Wie ein Wort zwei Frauenbilder erschuf – und warum menschliche Entscheidungen  manchmal zu göttlichen Wahrheiten werden

Manchmal verändert nicht ein Krieg die Welt, nicht eine Revolution, nicht die Erfindung einer neuen Technik, sondern ein einziges Wort – eines, das zwei Bedeutungen zulässt und über das sich Übersetzer und Leser uneinig sind. Solange dieser Streit offenbleibt, bleibt auch die Freiheit des Denkens erhalten, denn verschiedene Deutungen stehen nebeneinander, ohne dass eine das Recht besäße, sich endgültig über die anderen zu erheben.

Doch Geschichte funktioniert selten so behutsam. Irgendwann entscheidet sich eine Gemeinschaft für eine der möglichen Bedeutungen, aus der Übersetzung wird eine Tradition, aus der Tradition eine Lehre, aus der Lehre ein Dogma – und am Ende erinnert sich niemand mehr daran, dass am Anfang nur Menschen über die Bedeutung eines Wortes gestritten haben. Was ursprünglich Interpretation war, erscheint dann als Offenbarung; was einmal beschlossen wurde, gilt als ewige Wahrheit, und der menschliche Ursprung verschwindet hinter dem Anspruch göttlicher Unfehlbarkeit. Vielleicht liegt gerade darin eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des Menschen: Er erschafft Vorstellungen über die Welt – und vergisst später, dass er selbst ihr Urheber war.

Kaum irgendwo lässt sich dieser Vorgang eindrucksvoller beobachten als an zwei Figuren der Weltliteratur, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Odysseus und Maria. Beide verdanken ihr heutiges Bild nicht allein den ursprünglichen Autoren ihrer Geschichten, sondern ebenso den Generationen von Übersetzern, Theologen und Auslegern, die entschieden haben, welche Bedeutung eines Wortes künftig als die richtige gelten sollte. Odysseus trägt bei Homer das berühmte Beiwort polytropos, ein Wort voller Möglichkeiten – es kann den Vielgereisten meinen, den Listenreichen, den Wendigen, den Rastlosen oder den moralisch Ambivalenten. Als Emily Wilson als erste Frau die Odyssee vollständig ins Englische übersetzte, entschied sie sich für das unscheinbare Wort complicated, einen komplizierten Menschen, und löste damit eine erstaunlich heftige Debatte aus: Plötzlich wurde sichtbar, was jahrhundertelang kaum jemand bemerkt hatte, dass nämlich auch frühere Übersetzungen Interpretationen gewesen waren, nur eben als selbstverständlich galten, weil sie überwiegend von Männern stammten. Erst eine Frau, die eine andere Nuance sichtbar machte, ließ vielen bewusst werden, dass jede Übersetzung zugleich eine Entscheidung über die Wirklichkeit ist.

Noch weitreichender waren die Folgen eines anderen Wortes. Im Buch Jesaja steht das hebräische almah, das zunächst nichts weiter bezeichnet als eine junge Frau im heiratsfähigen Alter, ohne jede Aussage über ihre sexuelle Erfahrung – das Hebräische besitzt dafür mit betulah sogar einen eigenen, eindeutigeren Begriff. Doch irgendwann wurde aus der jungen Frau eine Jungfrau, nicht durch neue archäologische Funde, nicht durch eine biologische Untersuchung, sondern durch eine Übersetzung. Diese Entscheidung veränderte nicht nur einen Satz der Bibel, sondern das Frauenbild einer Weltreligion, und beeinflusste Vorstellungen von Reinheit, Sexualität, Mutterschaft und Weiblichkeit über fast zwei Jahrtausende, während Generationen von Frauen ihr Selbstverständnis an einer Figur ausrichteten, deren Bild wesentlich durch sprachliche Entscheidungen entstanden war. Die eigentliche Geschichte dieses Essays handelt deshalb weder von Maria noch von Odysseus, sondern von der Macht menschlicher Deutungen, davon, wie Sprache Wirklichkeit erschafft, und von einer Frage, die weit über Religion hinausweist: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn menschliche Entscheidungen irgendwann vergessen werden und stattdessen als unmittelbarer Wille Gottes erscheinen? Denn in diesem Augenblick verändert sich nicht nur ein Text, sondern das Denken, das Menschenbild, die Kultur – und schließlich das Leben unzähliger Menschen, die ihre Welt durch Begriffe verstehen, deren Geschichte sie längst nicht mehr kennen.

