Lebensziel, Lebenssinn, der purpose of life und die 6 Hüte

Dieser Satz wird dem britisch-maltesischen Psychologen, Arzt und Vordenker Edward de Bono zugeschrieben, einem Mann, der sein Leben damit verbrachte, das Denken selbst unter die Lupe zu nehmen. De Bono, bekannt durch Konzepte wie das Laterale Denken, die Six Thinking Hats und die Kritik am vertikalen, linearen Denken, wusste genau, wovon er sprach: Wer immer nur in gewohnten Bahnen denkt, bleibt immer am gewohnten Ort. Und wer gar nicht erst fragt, wohin er will, überlässt die Antwort dem Zufall – oder der Schwerkraft. Stell dir vor, du steigst ins Auto, das Navi fragt nach dem Ziel, und du antwortest: „Überrasch mich.“ 

Lebensziel, Lebenssinn, der purpose of life und die 6 Hüte
Lebensziel, Lebenssinn, der purpose of life und die 6 Hüte

Das Navi schweigt kurz, seufzt innerlich und schickt dich dann in Richtung „irgendwo“ – mit der gleichen stoischen Ruhe, mit der das Leben gelegentlich unsere halben Absichten ignoriert und die andere Hälfte schlicht ergänzt.  Wer „egal“ eingibt, bekommt „egal“ zurück – nur mit mehr Kilometern und einer Tankfüllung weniger.  De Bono hätte wahrscheinlich hinzugefügt: Das eigentliche Problem ist nicht das fehlende Ziel. Es ist das fehlende Denken über das Ziel. Denn ohne dieses Nachdenken verwechseln wir Routine mit Richtung,  Beschäftigung mit Bewegung, Aktivität mit Fortschritt. 

Überblick

Das Zitat Edward de Bonos steht in Beziehung zu Existenzialismus, Freiheit und Verantwortung sowie zu Selbstentwicklung, Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung in einer offenen, liberalen Gesellschaft – mit ihren großen Chancen und ihren nicht ganz so romantischen Nebenwirkungen. 

Er zeigt, warum purpose of life, Lebenssinn und Lebenszweck keine fertigen Produkte sind, sondern eher Prozesse mit Rückgaberecht – und warum Scheitern oft weniger Ende als ein ziemlich ehrlicher Zwischenstand ist. Es zeigt außerdem, warum Edward de Bonos Denkwerkzeuge nicht nur für Managementseminare taugen, sondern für das größte Projekt, das wir alle gleichzeitig betreiben: das eigene Leben. Freiheit ist ein Geschenk – aber die Quittung liegt immer dabei.

Worum es geht

Der Kernsatz lautet: „Wenn ich nicht weiß, wohin ich will, komme ich unter Garantie woanders an.“ Er ist so simpel, dass er fast beleidigt: Natürlich lande ich woanders, wenn ich kein Ziel habe. Aber genau deshalb entlarvt er die häufigste Verwechslung des Alltags – nämlich Bewegung mit Richtung, und Beschäftigung mit Fortschritt. De Bono hat dieses Phänomen in seinem Werk über das vertikale Denken präzise beschrieben: Vertikales Denken gräbt immer tiefer in dasselbe Loch. Laterales Denken sucht ein anderes Loch. Wer aber gar nicht weiß, wozu er ein Loch braucht, gräbt irgendwo – und wundert sich am Abend, dass er im falschen Garten steht.Nicht jede Aktivität ist Fortschritt – manchmal ist sie nur gut getarnte Flucht.

Der geworfene Mensch und das denkende Ich

Wir beginnen am besten mit einer kleinen Entlastung. Niemand muss sein Leben wie einen Businessplan entwerfen, bevor er die erste Kaffeetasse des Tages geschafft hat. Und doch steckt in de Bonos Satz eine existenzialistische Pointe, die ihn weit über den Bereich der Selbstoptimierungsliteratur hinaushebt: Wir sind in eine Welt geworfen, die nicht mit Gebrauchsanweisung kommt – und müssen trotzdem so tun, als hätten wir eine.

