Privatfernsehen verdient am Sozialhilfeempfänger mehr als der Sozialhilfeempfänger. Er sitzt irgendwo und freut sich, dass die beiden sich so wunderbar beschäftigen: der eine mit Verachtung nach oben, der andere mit Neid nach unten, und beide mit sich. (Pause.) Auch dieser Abend, das müssen Sie zugeben, war für ihn ein Gewinn.

Das Lied vom Sofa

(Der Sprecher greift zur Gitarre, falsch gestimmt, mit Absicht.)

(Moritat, langsam, mit Zynismus zu singen)

Oben liegt der Mann und isst,

weil das Leben Arbeit ist.

Unten liegt der Mann und stemmt,

weil man ihn zum Helden ernennt.

Refrain:

Ach, das Sofa, das Sofa, das Sofa,

es steht auf vier Beinen, ganz ohne dein Zutun.

Du stemmst es für nichts, du trittst für nichts nach unten,

und der Dritte, der lacht und kann ruhn.

Der Obere sagt: „Ich hab’s schwer,

die Fernbedienung wiegt so sehr!“

Der Untere sagt: „Ich schaff’s allein“,

und merkt nicht, dass er’s nicht muss sein.

Refrain.

Es kommt ein Mann im feinen Tuch,

der sagt: „Ich helf euch, das ist klug!

Streitet nur, das tut euch gut,

ich pass derweil auf euren Hut.“

Und kracht dem Unteren das Kreuz entzwei,

liegt er morgen selbst dabei,

und die ihm heut noch Beifall zollen,

nennen ihn dann, wie sie sollen.

(Refrain, schneller, bis der Sänger heiser wird.)

Epilog: Der Blick ins Publikum

(Der Sprecher legt die Gitarre ab und blickt in die Reihen.)

Sie haben gelacht, und ich weiß, worüber. Über den Dicken mit den Chips, denn der ist leicht zu verachten. Das hat man Ihnen so beigebracht, und das Bild hilft dabei.

Aber ein paar von Ihnen haben beim Unteren genickt. Auch das war vorgesehen. Sie haben sich in ihm erkannt, dem Tragenden, dem Geplagten, und fanden sich dabei ziemlich edel. Das Bild hat Sie genau dort, wo es Sie haben wollte: Sie schauen nach oben und fühlen sich unten, und das Sofa steht trotzdem.

Ich schlage vor, Sie nehmen morgen früh die Hände vom Rahmen und schauen, was passiert. Wahrscheinlich nichts. Und das wäre die eigentliche Nachricht dieses Abends.

(Der Vorhang fällt nicht. Er hängt schief. Das Licht bleibt an. Alle Fragen sind offen.)

Das Denkmal, das Denkmal!

(Derselbe Vorhang, noch immer schief. Derselbe Sprecher, heiser vom letzten Abend. Er tritt vor das Bild und tut so, als sähe er es zum ersten Mal.)

SPRECHER: Meine Damen und Herren, Sie kennen dieses Bild. Sie haben gestern darüber gelacht, und ich fürchte, Sie haben dabei das Falsche getroffen. Heute zeige ich Ihnen dasselbe Bild noch einmal, mit anderer Beschriftung. Das Bild ist geblieben, geändert hat sich nur, wer darunter liegt.

Bitte nehmen Sie die Gefühle wieder von der Garderobe. Sie werden sie gleich brauchen, aber an einer anderen Stelle.

Erster Akt: Der Mäzen

(Der Sprecher tippt auf den Mann auf dem Sofa.)

Vergessen Sie die Chips, sie sind Dekoration. Das Bild hat sie nur hineingestellt, damit Sie sofort wissen, wen Sie zu verachten haben. Setzen Sie stattdessen einen Mann auf dieses Sofa, der in Hamburg verdient und in der Schweiz wohnt. Das ist vollkommen legal. Er hat nichts hinterzogen, er hat nur sehr gewissenhaft seine Möglichkeiten genutzt. Das unterscheidet ihn vom Mann, den Sie gestern ausgelacht haben, in keiner Weise. Auch der nutzt seine Möglichkeiten gewissenhaft. Nur trägt der eine dabei Jogginghose und der andere Maßanzug, und Sie haben ausgerechnet vor dem Anzug Respekt.

Der Mäzen liegt also auf seinem Sofa aus Bergluft und niedrigen Steuersätzen, und die Steuern, die er nicht zahlt, machen ihm das Liegen bequem. Er hat ein gutes Gewissen, und er hat sogar einen Grund dafür: Er will der Stadt etwas zurückgeben.

(Zum Publikum, vertraulich:) Ein schönes Wort, nicht wahr? Man kann nur zurückgeben, was man vorher genommen hat. Sagen Sie es nicht weiter, das Wort verrät ihn.

Zweiter Akt: Das Geschenk

Und nun der große Moment. Der Mäzen verkündet, er schenke der Gemeinde ein Gebäude, ein phänomenales, mit Glas, Fassade und Sichtachsen, vom Künstler signiert und vom Bürgermeister beweint. Sein Name steht in Goldbuchstaben über dem Eingang, in einer Größe, wie man sie sonst nur von Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen kennt, und mit ähnlicher Wirkung. Die Kapelle spielt, der Sekt perlt, die Zeitung schreibt das Wort „Großzügigkeit“ in einer Schrifttype, die sonst Kriegserklärungen vorbehalten ist.

(Der Sprecher hebt den Finger.) Jetzt, verehrtes Publikum, schauen Sie bitte nicht auf das Gebäude. Schauen Sie auf den Boden darunter.

