Über das fragile Gleichgewicht von Schmerz und Sinn – und wie wir lernen, es zu halten

Manchmal genügt ein einziger Moment, um zu spüren, wie widersprüchlich Leben ist. Ein Lächeln mitten in der Trauer, ein Hoffnungsschimmer im Schatten einer Angst, ein stilles Glück, das sich nicht rechtfertigen muss, obwohl ringsum vieles brüchig erscheint.
Die Schriftstellerin Gabriele von Arnim hat dieses Paradox mit einem Bild beschrieben, das trifft: Schmerz und Freude, Entsetzen und Glücksmomente existieren gleichzeitig – und der Kosmos selbst gleicht einer Waage, auf der das Schwere und das Helle ständig gegeneinandergewogen werden. Diese Gleichzeitigkeit wirkt zunächst irritierend, fast unlogisch, und doch ist sie vielleicht eine der ehrlichsten Beschreibungen unserer Existenz. Wir sind keine linearen Wesen, sondern oszillierende, tastende, suchende. Und vielleicht beginnt genau hier ein anderer Blick – nicht auf das Entweder-oder, sondern auf das Sowohl-als-auch. Am Ende steht die leise Ahnung, dass gerade in dieser Spannung etwas Tragendes liegt.
Überblick
Es geht um ein Bild. Eine Waage, die niemals stillsteht, die sich bewegt, reagiert, ausgleicht, ohne je endgültig ins Gleichgewicht zu kommen. In der einen Schale sammeln sich Schmerz, Verlust, Enttäuschung und all das Unverfügbare, das wir nicht kontrollieren können. In der anderen liegen kleine und große Gegengewichte: Erfahrungen von Sinn, Momente von Verbundenheit, Akte von Selbstwirksamkeit, Entscheidungen, die wir treffen, obwohl wir nicht sicher sind. Psychotherapeutisch gedacht wird diese Waage nicht „richtig“ eingestellt, sondern bewusst gehalten, immer wieder neu justiert, immer wieder neu befüllt. Was das bedeutet, entfaltet sich durch Erkundung – durch die Frage, was jemand selbst in die offene Schale legen kann und will, aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung. Der entscheidende Punkt ist nicht, dass das Negative verschwindet, sondern dass wir lernen, aktiv an der anderen Seite mitzuwirken. Das Gleichgewicht ist kein Zustand. Es ist eine Praxis.
Worum es geht
Es geht um die Frage, wie wir leben können, ohne uns vom Gewicht des Negativen bestimmen zu lassen – und wie wir zugleich vermeiden, das Positive zu idealisieren oder zu erzwingen. Es geht um eine Haltung, die weder verdrängt noch verzweifelt, sondern gestaltet, die nicht auf fertige Antworten wartet, sondern in Bewegung bleibt. Diese Haltung ist die Kunst, die eigene Waage zu führen, ohne ihr ausgeliefert zu sein.
Die Gleichzeitigkeit aushalten
Am Anfang steht die Zumutung. Dass Gegensätze gleichzeitig wahr sein können, widerspricht unserem Bedürfnis nach Klarheit und Ordnung. In der therapeutischen Arbeit zeigt sich oft, wie stark der Wunsch ist, sich eindeutig zu fühlen – entweder gut oder schlecht, entweder hoffnungsvoll oder verzweifelt, entweder stark oder am Boden. Doch die Erfahrung lehrt beharrlich etwas anderes: dass Ambivalenz kein Fehler ist und kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern Grundbedingung eines lebendigen Innenlebens. Das Nebeneinander von Schmerz und Freude, von Erschöpfung und einem Rest Leichtigkeit, ist nicht aufzulösen – es ist auszuhalten, und irgendwann sogar zu bewohnen. Wer lernt, diese Gleichzeitigkeit nicht sofort glätten zu wollen, gewinnt einen ersten inneren Spielraum, in dem neue Bedeutungen entstehen können. Dieser Raum ist fragil. Aber er ist real.
