Ein Mann zwischen Bedürfnis nach Anerkennung, Nähe und Kontrolle und Kränkbarkeit, innerer Unruhe und brüchigem Selbstwert

Zwischen äußerer Größe und innerem Zerfall
Zwischen äußerer Größe und innerem Zerfall

Ronald betritt den Raum, als würde er ihn betreten wollen. Das ist kein Widerspruch — es ist ein Unterschied. Er kommt nicht einfach herein, er erscheint: energisch, mit einem leichten Vordrängen des ganzen Körpers, so als müsse er einem Raum erst seinen Stempel aufdrücken, bevor er sich in ihm niederlassen kann, als wäre bloßes Ankommen nicht genug und als müsse die eigene Anwesenheit immer auch ein bisschen eine Ansage sein. Noch bevor er sitzt, entschuldigt er sich dafür, „etwas chaotisch“ zu sein — und beginnt im selben Atemzug zu erzählen. Die Entschuldigung wirkt dabei weniger aufrichtig als vorauseilend, fast choreografiert: Sie nimmt einer möglichen Kritik den Wind aus den Segeln, bevor sie entstehen kann. Was folgt, ist ein Redeschwall von bemerkenswerter Dichte — bildreich, emotional aufgeladen, sprunghaft, mit einem fast theatralischen Rhythmus, der zwischen echtem Mitteilungsdrang und feinem Selbstschutz pendelt, ohne dass Ronald selbst diesen Übergang zu bemerken scheint. Die Energie im Raum ist sofort spürbar. Und sie gehört vor allem ihm.

Manche Menschen füllen einen Raum. Ronald bespielt ihn.

Überblick

Er ist 42, selbstständig, Vater, in einer Beziehung  — und irgendwie immer knapp dran. Knapp vor dem großen Durchbruch, knapp vor dem Zusammenbruch,   knapp davor, verstanden zu werden. Ronald beschreibt sich als außergewöhnlich feinfühlig und gleichzeitig als jemanden, der immer größer gedacht habe als die anderen — eine Kombination, die er nicht als Widerspruch erlebt, sondern als zwei Seiten derselben besonderen Natur, als hätten Verletzbarkeit und Größe denselben Ursprung und würden gemeinsam beweisen, dass er nicht wie die anderen ist.

Die Kindheit war schwer: ein Vater zwischen Grandiosität und Zusammenbruch, eine überforderte Mutter, häufige Umzüge, das anhaltende Gefühl, nirgendwo richtig anzukommen. Im Beruf laufen die Dinge wechselhaft, Konflikte mit Mitarbeitern wiederholen sich, die Erzählung über das eigene Unternehmen verändert sich innerhalb eines einzigen Gesprächs mehrfach. In Beziehungen fasziniert er zunächst — und überfordert dann. Die Partnerin ist der wichtigste Mensch in seinem Leben, und sie versteht ihn trotzdem nicht wirklich.

Er leidet. Er kämpft.  Er hält sich für fair und empathisch. Und er fragt sich, warum die anderen das nicht sehen. Ronald ist kein Sonderfall — er ist ein besonders klares Beispiel für etwas sehr Verbreitetes.   Als klinisches Bild steht hinter all dem weniger die Frage nach einer Diagnose als eine viel grundlegendere:  Was braucht ein Mensch, der gelernt hat, sich durch große Erzählungen am Leben zu halten?