Dort liegt jemand und stemmt. Es ist der Untere aus dem Bild, und er heißt heute Gemeinde. Er stemmt die Heizung, das Dach, den Hausmeister, die Versicherung und den Fassadenreiniger, der alle zwei Jahre mit dem Hubwagen kommt, und er stemmt dazu den Betrieb, dessen Kosten im Festprogramm nicht standen. Der Gebende hat das Denkmal geschenkt, nur das Tragen hat er nicht mitgeliefert.

Sein Angebot lautet: Ich schenke dir mein Denkmal, aber du musst es pflegen.

Wer einem Kind einen Hund schenkt und die Futterkosten den Eltern überlässt, hat auch großzügig gehandelt. Trotzdem fragt kein Mensch, wem der Hund wirklich gehört, und noch weniger, wer ihn ausführt, wenn es regnet. „Schenken“ ist in diesem Fall Altdeutsch für: Ich bestimme, du zahlst.

Und noch ein Wort zum Spenden. Spenden ist nichts anderes als Steuern zahlen, bei dem man selbst aussucht, wohin das Geld fließt, und bei dem man zum Dank ein Namensschild bekommt. Dem Sozialhilfeempfänger lässt man diese Wahl nicht. Er darf nicht einmal entscheiden, ob sein Geld in Chips fließt, ohne dass Sie es ihm vorhalten. Der Mäzen darf sich ein Opernhaus aussuchen und bekommt einen Orden dafür.

Dritter Akt: Die Umkehrung

Nun drehen wir den Handschuh. Sie wissen, wie das geht.

Wer lebt hier eigentlich von wem? Der Mann auf dem Sofa unten in Hamburg, nennen wir ihn den Obersten, bezieht von der Gemeinschaft Leistungen. Er bekommt die Infrastruktur, den Hafen, die Straßen, die ausgebildeten Menschen, die Rechtssicherheit, und er bezieht sie auf Kosten anderer. Dafür bekommt er Ehrenbürgerschaft, ein Straßenschild und das Bundesverdienstkreuz.

Der Mann auf dem anderen Sofa, den Sie gestern verspottet haben, bezieht ebenfalls Leistungen der Gemeinschaft, ebenfalls auf Kosten anderer. Dafür bekommt er einen Termin beim Amt, eine Kürzung und das Wort „Schmarotzer“, und das Wort bekommt er umsonst.

Beide liegen, beide werden getragen. Nur dass der eine ein paar Euro im Monat zu viel bekommt und der andere ein paar Millionen im Jahr zu wenig zahlt, und dass der eine den Dank dafür einfordert, während der andere sich dafür entschuldigen muss.

(Pause. Der Sprecher blickt auf eine Uhr, die es nicht gibt.) Ich will gerecht sein, ich bin ja Brecht und kein Demagoge. Der Liegende hat wenigstens nie behauptet, sein Sofa sei ein Geschenk an die Allgemeinheit.

Das Lied vom Denkmal

(Der Sprecher greift zur Gitarre. Sie ist noch immer verstimmt. Er hat es nicht korrigiert.)

(Moritat, mit festlicher Stimme zu singen, die zusehends bricht)

Ich schenke euch ein Haus aus Glas,

das glänzt wie Gold und kostet was.

Das Geld dafür, das war mal euer,

als Ruhm zurück ist’s nur viel teurer.

Refrain:

Oh, das Denkmal, das Denkmal, das Denkmal,

ich schenk’s euch heut, ihr zahlt es morgen.

Mein Name steht in Gold am Tor,

die Heizkosten, die sind eure Sorgen.

Der Bürgermeister weint vor Glück,

er kriegt ein Foto und ein Stück

vom Glanz, den man dem Geber zollt.

Die Rechnung kommt, wenn’s niemand wollt.

Refrain.

Der Hausmeister, der Strom, das Dach,

der Betrieb und alles danach

zahlt ihr aus dem Haushalt, klar –

die Schwimmhalle schließt, na ja, wunderbar.

(Refrain, mit Fanfare, bis die Stimme vollends bricht.)

Epilog: Der Blick ins Publikum

(Der Sprecher legt die Gitarre weg. Er sieht in die Reihen, länger als nötig.)

Gestern haben Sie nach unten getreten und sich dabei gut gefühlt. Heute zeige ich Ihnen, dass es auf diesem Sofa einen zweiten Platz gibt, und der ist besser gepolstert. Auf ihm liegt ein Mann, dem Sie nicht den Teller wegnehmen, sondern ein Standbild errichten. Ich behaupte nicht, dass beide gleich sind. Ich behaupte nur, dass Sie bei beiden dasselbe tun sollten, nämlich nachrechnen: Wer trägt, wer liegt, wer bezahlt die Heizung. Das Bild hat Sie gestern zum Tritt nach unten gebracht, und heute stehen Sie plötzlich vor einem Mann, vor dem man den Hut zieht.

Merken Sie etwas? (Pause.) Nein? Das ist die eigentliche Pointe.

Gehen Sie jetzt nach Hause. Und wenn Sie am Rathaus vorbeikommen, schauen Sie nicht auf die Fassade. Schauen Sie auf die Betriebskostenabrechnung.

(Der Vorhang hängt schief. Dieses Mal bleibt er so.)

Quelle: Walter Lenz: So viel, wie heute möglich ist. (www.psycho-med-news.de)

Ergänzende Recherche: KI-unterstützt.

Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT.

Text: Compiled and edited by Walter Lenz

Dieser Band entstand unter Nutzung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.