Überblick

Auf den ersten Blick scheint dieser Essay eine sprachwissenschaftliche Untersuchung über ein einzelnes hebräisches Wort zu sein, tatsächlich geht es um weit mehr: um einen universellen kulturgeschichtlichen Mechanismus, durch den menschliche Interpretationen institutionalisiert, kanonisiert und schließlich für zeitlos erklärt werden, während mit jeder Generation ein Stück des ursprünglichen Entscheidungsprozesses in Vergessenheit gerät. Gerade Religion besitzt hierfür eine außerordentliche Kraft, denn wenn eine menschliche Entscheidung den Rang göttlicher Offenbarung erhält, entzieht sie sich weitgehend der Diskussion – wer sie hinterfragt, widerspricht scheinbar nicht mehr Menschen, sondern Gott selbst. Die Geschichte des Wortes almah bildet dafür ein außergewöhnlich anschauliches Beispiel: Aus einer sprachlichen Mehrdeutigkeit entwickelte sich eines der folgenreichsten Dogmen des Christentums. Die eigentliche Frage dieses Essays lautet daher nicht, ob Maria historisch Jungfrau war, sondern wie menschliche Entscheidungen zu göttlichen Wahrheiten werden – und welche Folgen dies für das Denken ganzer Gesellschaften hat.

Worum es geht

Der Ausgangspunkt dieses Essays ist unscheinbar: ein einziges hebräisches Wort, almah, das im Alten Testament nur wenige Male vorkommt und sprachwissenschaftlich weitgehend unstrittig eine junge Frau im heiratsfähigen Alter bezeichnet, ohne dass es eine Aussage über ihre sexuelle Erfahrung träfe – hätte der Verfasser ausdrücklich eine Jungfrau im biologischen Sinn gemeint, hätte ihm mit betulah ein präziseres Wort zur Verfügung gestanden. Eigentlich könnte die Geschichte damit bereits erzählt sein, doch sie beginnt hier erst, denn Geschichte besteht nicht nur aus Ereignissen, sondern ebenso aus Deutungen: Menschen erleben die Welt nicht unmittelbar, sondern verstehen sie durch Sprache, Bilder und Erzählungen, und wer Begriffe definiert, definiert häufig zugleich die Wirklichkeit.

Damit ist der eigentliche Gegenstand dieses Essays umrissen. Er handelt nicht in erster Linie von Maria, sondern von einem Mechanismus, der sich durch nahezu die gesamte Menschheitsgeschichte zieht: Menschen treffen Entscheidungen über die Bedeutung von Texten, andere übernehmen diese Entscheidungen, Institutionen erklären sie für verbindlich, und nach einigen Generationen erinnert sich kaum noch jemand daran, dass am Anfang keine göttliche Stimme gesprochen hat, sondern Übersetzer, Schriftgelehrte, Bischöfe oder Konzilsväter miteinander gerungen haben. Was ursprünglich Interpretation war, erscheint schließlich als ewige Wahrheit – ein Vorgang, der uns nicht nur in der Religion begegnet, sondern ebenso politische Ideologien, nationale Mythen, kulturelle Traditionen und gesellschaftliche Rollenbilder prägt. Überall dort, wo Menschen vergessen, dass ihre Gewissheiten einmal Entscheidungen waren, beginnt Fremdbestimmung, nicht unbedingt durch Gewalt, sondern durch Selbstverständlichkeit. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Geschichte von almah: Sie ist kein Randthema theologischer Spezialisten, sondern ein Lehrstück darüber, wie Wirklichkeit entsteht.