Das ist, in freundlicher Sprache, die Grundstimmung des Existenzialismus: Nicht „da draußen“ wartet der fertige Sinn auf uns wie ein bestelltes Paket. Wir sind diejenigen, die Sinn herstellen, aushandeln, verlieren, wiederfinden und gelegentlich im falschen Mantel nach Hause tragen. Und genau hier tauchen die großen Wörter auf, ohne dass wir über sie stolpern müssen: Freiheit, Verantwortung, Authentizität –  und dieses leicht mulmige Gefühl, das entsteht, wenn man merkt, dass  „ich kann“ eben auch „ich muss mich entscheiden“ bedeutet.

De Bono hätte an dieser Stelle vermutlich einen seiner charakteristischen Seitenhiebe platziert: Das Problem sei nicht der Mangel an Intelligenz, sondern der Mangel an Denktechnik. Hochintelligente Menschen, schrieb er, sind oft besonders geschickt darin, schlechte Entscheidungen zu rechtfertigen – weil sie ihren Verstand nutzen, um Positionen zu verteidigen, statt um Richtungen zu erkunden. Das gilt im Kleinen (Berufswahl, Beziehungen, Alltagsentscheidungen) wie im Großen (Lebensentwurf, Werte, Sinn).

Die liberale Gesellschaft: Freiheit als Zumutung

In einer offenen, liberalen Gesellschaft ist das „Ich muss mich entscheiden“ besonders stark ausgeprägt, weil das „Ich darf“ besonders groß ist. Es gibt mehr Wege, mehr Lebensmodelle, mehr Möglichkeiten – zu reisen, zu lieben, zu wechseln, neu anzufangen, sich neu zu erfinden. Und ja: auch mehr Möglichkeiten, sich zu verzetteln.

Diese Vielfalt ist ein Fortschritt, weil sie Menschen aus vorgefertigten Rollen löst und Selbstentfaltung überhaupt erst möglich macht. Gleichzeitig ist sie eine Belastung, weil die Verantwortung für das eigene Leben mit jeder zusätzlichen Option schwerer werden kann – wie eine Einkaufstasche, in die man „nur kurz“ noch zwei Dinge legt, bis die Henkel philosophische Fragen stellen.

De Bono hat in diesem Zusammenhang einmal auf das Paradox der Wahlfreiheit hingewiesen: Mehr Optionen führen nicht automatisch zu besseren Entscheidungen. Sie führen zunächst zu mehr Unsicherheit – und Unsicherheit, schlecht gemanagt, führt zu Entscheidungsparalyse oder zu reaktiven, unbewussten Entscheidungen. Das heißt: Wir entscheiden uns doch, nur eben für das Vertraute,   das Bequeme, das Erwartete – also für genau das, was de Bono mit „vertikalem Denken“ meinte. Das Ergebnis: Man landet woanders – aber in einem „woanders“, das man nie wirklich gewählt hat.

Der Satz „Wenn ich nicht weiß, wohin ich will…“ ist deshalb nicht nur ein Plädoyer für Zielorientierung, sondern eine Diagnose der modernen Überforderung: Wenn alles möglich scheint, wird das Nicht-Wissen zum Dauerzustand. Dann entsteht ein Druck, der nicht von außen kommt („Du musst so sein!“), sondern von innen („Du könntest alles sein!“). Man ist gleichzeitig Architekt und Baustelle,  Bauleiter und Material, Qualitätskontrolle und derjenige, der abends erschöpft auf dem Sofa sitzt und sich fragt, warum das Projekt „Ich“ schon wieder in Verzug ist.

Die Six Thinking Hats als Kompass

De Bonos vielleicht praktischstes Werkzeug für genau diese Situation sind die Six Thinking Hats – sechs metaphorische Hüte, die verschiedene Denkmodi repräsentieren: faktenbasiertes Denken (Weiß), emotionales Empfinden (Rot), kritisches Hinterfragen (Schwarz), optimistisches Abwägen (Gelb), kreatives Erkunden (Grün) und Prozesssteuerung (Blau).

