Warum aus vernünftigen Kindern vorübergehend charmante Verrückte werden
Ein Verteidigungsplädoyer für das jugendliche Irresein – mit Hypothalamus, Peer Group und einer Portion Nachsicht
Es ist neun Uhr abends, und irgendwo schlägt eine Tür zu, mit einer Wucht, die eher an ein architektonisches Statement erinnert als an einen simplen Abschied aus dem Wohnzimmer. Wenige Minuten zuvor saß am selben Tisch noch ein Mensch, der mit brennenden Augen erklärte, die Welt müsse gerechter, die Meere sauberer und die Erwachsenen ehrlicher werden.
Jetzt herrscht Funkstille hinter einer Tür, an der ein selbstgemaltes Schild klebt: „Betreten auf eigene Gefahr.“ Man könnte verzweifeln. Man könnte aber auch, mit einer Tasse Tee in der Hand, kurz innehalten und sich fragen, was eigentlich gerade in diesem jungen Schädel vor sich geht. Die Antwort ist, entgegen aller Küchentisch-Diagnosen, nicht Charakterschwäche, sondern Architektur. Es wird gebaut. Und wie bei jeder Baustelle mitten in der bewohnten Stadt geht es eine Weile laut, staubig und unübersichtlich zu, bevor irgendwann ein Erwachsener aus dem Gerüst steigt.

Übersicht
Die Pubertät ist keine Charakterkrise, sondern eine Großbaustelle im Gehirn, die bei laufendem Betrieb durchgeführt wird. Ausgelöst durch den Hypothalamus, überschwemmen Hormone das Gehirn und bauen es strukturell um – wobei das Belohnungssystem deutlich früher fertiggestellt wird als der präfrontale Cortex, jene Instanz für Planung, Impulskontrolle und Risikoabschätzung. Aus diesem zeitlichen Gefälle entsteht das typische Bild halsbrecherischer Mutproben und spontaner Kehrtwenden. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Peer Group, die in dieser Lebensphase an Einfluss gewinnt, während die Meinung der Eltern spürbar an Gewicht verliert. Genau diese Offenheit macht die Pubertät zugleich zu einer besonders formbaren und damit verletzlichen Phase, in der sich sowohl Stärken als auch Vulnerabilitäten festigen können. Am Ende jedoch steht, bei aller Turbulenz, ein sinnvolles Bauprojekt: ein Mensch, der lernt, wer er sein will.
Das Gehirn baut um – bei laufendem Betrieb
Man stelle sich eine Stadtverwaltung vor, die beschließt, das komplette Straßennetz zu erneuern, während gleichzeitig sämtlicher Alltag ungestört weiterlaufen soll: Pendler müssen zur Arbeit, Kinder in die Schule, Lastwagen zu ihren Lieferungen. Genau nach diesem Prinzip verfährt das Gehirn in der Pubertät. Es handelt sich um die dritte große Umbauphase eines Menschenlebens. In der ersten, im Säuglingsalter, ging es um Bindung: Wer tröstet mich, wer ernährt mich, wer sichert mein Überleben? In der zweiten, im Kleinkindalter, übernahm die Bewegung die Regie, und die Welt wollte krabbelnd, kletternd, greifend erobert werden. Nun, in der Pubertät, meldet sich eine dritte, deutlich anspruchsvollere Frage zu Wort: Wer bin ich eigentlich? Es ist eine Frage, an der sich manche Erwachsene noch mit sechzig die Zähne ausbeißen, und trotzdem soll sie ein Vierzehnjähriger binnen weniger Jahre wenigstens vorläufig beantworten. Dass dabei nicht alles nach Plan läuft, ist keine Fehlfunktion, sondern die logische Konsequenz eines Umbaus dieser Größenordnung.
Jede Generation hält den Umbau ihrer Kinder für einzigartig chaotisch – dabei ist es lediglich die immer gleiche Baustelle mit neuen Handwerkern.