Diese Geschichte beginnt nicht mit dem Christentum, sondern mehrere Jahrhunderte früher im alten Israel. Als der Prophet Jesaja im achten vorchristlichen Jahrhundert seine Worte niederschrieb, sprach er in eine konkrete politische Situation hinein: Das Nordreich Israel und das aramäische Damaskus bedrohten Juda, König Ahas fürchtete um seine Herrschaft, und Jesaja wollte ihm Mut machen, indem er die Geburt eines Kindes ankündigte, dessen Heranwachsen ein Zeichen für die bald bevorstehende Wende der politischen Lage sein sollte. Nichts deutet darauf hin, dass Jesaja eine biologisch unmögliche Geburt viele Jahrhunderte später ankündigen wollte – die Erzählung ergibt nur Sinn, wenn die Geburt für König Ahas innerhalb weniger Jahre Bedeutung besitzt. Genau hier verwendet Jesaja das Wort almah, das für seine Zuhörer offenbar völlig ausreichend eindeutig war: eine junge Frau, mehr nicht. Die spätere Diskussion existierte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht; sie entstand erst viele Generationen später, im Augenblick, in dem die vielen Möglichkeiten eines Wortes plötzlich auf eine einzige zusammenschrumpften.

Im dritten oder zweiten Jahrhundert vor Christus entstand in Alexandria die Septuaginta, die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel – ein gewaltiges Kulturprojekt, denn Millionen Juden lebten inzwischen außerhalb Palästinas und sprachen längst besser Griechisch als Hebräisch. Wie jeder Übersetzer wussten auch die Gelehrten in Alexandria, dass kaum ein Wort in zwei Sprachen exakt dieselbe Bedeutung besitzt und jede Übersetzung deshalb zugleich Interpretation ist; bei almah entschieden sie sich für das griechische parthenos. Ob ihnen diese Wahl selbstverständlich erschien, ob sie dem damaligen Sprachgebrauch entsprach oder eine besondere Reinheit betonen sollte, wissen wir nicht – was wir wissen, ist, dass mit dieser Entscheidung eine von mehreren sprachlichen Möglichkeiten bevorzugt wurde, ohne dass damals irgendjemand behauptet hätte, Gott selbst habe diese Übersetzung diktiert. Es war die Arbeit gelehrter Menschen, die nach bestem Wissen eine schwierige sprachliche Entscheidung trafen – doch genau hier beginnt der Mechanismus, der diesen Essay beschäftigt: Eine menschliche Entscheidung tritt ihren langen Weg durch die Geschichte an, und noch ist sie als Entscheidung erkennbar, aber nicht mehr lange.

Als die Evangelien entstanden, war die griechische Bibel im östlichen Mittelmeerraum weit verbreitet, und der Evangelist Matthäus zitierte daher nicht den hebräischen Originaltext, sondern die Septuaginta – und übernahm damit deren Wortwahl. Aus almah wurde parthenos, aus der jungen Frau eine Jungfrau. Für Matthäus ergab sich daraus eine überzeugende Verbindung zwischen Jesaja und der Geburt Jesu, die Erfüllung einer alten Prophezeiung, mit der er seinen Lesern zeigen wollte, dass sich in Jesus die Geschichte Israels fortsetzt – wahrscheinlich ohne die Absicht, damit ein jahrtausendelanges Dogma zu begründen. Doch Geschichte besitzt ihre eigene Dynamik: Spätere Generationen lasen Matthäus nicht mehr als theologischen Erzähler, sondern zunehmend als historischen Berichterstatter, und noch spätere Generationen schließlich als unfehlbare Beschreibung objektiver Tatsachen. So verschob sich unmerklich die Bedeutung des Textes – aus einer theologischen Deutung wurde eine historische Behauptung, aus der historischen Behauptung ein Glaubenssatz, und aus dem Glaubenssatz entwickelte sich über viele Jahrhunderte schließlich ein Dogma. Gerade weil dieser Weg so lange dauerte, blieb er nahezu unsichtbar: Wer im vierten oder fünften Jahrhundert geboren wurde, fand eine Kirche vor, in der bestimmte Überzeugungen bereits selbstverständlich waren, ohne dass jemand noch den langen Weg ihrer Entstehung hätte nachvollziehen müssen – das Ergebnis war längst Wirklichkeit geworden. So entsteht kulturelles Gedächtnis, aber ebenso kulturelles Vergessen: Die Menschen erinnern sich an das Ergebnis und vergessen den Weg dorthin, und genau in diesem Vergessen liegt die eigentliche Macht von Institutionen, denn sobald der historische Entstehungsprozess verschwindet, erscheint das Ergebnis nicht mehr als menschliche Entscheidung, sondern als naturgegeben, selbstverständlich, göttlich gewollt. Die Wahrheit wird dann nicht mehr gesucht, sondern verwaltet; sie wird nicht mehr gemeinsam entwickelt, sondern verkündet, und wer sie infrage stellt, widerspricht scheinbar nicht mehr einer historischen Interpretation, sondern der Wahrheit selbst.