Die Waage als inneres Arbeitsmodell
Das Bild der Waage lädt ein, Verantwortung anders zu denken. Nicht im Sinne von Schuld oder Pflicht, sondern als Möglichkeit zur Mitgestaltung. Was auf der „dunklen“ Seite liegt, entzieht sich oft unserem Zugriff – Verluste, Kränkungen, äußere Umstände lassen sich nicht einfach wegnehmen, und es wäre unehrlich, so zu tun, als ob. Doch die andere Schale ist offen. Hier können Erfahrungen gesammelt werden, die nicht laut oder spektakulär sein müssen, sondern oft leise und unscheinbar beginnen: ein Gespräch, das trägt; ein Gedanke, der eine Möglichkeit zeigt; eine Entscheidung, ein kleiner Schritt, der nicht perfekt sein muss, um zählbar zu sein. In der Beratung kann dieses Bild helfen, die eigene Rolle neu zu sehen – nicht als passiver Betroffener von Umständen, sondern als jemand, der Gewicht hinzufügen kann. Nicht alles. Aber etwas. Und dieses Etwas verändert das Verhältnis zur eigenen Lage mehr, als es auf den ersten Blick erscheint.
Selbstwirksamkeit als Gegengewicht
Ein kurzer Moment genügt manchmal, um den Unterschied zu spüren. Der Moment, in dem jemand sagt: „Das habe ich selbst entschieden.“ Oder: „Ich habe es versucht, auch wenn es nicht geklappt hat.“ Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, alles im Griff zu haben oder die Lage vollständig zu kontrollieren – sie bedeutet, zu erleben, dass das eigene Handeln eine Spur hinterlässt, dass die eigenen Entscheidungen in der Welt ankommen. In der Logik der Waage ist Selbstwirksamkeit kein Allheilmittel, sondern ein kontinuierlicher Prozess des Hinzufügens, des Ausprobierens, des persönlichen Wachsens, aber auch des Scheiterns. Gerade dieses Scheitern kann Teil des Gewichts werden, wenn es integriert wird – wenn es nicht als Beweis von Unfähigkeit gilt, sondern als Ausdruck von Beteiligung, als Zeichen dafür, dass jemand nicht aufgehört hat, mitzumachen. So entsteht langsam ein Gefühl von Einfluss, von innerer Handlungsfähigkeit, die nicht von äußeren Bedingungen abhängt. Und damit ein anderes, tragfähigeres Verhältnis zur eigenen Lebenssituation.
Selbstverantwortung ohne Überforderung
Hier liegt eine heikle Balance. Denn der Gedanke, selbst „Gewicht hinzufügen“ zu müssen, kann schnell in Druck umschlagen – in die Vorstellung, man sei für das eigene Ungleichgewicht verantwortlich, man hätte mehr tun müssen, man hätte es besser wissen sollen. Das ist nicht gemeint, und es wäre das Gegenteil von hilfreich. Psychologisch hilfreich wird der Gedanke der Selbstverantwortung erst, wenn er entlastend gemeint ist: Du musst nicht alles tragen, aber du kannst etwas beitragen. Selbstverantwortung heißt dann nicht, für alles verantwortlich zu sein, sondern lediglich für den eigenen Umgang mit dem, was ist – für die Antwort, die man auf das gibt, was geschieht, nicht für das Geschehen selbst. ‚Verantwortung‘ enthält das Wort Antwort, und diese Verschiebung ist alles andere als trivial. Sie öffnet einen Raum, in dem Handlung möglich wird, ohne dass Überforderung entsteht, und sie erlaubt es, auch Grenzen anzuerkennen, ohne in Ohnmacht zu verfallen. Selbstverantwortung ist keine Bürde. Sie ist die andere Seite der Freiheit.
Autobiografie statt Fremdautoren
Manchmal kippt die Waage leise. Nicht durch das, was geschieht, sondern durch die Deutung dessen, was geschieht. Viele Lebensgeschichten tragen Spuren fremder Handschriften: Erwartungen, Zuschreibungen, Urteile, die sich über Jahre eingeschrieben haben und irgendwann wie eigene Stimmen klingen, wie selbstverständliche Wahrheiten über das, was möglich ist, was man wert ist, wer man sein darf. In der therapeutischen Arbeit kann ein Wendepunkt dort entstehen, wo diese fremden Narrative erkennbar werden – wo jemand innehält und sich fragt, wer hier eigentlich erzählt. Der Schritt hin zu einer „Autobiografie“ bedeutet nicht, die Vergangenheit umzuschreiben oder so zu tun, als hätte das Schwere nicht stattgefunden. Er bedeutet, die Autorenschaft für die Gegenwart und die Zukunft zu übernehmen, mit allen Brüchen, Zweifeln und offenen Enden. Es ist ein tastender Prozess, in dem neue Sätze entstehen dürfen – zunächst unsicher, dann klarer, getragen von der Erfahrung, dass Deutung veränderbar ist, dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist, solange man lebt. Die Waage verschiebt sich nicht abrupt. Aber diese Waage verschiebt sich, spürbar und nachhaltig, weil ein neues Gewicht hinzukommt: die eigene Stimme. Ich schreibe mit.