Worum es geht

Es geht um Grandiosität als Schutzschild. Es geht um die Frage, was passiert, wenn ein Mensch sehr früh lernt, dass er sich auf die Welt um ihn herum nicht verlassen kann — auf den Vater nicht, der mal alles versprach und dann verschwand, auf die Mutter nicht, die mal da war und dann überfordert — und welche inneren Konstruktionen er aufbaut, um dieses Gefühl von Halt zu ersetzen, das ihm nie stabil gegeben wurde.  Das Selbstbild, das Ronald entwickelt hat, ist kein Luxus und keine Eitelkeit — es ist ein Überlebensmechanismus, der irgendwann zu groß geworden ist für die Situationen, in denen er eingesetzt wird, der in der Kindheit funktioniert haben mag und heute Beziehungen belastet, Mitarbeiter verschreckt, Schlaf raubt und dem eigenen Erleben im Weg steht. Dahinter liegt kein schlechter Charakter, sondern eine tief verankerte Angst: die Angst, ohne die großen Erzählungen schlicht nichts zu sein. Es geht also nicht darum, jemanden zu entlarven. Es geht darum zu verstehen, wie ein Mensch wird, was er ist — und was es kosten würde, anders zu sein.

Die Größe, die Ronald nach außen zeigt, ist oft genau so groß wie die Angst, die er nach innen verbirgt.

Die biografische Schilderung

Die biografischen Schilderungen, die Ronald bietet, sind erschütternd in ihrer Substanz — und zugleich schwer zu greifen in ihrer Form. Der Vater habe zwischen Größenfantasien und Zusammenbrüchen geschwankt, zeitweise getrunken, mehrfach Arbeitsstellen verloren, die Familie phasenweise verlassen; die Mutter sei mal warmherzig gewesen, mal komplett überfordert — eine Ambivalenz, die Ronald nicht auflöst, sondern nebeneinanderstehen lässt, als gehörten beide Bilder untrennbar zu ihr, als wäre es nie möglich gewesen, sie als eine einzige verlässliche Person zu erleben. Häufige Umzüge, finanzielle Unsicherheit, ein nie wirklich endendes Gefühl des Provisorischen. „Ich bin nie irgendwo richtig angekommen“, sagt er. Dieser Satz klingt im Gespräch nach.

Was an dieser Kindheitserzählung auffällt, ist weniger die Schwere der Belastungen — die ist real — als die Art, wie Ronald mit ihr umgeht. Es fehlt eine durchgehende emotionale Erdung. Die Erzählung wirkt stellenweise wie ein Bericht aus mittlerer Distanz: dramatisch in den Bildern, aber seltsam glatt in der Betroffenheit, als würde er die Erfahrungen weniger erinnern als aufführen, als hätte er sie so oft erzählt, dass sie inzwischen eine Form angenommen haben, die ihn schützt, statt ihn zu berühren. Mal erscheint er als das Kind, das leiden musste. Mal als das Kind, das trotz allem wusste, dass es anders war. Beide Erzählungen werden nicht miteinander verbunden, sondern abwechselnd angeboten — je nachdem, was gerade gebraucht wird.

In der Jugend habe er exzessiv gefeiert, Kokain konsumiert, später Cannabis und psychedelische Substanzen. Diese Phase schildert er mit einer charakteristischen Doppelbewertung: als Selbstzerstörung einerseits, als wichtige Bewusstseinserweiterung andererseits. Scheitern wird im Nachhinein zu Erfahrung umdefiniert, Kontrollverlust zu Selbsterkundung — es entsteht eine Biografie, in der im Grunde nichts verloren war, weil alles irgendwie zu etwas gut gewesen ist, weil jeder Absturz auch eine Art Tiefe beweist, die andere eben nicht haben. Dieser Drang, dem eigenen Leben nachträglich Bedeutung zu geben, schützt. Aber er verschleiert auch, was wirklich hinter dem Exzess stand.

Im Bereich der Beziehungen zeigt sich dasselbe gespaltene Muster. Über viele Jahre habe er sich nach Nähe gesehnt und Frauen gleichzeitig als oberflächlich oder manipulativ erlebt, habe über Onlineplattformen zahllose Dates gehabt, sei anfangs faszinierend gewesen und dann irgendwann unberechenbar, vereinnahmend, widersprüchlich — so zumindest die Rückmeldungen, die er erhalten hat. Er nennt sich selbst „zu intensiv“, mit einem Unterton, der unklar lässt, ob er das als Problem begreift oder als Zeichen von Tiefe. Die Formulierung funktioniert auf beiden Ebenen gleichzeitig: Sie erklärt, warum es nicht geklappt hat — und sie legt nahe, dass es vielleicht an den anderen lag. Verantwortung wird so still verschoben, ohne dass das je offen gesagt wird.

Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Partnerin zusammen, gemeinsam haben sie ein kleines Kind. Sie sei der wichtigste Mensch in seinem Leben, sagt er — und das klingt wahr. Und sie verstehe nicht wirklich, unter welchem inneren Druck er stehe — das klingt ebenfalls wahr, zumindest aus seiner Perspektive. Die Partnerin taucht im Gespräch weniger als eigenständige Person auf denn als Referenzpunkt für Ronalds eigenes Befinden: wichtig, weil er sie braucht; enttäuschend, weil sie ihn nicht vollständig versteht; präsent, ohne wirklich da zu sein. Über ihr Erleben, über das gemeinsame Kind, über die Anforderungen des Alltags, den sie offenbar zu einem erheblichen Teil trägt — darüber verliert Ronald kaum ein Wort. Nicht aus Gleichgültigkeit. Eher weil sein eigenes Innenleben schlicht mehr Platz einnimmt.

Der berufliche Bereich ist der aufschlussreichste — und der unschärfste. Ronald ist gemeinsam mit einem Geschäftspartner selbstständig, aber was das Unternehmen genau tut, bleibt im Gespräch eigentümlich vage. Mal beschreibt er es als reine Vermittlungsagentur ohne eigenes Personal, die Aufträge an externe Kräfte weitergibt. Kurz darauf schildert er massive Konflikte mit eigenen Angestellten, Schwierigkeiten, Mitarbeiter „unter Kontrolle zu halten“, Loyalitätsprobleme, die er mit einer Bitterkeit schildert, die deutlich macht, wie tief sie ihn treffen. Zahlen verändern sich innerhalb desselben Gesprächs. Zeitliche Abläufe widersprechen sich. Verantwortlichkeiten verschwimmen — und Ronald scheint das nicht zu bemerken, weil für ihn nicht die Faktenlage entscheidend ist, sondern das, was er dabei gefühlt hat. Und das stimmt immer.

Das ist kein bewusstes Täuschen. Es ist etwas Subtileres: eine Art emotionaler Wahrheit, in der die Konsistenz von Fakten weniger zählt als die Stimmigkeit der erlebten Erfahrung. Was sich für Ronald richtig anfühlt, wird zur Darstellung — und was sich falsch anfühlt, wird reinterpretiert, bis es passt. Widersprüche irritieren ihn nicht, weil sie innerhalb seines subjektiven Erlebens keine sind. Jede Version war zu ihrem Zeitpunkt wahr, im Sinne von: so hat er es gefühlt. Diese Tendenz lässt sich therapeutisch kaum frontal ansprechen, weil jeder Hinweis auf eine Inkonsistenz sofort als Angriff erlebt wird — nicht auf die Geschichte, sondern auf die Person.

Die Konflikte im Beruflichen folgen einem Muster, das sich durch sein Leben zieht. Mehrfach sei er explodiert, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten wurden. Er habe Angestellte nachts angerufen, lange Sprachnachrichten geschickt, impulsiv Kündigungen ausgesprochen. Er schildert das mit einem gewissen Unbehagen — aber das Unbehagen betrifft den Ton, nicht den Kern. Recht hatte er, davon ist er überzeugt. Und er betont, wie fair er gewesen sei, wie viel er für diese Menschen getan habe. „Ich bin keiner, der Leute ausnutzt“, sagt er. Der Satz klingt nicht gelogen — er klingt wie eine Überzeugung, die er sich selbst gerade erst wieder bestätigt.