An diesem Punkt könnte man versucht sein zu sagen, eine Übersetzung sei eben eine Übersetzung, Menschen entschieden sich für sprachliche Varianten, so funktioniere Sprache seit Jahrtausenden. Doch zwischen einer Übersetzung und einem Dogma liegt ein entscheidender Schritt: Übersetzungen laden zum Nachdenken ein, Dogmen beenden das Nachdenken, indem sie nicht mehr definieren, welche Möglichkeiten ein Text eröffnet, sondern welche Bedeutung allein noch zulässig ist. Darin unterscheidet sich religiöse Dogmenbildung von wissenschaftlicher Erkenntnis, die davon lebt, dass jede Aussage grundsätzlich korrigierbar bleibt, während Religion an bestimmten Punkten einzelne Aussagen ausdrücklich für endgültig erklärt und ihnen damit den Charakter historischer Interpretation nimmt. Genau dieser Übergang macht die Geschichte der Jungfrauengeburt so außergewöhnlich, denn sie zeigt, wie sich über Jahrhunderte aus einer sprachlichen Möglichkeit eine verpflichtende Glaubensüberzeugung entwickelte – als Ergebnis zahlloser Diskussionen, theologischer Kontroversen und kirchenpolitischer Auseinandersetzungen. Auffällig dabei: Fast alle Menschen, die diese Entscheidungen trafen, waren Männer.

Die frühe Kirche war keine geschlossene Organisation mit einheitlicher Lehre, sondern ein loses Geflecht sehr unterschiedlicher Gemeinden, die über das Wesen Jesu, über Auferstehung, Erlösung und die Rolle Marias stritten, bevor sich das, was wir heute als christliche Orthodoxie kennen, allmählich herausbildete. Entscheidend ist dabei, wer an diesen Aushandlungsprozessen beteiligt war: Bischöfe, Theologen, Schriftgelehrte, Patriarchen, Kaiser, Konzilien – Frauen kamen als Entscheidungsträgerinnen praktisch nicht vor, obwohl es ausgerechnet um eine Frau ging, um ihren Körper, ihre Sexualität, ihre Reinheit, ihre Rolle als Mutter. Aus heutiger Sicht erscheint dieser Ausschluss bemerkenswert, doch er wurde damals kaum hinterfragt, weil er der gesellschaftlichen Ordnung der Spätantike entsprach, in der politische, juristische und religiöse Autorität nahezu ausschließlich Männern vorbehalten war. Gerade deshalb wäre es irreführend, die späteren Dogmen als zeitlose Wahrheiten zu betrachten, denn sie entstanden innerhalb einer ganz bestimmten Kultur mit ihren eigenen Vorstellungen von Geschlecht, Familie, Reinheit und gesellschaftlicher Ordnung – und jede Generation liest die Welt durch die Brille ihrer Zeit, warum sollte das ausgerechnet für Bischöfe des vierten oder fünften Jahrhunderts nicht gegolten haben?