Der Hypothalamus drückt auf den roten Knopf
Der eigentliche Startschuss fällt an einer unscheinbaren Stelle tief im Gehirn: dem Hypothalamus, der sich hier wie ein Dirigent verhält, der mit einer knappen Handbewegung ein ganzes Orchester in Bewegung setzt. Auf sein Signal hin beginnt eine hormonelle Sinfonie, in der Östrogen und Testosteron die Hauptstimmen übernehmen. Was nüchtern nach Biochemie klingt, entfaltet in Wahrheit die Wirkung einer Generalsanierung des gesamten Gehirns, denn diese Hormone verändern nicht nur äußerlich sichtbare körperliche Merkmale, sondern auch die innere Architektur des Gehirns selbst. Neue Verbindungen entstehen, alte werden aussortiert, ganze Areale werden umgebaut und modernisiert – allerdings nicht in einer Reihenfolge, die für die Beteiligten sonderlich beruhigend wäre.
Wenn der Dirigent den Einsatz gibt, spielt zunächst das ganze Orchester gleichzeitig, und niemand hat die Partitur gelesen.
Das Gaspedal wird zuerst eingebaut
Von besonderem Interesse ist dabei das Belohnungssystem, jene Instanz, die auf Abenteuer, Anerkennung, Spannung, Verliebtheit, Musik und Erfolg reagiert – kurz, auf alles, was das Leben aufregend macht. Das Problem liegt allein im Timing: Dieses System reift erheblich schneller heran als die Vernunft. Man könnte auch sagen, die Natur baue zuerst das Gaspedal ein und lasse sich mit den Bremsen noch eine Weile Zeit. Während das Belohnungssystem also längst begeistert ruft „Los! Spring! Küss sie! Fahr schneller!“, befindet sich der präfrontale Cortex – zuständig für Planung, Selbstkontrolle, Folgenabschätzung und Impulskontrolle – noch in einer längeren Lieferverzögerung. Der innere Erwachsene, könnte man sagen, macht in dieser Phase erst noch sein Praktikum, während das innere Kind bereits den Firmenwagen ausprobiert.
Wer ein Auto ohne funktionierende Bremsen, aber mit einem sehr kräftigen Motor fährt, sollte niemand für halsbrecherisches Fahren verantwortlich machen, sondern höchstens den Hersteller.
Warum Eltern manchmal verzweifeln
Aus diesem Konstruktionsfehler mit eingebauter Verzögerung erklären sich viele kleine Alltagsrätsel, etwa warum ein Vierzehnjähriger auf das Dach einer Bushaltestelle klettert, warum jemand nachts in einen eiskalten See springt, oder warum jene Internetvideos entstehen, bei denen jeder Erwachsene bereits nach fünf Sekunden ahnt: Das wird nicht gutgehen. Die Ursache ist erstaunlich selten mangelnde Intelligenz. Jugendliche wissen in aller Regel sehr genau, dass eine Handlung gefährlich ist – sie spüren diese Gefahr nur in dem entscheidenden Moment nicht mit derselben Wucht, mit der ein Erwachsenengehirn sie registrieren würde. Das Belohnungssystem jubelt lauter, als die Vernunft flüstern kann.
Wissen und Fühlen laufen in diesen Jahren zeitweise auf getrennten Gleisen, und ausgerechnet das Gefühl hat den schnelleren Zug.
Und dann kommen die Freunde
Richtig spannend wird die Angelegenheit, sobald die Peer Group ins Spiel kommt, denn Jugendliche treffen ihre Entscheidungen erstaunlich selten allein. Sie entwickeln sich innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger, deren Meinung binnen kurzer Zeit wichtiger wird als fast alles, was Erwachsene zu sagen haben. Das ist keineswegs ein Konstruktionsfehler der Natur, sondern eine sehr alte Überlebensstrategie: Menschen mussten sich seit jeher in Gruppen zurechtfinden, Freundschaften schließen, Loyalität entwickeln, Anerkennung gewinnen, und all das gehört unmittelbar zur Entwicklung einer eigenen Identität dazu. Allerdings besitzt diese Peer Group eine erstaunliche Macht: Ein Jugendlicher, der allein durchaus vernünftig wäre, kann innerhalb einer risikofreudigen Clique binnen Minuten Entscheidungen treffen, die ihm am nächsten Morgen selbst vollkommen rätselhaft erscheinen. Die Impulskontrolle sinkt, die Risikobereitschaft steigt, und ein Satz wie „Halt mal mein Getränk, ich probiere etwas aus“ klingt in diesem Moment nicht wie ein Warnsignal, sondern wie ein aufregender Freizeitplan.
Allein wäre er vernünftig geblieben – aber allein zu bleiben war für den Menschen evolutionär nie die naheliegendste Option.