Nach außen zeigt Ronald ein Bild von Stärke, Vision, Belastbarkeit. Er spricht von großen Projekten, von einem bevorstehenden Durchbruch, davon, dass viele seine Fähigkeiten unterschätzten — und das ist keine kalte Berechnung, das hat etwas Echtes, fast Drängendes, als ob er das selbst dringend glauben müsste, um weitermachen zu können. Denn was im weiteren Verlauf sichtbar wird, ist das Gegenteil dieser Fassade: Angst zu scheitern, Angst bedeutungslos zu sein, Angst vor Verrat und Demütigung, eine diffuse innere Unruhe, die er kaum benennen kann, Schlafprobleme, weil er nachts tausend Ideen gleichzeitig hat, Phasen fast euphorischer Überzeugung, die unvermittelt in tiefe Erschöpfung kippen, in innere Leere, in das Gefühl, eigentlich völlig allein zu sein. Die Grandiosität und die Leere sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander. Die großen Erzählungen sind nicht Ausdruck von Stärke — sie sind deren Ersatz.

Besonders auffällig ist, wie konsequent Ronald Konflikte nach außen verlagert. Andere seien neidisch, begrenzt, illoyal, nicht belastbar genug für seine Art von Intensität. Die eigene Beteiligung taucht kaum auf, und wenn, dann als verständliche Reaktion auf Vorhergegangenes, als Folge, nie als Ursache. Bereits vorsichtige Nachfragen im Gespräch erzeugen eine spürbare Gereiztheit, lange Rechtfertigungen, Monologe, die den Gesprächsraum übernehmen. Das ist kein bewusstes Manöver. Es ist ein Reflex — einer, der sich über viele Jahre eingeschliffen hat, weil er funktioniert hat. Zumindest kurzfristig.

Hinter allem steht eine Bindungsgeschichte, die diese Muster erklärbar macht: ein Vater, der mal alles versprochen und dann verschwunden ist,  eine Mutter, die mal gewärmt und mal nicht erreichbar war — das erzeugt früh die Überzeugung, dass Stabilität kein verlässlicher Zustand ist und dass man sich selbst etwas aufbauen muss, das hält. Die Grandiosität ist diese Konstruktion. Sie hat in der Kindheit geholfen. Heute kommt sie zu groß daher. Und das Selbst, das sich hinter ihr verbirgt, hat Mühe, sich ohne sie zu spüren. Denn ein Mensch, der gelernt hat, sich durch große Erzählungen zu stabilisieren, hört nicht einfach damit auf — er kann es nicht, solange er nichts anderes hat.

Zum Mitnehmen

Ronald ist kein Einzelfall. Er ist ein besonders deutliches Beispiel für etwas, dem wir im Alltag viel häufiger begegnen, als wir es als solches erkennen: Menschen, die nach außen Stärke zeigen, weil sie nach innen nie gelernt haben, mit Schwäche umzugehen; die faszinieren, weil sie selbst nie sicher waren, ob sie gut genug sind; die Konflikte erzeugen, nicht weil sie das wollen, sondern weil ihre innere Landschaft so unruhig ist, dass die Außenwelt diese Unruhe zwangsläufig zu spüren bekommt. Was auf den ersten Blick wie Arroganz wirkt, ist oft Angst in festem Aggregatzustand — und was wie Kälte wirkt, ist oft eine früh entwickelte Schutzstrategie, die nie überschrieben wurde, weil es dafür nie einen sicheren Ort gab. Das macht solche Menschen nicht zu Opfern ihrer Geschichte — Verantwortung bleibt, auch für das, was man aus einer schweren Kindheit macht. Aber es verändert, wie man hinschaut. Wer Ronald mit Diagnosen begegnet, bleibt an der Oberfläche. Wer fragt, wozu die Größe gebraucht wird, kommt näher. Nicht zur Entschuldigung. Sondern zum Verstehen.  Und vielleicht — wenn Vertrauen entsteht — zur Veränderung.

Das Mutigste, was Ronald tun könnte, wäre nicht, noch mehr zu leisten — sondern einmal zuzulassen, dass jemand ihn sieht, ohne dass er dafür eine Geschichte braucht.

  • Inspiration: Gespräche mit M.
  • Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT.
  • Dieser Artikel wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.