Heute wissen wir aus der Psychologie, dass kein Mensch die Wirklichkeit voraussetzungslos wahrnimmt – die Kognitionspsychologie spricht von Schemata, die Soziologie von kulturellen Konstruktionen, die Philosophie von Vorverständnis oder Hermeneutik, doch gemeint ist stets dasselbe: Unsere Erfahrungen, unsere Kultur und unsere Werte entscheiden mit darüber, was wir überhaupt wahrnehmen. Für die Kirchenväter war Sexualität kein bloß biologischer Vorgang, sondern eng mit Vorstellungen von Versuchung, Askese, Selbstbeherrschung und Sünde verbunden, und die vollkommene Gottesmutter erschien deshalb umso heiliger, je weiter sie von gewöhnlicher Sexualität entfernt werden konnte. Diese Vorstellung musste niemandem aufgezwungen werden, sie ergab sich beinahe selbstverständlich aus den kulturellen Voraussetzungen, innerhalb derer diese Männer dachten – und gerade das macht Ideologien so wirkungsvoll, dass sie den Beteiligten oft völlig selbstverständlich erscheinen.

Mit jeder Generation gewann die kirchliche Lehre an Stabilität: Was einzelne Theologen formuliert hatten, wurde von Konzilien bestätigt, was Konzilien beschlossen, in Glaubensbekenntnisse aufgenommen, was in Glaubensbekenntnissen stand, gelehrt, geprägte Predigten, prägte Familien, prägte Kinder, die als Erwachsene schließlich für selbstverständlich hielten, was ihre Vorfahren einst kontrovers diskutiert hatten. Hier zeigt sich, was die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann später als „gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ beschrieben haben: Menschen erschaffen Institutionen, Institutionen erschaffen Gewohnheiten, und Gewohnheiten erscheinen irgendwann als natürliche, religiös gesprochen gottgewollte Ordnung der Welt, während der eigentliche Entstehungsprozess aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet. Darin liegt die enorme Stabilität religiöser Traditionen – nicht weil Menschen absichtlich getäuscht würden, sondern weil jede Generation das bereits Vorgefundene übernimmt und selten fragt, unter welchen historischen Bedingungen es entstanden ist. Damit verändert sich auch die Psychologie des Glaubens: Solange eine Aussage als Interpretation verstanden wird, bleibt sie offen für Diskussion; sobald sie den Rang eines Dogmas erhält, definiert sie nicht mehr nur Wirklichkeit, sondern die Grenzen des Denkbaren. Der Philosoph Michel Foucault hat gezeigt, dass Macht nicht allein durch Gesetze oder Gewalt wirkt, sondern viel wirksamer dort, wo sie bestimmt, was überhaupt als wahr gelten darf – wer den Rahmen des Denkbaren festlegt, muss selten noch Zwang ausüben, denn die Menschen übernehmen die Regeln, kontrollieren sich gegenseitig und oft sogar selbst. Genau darin liegt die eigentliche Macht religiöser Dogmen: Sie verändern nicht nur Überzeugungen, sondern formen Gewissen, Gefühle, Scham und Ideale, sie legen fest, was als heilig, rein, sündig oder verwerflich erscheint, und erzeugen eine Fremdbestimmung, die kaum als solche wahrgenommen wird, weil sie nicht von außen wie ein Befehl wirkt, sondern verinnerlicht und schließlich als eigene Überzeugung erlebt wird, obwohl ihre Voraussetzungen Jahrhunderte vor der eigenen Geburt von anderen Menschen formuliert wurden.

