Bert Brecht (fiktiv) zum „Tag der deutschen Einheit“

Ein Zitat, das so nie gesagt wurde

Demokrit wird der Satz zugeschrieben: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“ Im überlieferten Fragment steht eher: „Wagemut beginnt eine Handlung, der Zufall entscheidet über ihren Ausgang.“

Wir haben also gleich im ersten Satz ein wenig geschönt. Für einen Text über Gesellschaft ist das kein schlechter Anfang.

Denn zwischen Mut und Glück liegt das Handeln. Und dort beginnt unser Problem. Wir reden viel darüber, was geschehen muss. Weniger gern darüber, wer anfängt. Die Politik soll. Die Wirtschaft soll. Der Staat, die EU, „die Gesellschaft“ sollen. Und wenn am Ende niemand etwas richtet, stellt man fest, dass die Verhältnisse schwierig sind. Das ist praktisch. Man muss sich nicht bemühen.

Drehen wir Demokrit deshalb um: Mut steht am Anfang. Verantwortung steht mittendrin.

Die Maschine läuft (noch)

Demografie, Fachkräfte, Sozialkosten, Energie, Bürokratie: Vieles steht gleichzeitig unter Druck. Dramatisieren muss man das nicht. Deutschland steht nicht vor dem Untergang und hat enorme Ressourcen. Aber man sollte es ernst nehmen.

Eine Krise beginnt nicht erst, wenn die Sirenen heulen. Sie kann auch darin bestehen, dass ein System noch funktioniert, nur mit immer größerem Aufwand. Das ist die gefährlichere Variante. Solange die Maschine läuft, will niemand an ihr drehen. Man ölt sie. Man repariert sie. Man gründet eine Kommission, schreibt einen Bericht, verlängert eine Übergangsregelung. Irgendwann läuft die Maschine noch, verwaltet aber hauptsächlich sich selbst.

Dann bräuchte es Mut. Nicht zum großen Knall, sondern zum Umdenken.

Der erste Brecht-Moment

Eine Figur tritt an die Rampe und wendet sich ans Publikum.

„Meine Damen und Herren, es muss sich etwas ändern.“

Applaus.

„Wer von Ihnen ist damit gemeint?“

Pause. Der Applaus verebbt. Jemand hustet.

Die Figur singt den Song, den alle kennen:

  • Wir wollen weniger Bürokratie – aber nicht bei der Vorschrift, die meinen Anspruch sichert. Aber bitte nicht bei mir.
  • Wir wollen einen schlanken Staat – aber meine Leistung bleibt. Aber bitte nicht bei mir.
  • Wir wollen niedrigere Steuern – und selbstverständlich funktionierende Straßen. Aber bitte nicht bei mir.
  • Wir wollen bessere Schulen – aber nicht vor meiner Haustür. Aber bitte nicht bei mir.
  • Wir wollen Wohnungen – aber nicht dieses Bauprojekt. Aber bitte nicht bei mir.
  • Wir wollen Windkraft – aber nicht dort, wo man sie sieht. Aber bitte nicht bei mir.
  • Wir wollen soziale Sicherheit – und Sicherheit vor ihren Kosten. Aber bitte nicht bei mir.

Beim letzten Refrain singt das Publikum schon mit.

Das ist menschlich. Als Prinzip taugt es nicht: Alles soll sich ändern, nur meine Bedingungen nicht.

Die Reform beginnt im Wohnzimmer

Der erste Ort der Reform ist nicht das Kanzleramt. Es ist dein Wohnzimmer.

Das klingt lächerlich klein, ist es aber nicht, denn große Systeme bestehen aus Millionen kleiner Lebensentwürfe. Wie viel Arbeit, Freizeit, Konsum, Wohnraum, Mobilität, Absicherung wollen wir? Und wie viel davon wollen wir selbst tragen?

Wir haben uns an eine lange Liste von Selbstverständlichkeiten gewöhnt: Urlaub, Verfügbarkeit, große Wohnung, frühe Rente, Rundumversorgung. Gerät eine davon ins Wanken, nennen wir es Verlust.

Eine einfache Frage wäre: Was davon brauchen wir wirklich?