Übersetzt auf die Frage nach Lebenssinn und Richtung ergibt das eine erstaunlich nüchterne Anleitung:

Der weiße Hut fragt: Was weiß ich wirklich über meine Situation, meine Fähigkeiten, meinen Kontext – und was bilde ich mir nur ein?  Der rote Hut fragt: Was fühlt sich richtig an, jenseits aller Rationalität? Welche Entscheidungen haben mich belebt – und welche haben mich innerlich leer gelassen? Der schwarze Hut fragt: Welche Risiken sehe ich? Welche Annahmen könnten sich als falsch herausstellen?

Der gelbe Hut fragt: Was ist das Beste, das passieren könnte? Was spricht für eine Richtung, nicht nur gegen andere? Der grüne Hut fragt: Welche Alternativen habe ich noch nicht gedacht? Welchen Weg würde ich wählen, wenn der Mut keine Rolle spielte? Und der blaue Hut fragt: Wie denke ich eigentlich gerade? Und dient das Denken dem Ziel – oder schützt es mich vor der Entscheidung?

Das ist keine Garantie gegen das „woanders“ – aber es ist eine Einladung, nicht blind loszulaufen. De Bono hat immer betont: Das Ziel des Denkens ist nicht Perfektion, sondern Richtung. Und Richtung ist nicht dasselbe wie Vorhersehbarkeit.

Sinn als Taschenlampe, nicht als Leuchtturm

An diesem Punkt könnte man meinen: Also brauchen wir einen Lebensplan, eine Mission, ein großes Banner mit „purpose of life“ darauf und darunter den Lebenszweck in sauberer Handschrift. Einen Leuchtturm, der am Horizont wartet.

Aber hier lohnt sich ein zweiter Blick. De Bono selbst warnte vor dem, was er „Zielstarre“ nannte – dem Fehler, ein Ziel so absolut zu setzen, dass es keine Anpassung mehr zulässt und zur Falle wird. Sinn, wirklich erlebter Sinn, ist nicht immer ein Leuchtturm.  Oft ist er eher eine Taschenlampe: Sie leuchtet genau so weit, wie man gerade geht. Wer wartet, bis der Leuchtturm erscheint, bevor er den ersten Schritt macht, wartet unter Umständen sehr, sehr lange – und landet am Ende doch woanders, nämlich beim Warten.

Manchmal beginnt Lebenssinn nicht mit einer Offenbarung, sondern mit einem schlichten Satz, der nicht spektakulär klingt, aber das Leben erstaunlich zuverlässig sortieren kann.:  „Ich glaube, das hier ist mir wichtig.“ 

Das kreative Scheitern

Jetzt kommt das Thema Scheitern – bitte einmal ohne dramatische Geigen im Hintergrund.

De Bono hat Scheitern nie als moralisches Versagen verstanden, sondern als Informationsquelle. Wer scheitert, erfährt, wo Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Er sieht, welche Fähigkeiten fehlen, welche Annahmen falsch waren, welche Bedürfnisse verdrängt wurden. Im Sinne des Lateralen Denkens ist ein Scheitern manchmal der einzige Weg, ein anderes Loch zu graben – weil man endlich merkt, dass das bisherige Loch am falschen Ort war.

Das bedeutet nicht, Scheitern zu romantisieren. Es bedeutet: auswerten, betrauern, lernen, neu justieren. In dieser Perspektive passt de Bonos Ausgangsbeobachtung sogar als freundliche Einladung: Wenn du nicht weißt, wohin du willst, wirst du irgendwo landen – und wenn du dann hinschaust, kannst du entscheiden, ob dieses „irgendwo“ ein Irrtum war oder ein Hinweis.  Manchmal ist das „woanders“ genau der Ort, an dem man etwas findet, das man am Startpunkt noch nicht einmal benennen konnte.