Sage mir, mit wem du gehst
Der alte Spruch „Sage mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist“ ließe sich für die Pubertät mühelos ergänzen: Sage mir, wer deine Peer Group ist, und ich sage dir, was und wer aus dir werden könnte. Denn Freunde prägen weit mehr als nur Kleidung oder Musikgeschmack – sie beeinflussen Verantwortungsbereitschaft, Leistungswillen, Sprache, Moral, Konfliktverhalten und sogar die Bereitschaft, eigene Grenzen einzuhalten. Jugendliche übernehmen Werte in dieser Zeit selten deshalb, weil Erwachsene sie predigen, sondern weil Gleichaltrige sie vorleben. Die Peer Group ist damit gewissermaßen ein zweites Klassenzimmer, allerdings eines ohne Lehrplan und mit einer sehr wechselhaften Unterrichtsqualität.
Der wirkungsvollste Erziehungsberater eines Vierzehnjährigen sitzt selten am eigenen Esstisch, sondern meist zwei Straßen weiter.
Die verletzliche Zeit
Gerade weil das Gehirn in dieser Phase derart offen für neue Erfahrungen ist, besitzt die Pubertät eine besondere Verletzlichkeit, die Psychologen als erhöhte Vulnerabilität bezeichnen. Das bedeutet keineswegs, dass Jugendliche schwach wären, sondern lediglich, dass ungünstige Einflüsse in dieser Lebensphase besonders tiefe Spuren hinterlassen können. Wer dauerhaft unter starkem Gruppendruck steht, wenig Selbstbestimmung erlebt oder wiederholt negative Erfahrungen macht, aktiviert mitunter Veranlagungen, die zuvor kaum sichtbar waren: Depressionen können auftreten, Suchtverhalten kann entstehen, auch Selbstverletzungen oder suizidale Krisen entwickeln sich in dieser sensiblen Phase häufiger als in anderen Lebensabschnitten. Das trifft selbstverständlich nicht auf alle Jugendlichen zu – die meisten überstehen die Pubertät mit einigen peinlichen Frisuren, einer Handvoll unverständlicher Chatverläufe und einer Sammlung von Entscheidungen, über die sie später herzlich lachen. Aber genau diese Ungleichverteilung der Risiken rechtfertigt einen aufmerksamen, undramatischen Blick.
Dieselbe Offenheit, die einen jungen Menschen formbar für das Gute macht, macht ihn eine Zeit lang auch formbar für das Schwierige – beides ist die Kehrseite derselben Münze.
Das Wunder hinter dem Chaos
So unerquicklich manche Jahre der Pubertät für Eltern, Lehrkräfte und gelegentlich auch für die Jugendlichen selbst sein mögen, erfüllen sie doch einen tiefen Sinn, denn das Gehirn baut hier keinen Fehler, sondern einen Erwachsenen: einen Menschen, der lernen soll, eigene Werte zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, Liebe zu entdecken, Freundschaften bewusst zu wählen und seinen Platz in der Welt zu finden. Dafür braucht es Neugier, Mut, Experimentierfreude – und gelegentlich auch eine Portion jenes liebevoll gemeinten jugendlichen Irreseins, das Erwachsene regelmäßig an den Rand der Verzweiflung bringt und sie Jahre später mit einem Lächeln erzählen lässt: „Weißt du noch, was wir damals alles gemacht haben?“ Am Ende jeder Baustelle steht, wenn alles gutgeht, kein Trümmerfeld, sondern ein bewohnbares Haus.
Zum Mitnehmen
Die Pubertät ist kein Charakterfehler und keine vorübergehende Anomalie, sondern ein biologisch notwendiger Umbau mit unglücklichem Zeitplan: Das Gaspedal ist längst eingebaut, die Bremsen liefern noch. Wer das weiß, muss das gelegentliche Türenknallen nicht gutheißen, kann es aber leichter aushalten – im Wissen, dass hinter der Tür kein Wahnsinn wohnt, sondern ein Rohbau, aus dem, mit etwas Geduld und ein paar vernünftigen Freunden, irgendwann ein Erwachsener herauswächst.
- Inspiration: Christian Berndt: Alles muss raus. In: Süddeutsche Zeitung v. 18. / 19.7.2026, Nr. 163. S. 32/33.
- Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT-
- Dieser Artikel wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.
Über den Autor:
Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.