Das ist keine Einladung zur Askese. Niemand muss mit der Petroleumlampe im kalten Wohnzimmer sitzen und sich an der moralischen Überlegenheit seines Verzichts wärmen. Es geht um den Unterschied zwischen Wollen und Brauchen, zwischen Lebensqualität und Lebensstandard, zwischen Freiheit und Bequemlichkeit.

Hilfe ist nicht Versorgung

Der Sozialstaat ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Gerade deshalb muss man über seine Grenzen sprechen dürfen. Er kann nur verteilen, was erwirtschaftet wurde, und nur helfen, solange genug Menschen Verantwortung tragen.

Hilfe sagt: Du kannst es gerade nicht allein. Wir helfen dir.

Versorgung sagt irgendwann: Du sollst es gar nicht mehr allein können müssen.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine ganze politische Philosophie.

Dagegen hilft ein altes Prinzip: Subsidiarität. Zuerst kommt der Einzelne, dann Familie, Freunde, Nachbarschaft, Verein, Kommune, Region. Der Staat kommt dort, wo diese Ebenen überfordert sind. Das wäre keine Abkehr von der Solidarität, sondern ihre Rettung vor der Überdehnung. Wer Verantwortung übernimmt, schafft Spielraum für die, die wirklich Hilfe brauchen.

Auch ein Sozialstaat darf sich regelmäßig prüfen. Nicht mit „Wie können wir mehr ausgeben?“ und nicht mit „Wie streichen wir möglichst viel?“, sondern mit drei Fragen:

  1. Was ist notwendig?
  2. Was ist wirksam?
  3. Was ist dauerhaft finanzierbar?

Und vor allem: Kommt das Geld bei denen an, für die es gedacht war?

Das ist keine herzlose Frage. Sie ist respektvoll gegenüber denen, die Hilfe brauchen, und gegenüber denen, die sie bezahlen.

Die kleine Republik nebenan

Eine ältere Frau lebt allein und braucht gelegentlich Hilfe beim Einkaufen. Vielleicht der Nachbar, der samstags ohnehin zum Supermarkt fährt. Vielleicht die Studentin aus dem dritten Stock.

Das kostet fast nichts, verlangt aber etwas, das sich nicht beantragen lässt: Beziehung. Man muss jemanden kennen. Man muss sich zeigen. Man muss manchmal helfen, obwohl dafür kein Formular existiert.

Das wäre Sozialpolitik von unten.

Museen sind schöne Orte

Denkmalschutz ist wichtig. Eine Gesellschaft ohne Erinnerung wird austauschbar. Aber was wollen wir bewahren: das Gebäude, die Fassade, die Geschichte, den Charakter eines Ortes? Oder nur die Tatsache, dass nichts verändert werden darf?

Das sind nicht dieselben Dinge. Eine Gesellschaft, die nur bewahrt, wird selbst zum Museum. Ein Museum ist ein schöner Ort. Aber niemand möchte darin wohnen.

Ähnlich beim öffentlichen Bauen: Eine Schule muss kein architektonisches Ereignis sein. Das Verwaltungsgebäude muss nicht aussehen wie ein Konzernsitz. „Funktional“ ist eine ehrenwerte Kategorie, und ein Euro, der nicht ausgegeben wird, ist nicht automatisch ein verlorener.

Dazu ein Grundsatz: Je mehr Freiheit bei der Gestaltung, desto strenger die Kontrolle beim Ergebnis. Was wurde versprochen, was gebaut, was hat es gekostet, wie lange hat es gedauert? Freiheit und Kontrolle sind keine Gegensätze.

Das Recht auf Abschaffung

Vielleicht müssen wir nicht gleich das ganze System umbauen. Vielleicht reicht es, mehr auszuprobieren. Eine Kommune testet ein Modell, ein Stadtteil organisiert Nachbarschaftshilfe, ein Betrieb gestaltet Arbeitszeiten anders. Dann schaut man hin: Funktioniert es? Wenn ja, wird es ausgeweitet. Wenn nein, wird es beendet.

Das klingt revolutionär und ist doch bloß vernünftig.

Denn der übliche Lebenszyklus politischer Projekte sieht anders aus: Sie werden eingeführt, erweitert, bekommen eine Geschäftsstelle, Personal, eine Website, einen Beirat. Und irgendwann weiß niemand mehr, wozu es sie gibt.