Verantwortung ohne Selbstbestrafung

Eine offene Gesellschaft bietet dafür eine besondere Ressource: die Möglichkeit des Neustarts. Nicht jeder Neustart ist leicht, nicht jeder ist gerecht verteilt, und nicht jeder fühlt sich so glamourös an wie in Filmen, in denen Menschen nach einer Sinnkrise plötzlich bei Sonnenaufgang joggen und dabei ihr neues Ich finden.  Aber grundsätzlich gilt: Rollen sind weniger festgeschrieben, Biografien weniger linear, Lernwege weniger exklusiv, Wechsel weniger tabu.

Gleichzeitig lauert darin eine Gefahr: Wenn Neustart immer möglich ist, kann man ihn als Dauerflucht missbrauchen. Jedes Mal, wenn es unbequem wird, „Reset“ drücken – statt die eigene Verantwortung auszuhalten. Freiheit, das hat de Bono in anderem Zusammenhang treffend formuliert, ist nicht die Abwesenheit von Grenzen, sondern die Fähigkeit, kreativ mit Grenzen umzugehen. Das schließt die eigene Ungeduld und Ungewissheit ein.

Und damit sind wir beim vielleicht wichtigsten Punkt: Verantwortung in einer liberalen Gesellschaft ist nicht gleichbedeutend mit „Du bist schuld an allem.“ Es gibt Zufall, Ungerechtigkeit, Krankheit, Herkunft, Brüche, Pech – kurz: die ganze wilde Welt, die sich nicht darum schert, ob wir gerade an unserer Selbstverwirklichung arbeiten. Deshalb lohnt es sich, zwischen Kontrolle und Einfluss zu unterscheiden: Ich kontrolliere nicht alles, aber ich beeinflusse einiges – und dieses „einiges“ ist groß genug, um daraus Würde zu bauen. Ich bin nicht Autor aller Kapitel, aber ich bin Mitautor des Tons, der Entscheidungen, der Haltung.

Wo der Schlüssel wirklich liegt

Viele Menschen suchen den großen Lebenszweck wie einen verlorenen Schlüssel – und suchen ihn ausgerechnet dort, wo das Licht am besten ist: bei Prestige, Erwartungen, Vergleich, bei dem, was sich gut erzählen lässt auf Partys oder in Lebensläufen.

De Bono würde sagen: Das ist vertikales Denken in Reinkultur. Man gräbt tiefer an der gleichen Stelle, weil man dort schon angefangen hat. Laterales Denken würde fragen: Wo warst du bisher gar nicht? Und die ehrliche Antwort führt oft dorthin, wo man schon einmal war – in Momenten, in denen man sich lebendig fühlte, Verantwortung übernahm, trotz Angst handelte, nach einem Scheitern nicht zynisch, sondern klüger wurde.

Wenn man dann „woanders“ ankommt, kann man immer noch entscheiden: War das ein Irrtum – oder ein Hinweis? Und diesmal nicht als Zufallsprodukt, sondern als Autor mit humorvoller Demut.

Zum Mitnehmen

Das Ziel ist nicht, nie „woanders“ zu landen. Das Ziel ist, zu merken, wann „woanders“ Zufall war – und wann es ein Zeichen ist, dass du endlich selbst die Hand ans Steuer legen solltest.

Edward de Bono hat uns nicht die Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn hinterlassen. Er hat uns etwas Nützlicheres hinterlassen: bessere Fragen. Und die Erinnerung daran, dass Denken kein passiver Vorgang ist, sondern eine Entscheidung – täglich, aktiv, manchmal unbequem.

Richtung ist kein Gefängnis, sondern ein Kompass – und der zeigt auch dann noch nach Norden, wenn du gerade im Regen stehst.

  • Inspiration: Gespräche mit B.
  • Bildmaterial: KI-generiert. Copilot.
  • Dieser Artikel wurde  unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.