Sinn als dynamisches Gleichgewicht
Die Frage nach dem Sinn tritt oft dann auf, wenn die Waage sich stark neigt. „Wofür das alles?“ ist weniger eine philosophische als eine existenzielle Frage – sie kommt aus einem Erleben, nicht aus einem Seminar. Menschen können selbst unter extremen Bedingungen einen inneren Sinn erleben, nicht als religiöse Gewissheit und nicht als fertige Antwort, sondern als gelebte Ausrichtung auf etwas, das über das unmittelbare Erleben hinausweist. Diesen Sinn nennen wir heute auch „purpose“ – ein Wort, das im Deutschen schwer zu übersetzen ist, weil es zugleich Absicht, Richtung und Bedeutung meint, ein Wozu, das dem eigenen Handeln Tiefe gibt. Purpose ist nichts, das man findet wie einen verlorenen Gegenstand. Er entsteht im Tun, im Kontakt mit dem, was wirklich wichtig ist, in der Fürsorge für andere, in kreativer oder handwerklicher Arbeit, in Beziehungen, in kleinen Akten der Zugehörigkeit und des Engagements, im sorgsamen Bewohnen des gegenwärtigen Moments. Er ist nicht zwingend religiös, aber oft von einer ähnlichen Tiefe – weil er über das bloß Funktionale hinausweist und dem Leben ein Gewicht gibt, das es trägt, auch wenn vieles schwer ist. Sinn oder Purpose ist kein fixes Gewicht. Er ist beweglich. Und genau darin liegt seine Kraft.
Das Gespräch als Raum für die Waage
Manches lässt sich allein nicht sehen. Im Gespräch – therapeutisch, beraterisch oder einfach menschlich zugewandt – geschieht etwas, das sich schwer benennen, aber deutlich spüren lässt: Das Ungesagte bekommt Raum, das Schwere darf gezeigt werden, ohne dass jemand sofort dagegenhält, erklärt oder zu korrigieren versucht. Diese Haltung des Haltens ist selbst eine Form des Gleichgewichts. Wer sich gesehen fühlt, wer erfährt, dass das eigene Erleben ernst genommen wird, gewinnt etwas, das oft unterschätzt wird: die Erfahrung, nicht allein zu tragen. Aus diesem Boden wächst dann, was wirklich helfen kann – die langsame, ehrliche Erkundung dessen, was fehlt, was möglich ist, welche Stimmen zu laut geworden sind und welche noch kaum hörbar sind. Das Gespräch stellt kein Gleichgewicht her und trifft keine Entscheidungen. Es schafft den Raum, in dem die eigene Waage sichtbar werden kann – und damit die Möglichkeit, wieder selbst Hand anzulegen. Der Raum gehört demjenigen, der ihn betritt.
Zum Mitnehmen
Vielleicht genügt ein einfaches Bild, um etwas in Bewegung zu bringen. Eine Waage, die nie zur Ruhe kommt und gerade darin ihre Stabilität findet. Die Einladung besteht nicht darin, das Negative zu besiegen oder das Positive zu erzwingen, sondern darin, bewusst zu kultivieren, was auf der anderen Seite liegen kann – in kleinen, wiederholten Handlungen, in der Bereitschaft, die eigene Stimme zu hören, in der Entscheidung, Sinn nicht zu erwarten, sondern mitzugestalten. Selbstwirksamkeit, Selbstverantwortung und die Suche nach dem eigenen Purpose sind keine Konzepte, die man versteht und dann hat – sie sind Haltungen, die man immer wieder neu einnimmt, immer wieder neu in reales Handeln umsetzt, in guten Momenten und besonders in schwierigen. Am Ende bleibt kein perfektes Gleichgewicht, sondern ein lebendiger Prozess. Und vielleicht ist genau das genug.
- Inspiration: ‚Wenn wir uns stählen, verhärten wir.‘ SPIEGEL-Interview mit Gabriele von Arnim. DER SPIEGEL 19 / 2026, S.118.
- Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT.
- Dieser Artikel wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.
Über den Autor:
Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.