Eine moderne Gesellschaft braucht deshalb nicht nur ein Recht auf Innovation, sondern auch ein Recht auf Abschaffung. Was nicht funktioniert, darf enden. Das wäre kein Scheitern, sondern Lernen.

Für Europa gilt dasselbe in groß: nicht immer mehr gemeinsam regeln, sondern gemeinsam besser entscheiden, was überhaupt gemeinsam geregelt werden muss. Das wäre eine ziemlich erwachsene Form von Europa.

Und für die Welt gilt es auch: Wir können nicht beschließen, wie sie funktioniert. Aber wir können entscheiden, wie wir selbst funktionieren wollen. Erst die eigene Straße kehren, dann die Welt retten.

Der zweite Brecht-Moment

Auf der Bühne steht Deutschland. Im Hintergrund ziehen die großen Themen vorbei: Demografie, Klima, Digitalisierung, Migration, Sozialstaat, Geopolitik. Eine Figur tritt vor.

„Wir brauchen einen großen gesellschaftlichen Aufbruch.“

Applaus.

„Wir müssen alle unsere Gewohnheiten ändern.“

Stärkerer Applaus.

„Wir müssen sparen.“

Applaus.

„Wir müssen mutiger werden.“

Stürmischer Applaus.

„Sie zuerst?“

Stille.

Die Figur wartet. Dann dreht sie sich zum Prompter um, der in der zweiten Reihe sitzt, und zeigt auf ihn:

„Und Sie? Sie haben soeben einen ganzen Essay über Veränderung generieren lassen. Wann ändern Sie etwas?“

Der Prompter räuspert sich. Er hat, wie alle im Saal, kräftig mitgeklatscht.

Zurück zum Anfang

Bleibt Demokrit. Mut am Anfang, Glück am Ende.

Vielleicht ist das Glück hier nicht das, das uns zufällt, sondern ein nüchterneres: die Chance, am Ende sagen zu können, dass man gehandelt hat, solange Handeln noch möglich war.

Vielleicht liegt unsere Krise nicht nur darin, dass wir zu wenig haben, sondern auch darin, dass wir uns an zu viel Selbstverständlichkeit gewöhnt haben. Wir erwarten, dass jemand zuständig ist. Dass jemand bezahlt. Dass jemand organisiert, absichert, repariert, entscheidet und die Folgen trägt. Und wenn niemand da ist, schauen wir überrascht.

Die ältere Tugend geht anders: Ich kann nicht alles ändern. Aber ich kann etwas tun. Meine Ansprüche prüfen. Den Nachbarn kennenlernen. Etwas ausprobieren. Einen Fehler zugeben. Eine überflüssige Regel infrage stellen. Und aufhören, von anderen ständig zu verlangen, was ich selbst nicht zu tun bereit bin.

Das klingt nicht nach Revolution. Vielleicht ist das der Punkt.

Gesellschaftliche Veränderung beginnt selten in Sonntagsreden, sondern dort, wo jemand etwas anders macht: ein Mensch, eine Familie, eine Nachbarschaft, ein Betrieb, eine Schule, eine Gemeinde. Manchmal wird daraus mehr.

Mut bedeutet, anzufangen, ohne den Ausgang zu kennen. Das ist übrigens eine ziemlich vernünftige Definition von Politik. Und von Leben.

Verändern, was nicht mehr funktioniert; bewahren, was funktioniert: Das ist weder links noch rechts. Es ist zunächst einmal erwachsen.

Der Vorhang bleibt offen. Das Stück beginnt erst, wenn Sie den Saal verlassen. Sonst werden wir am Ende sagen müssen: Wir haben gewusst, dass sich etwas ändern musste. Aber wir hatten nicht den Mut anzufangen.

Entstehungskontext:

Der Prompter hatte eine Idee und zu dieser einige inhaltliche Gedanken und Vorschläge. Er bat ChatGPT, daraus einen Essay und ein Bild zu generieren – mit Vorgaben zu Ironie, Twists und Brecht’schen V-Effekten. Das Ergebnis legte der Prompter Claude zur Überarbeitung vor, um ironische Passagen, Wendungen und Brecht’sche Elemente zu schärfen. Copilot übernahm den abschließenden Feinschliff.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.