Bis hierher könnte man die Geschichte noch als eine lange Kette historischer Zufälle verstehen: ein hebräisches Wort, eine griechische Übersetzung, ein Evangelist, der sie übernimmt, Kirchenväter, die ihre Bedeutung verteidigen, Konzilien, die bestimmte Formulierungen bestätigen. Doch jede Institution steht irgendwann vor der Frage, ob frühere Entscheidungen später noch einmal grundsätzlich hinterfragt werden dürfen oder ob es einen Zeitpunkt gibt, an dem eine Interpretation endgültig zur Wahrheit erklärt wird – und die katholische Kirche beantwortete diese Frage im Laufe ihrer Geschichte zunehmend mit Ja. Bestimmte Glaubensaussagen erhielten den Rang von Dogmen und wurden damit nicht bloß zu besonders wichtigen Überzeugungen, sondern zu verbindlichen Glaubenswahrheiten, die fortan nicht deshalb galten, weil sie die plausibelste Interpretation darstellten, sondern weil die Kirche ihre endgültige Geltung erklärte. Nicht mehr die historische Wahrscheinlichkeit, nicht die sprachwissenschaftliche Diskussion, nicht archäologische Funde oder neue Erkenntnisse der Bibelwissenschaft entscheiden fortan, sondern allein die Autorität der Institution: Die Wahrheit wird nicht länger gesucht, sondern definiert.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Mechanismus im Jahr 1854, als Papst Pius IX. mit der Bulle Ineffabilis Deus die Unbefleckte Empfängnis Mariens zum verbindlichen Dogma der katholischen Kirche erklärte – nicht die Geburt Jesu betreffend, sondern Marias eigene Empfängnis, die nach diesem Dogma bereits ohne Erbsünde erfolgte. Historisch bemerkenswert ist, dass dieses Dogma fast achtzehn Jahrhunderte nach Jesus entstand, also keineswegs von Anfang an selbstverständlich zum christlichen Glauben gehörte, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung war. Wenn eine Glaubenswahrheit fast zwei Jahrtausende benötigt, um endgültig formuliert zu werden, stellt sich die interessante Frage, ob es sich um eine zeitlose Offenbarung oder einen historischen Reifungsprozess handelt – eine Frage, deren Antwort davon abhängt, aus welcher Perspektive man die Geschichte betrachtet. Für den gläubigen Katholiken entfaltet der Heilige Geist nach und nach jene Wahrheit, die von Anfang an im Glauben verborgen lag; für den Historiker zeigt sich dagegen ein kultureller Prozess, in dem religiöse Gemeinschaften ihre Überzeugungen schrittweise entwickeln, präzisieren und schließlich verbindlich festschreiben. Beide Sichtweisen schließen sich nicht zwingend aus, sie beantworten nur unterschiedliche Fragen – die eine nach dem Sinn, die andere nach der Geschichte.

Seit dem 19. Jahrhundert begann die Bibelwissenschaft, genau diese historischen Prozesse systematisch zu untersuchen. Forscher wie David Friedrich Strauss, Rudolf Bultmann, Raymond Brown, Géza Vermes, John P. Meier oder Bart Ehrman lasen die Evangelien nicht mehr ausschließlich als Glaubenszeugnisse, sondern zugleich als historische Dokumente, und fragten nach den Quellen, den theologischen Absichten und den literarischen Formen der Evangelisten, danach, welche Aussagen Geschichte berichten und welche Geschichte deuten. Dabei entstand ein überraschendes Bild: Die Evangelien erschienen weniger als stenografische Protokolle historischer Ereignisse denn als sorgfältig komponierte Glaubenserzählungen, die nicht in erster Linie moderne Geschichtsschreibung betreiben, sondern erklären wollten, wer Jesus für ihre Gemeinden war. Damit verändert sich auch der Blick auf die Jungfrauengeburt, die viele Historiker heute nicht als biologischen Tatsachenbericht, sondern als theologisches Symbol verstehen – im antiken Mittelmeerraum waren außergewöhnliche Geburtsgeschichten keineswegs ungewöhnlich, auch Herrschern, Philosophen oder Kaisern wurden göttliche Zeugungen zugeschrieben, um die besondere Bedeutung einer Persönlichkeit hervorzuheben, nicht um naturwissenschaftliche Informationen zu liefern. Erst spätere Generationen lasen diese Bilder zunehmend wörtlich, und gerade dadurch entstand der Konflikt zwischen Glaube und historischer Forschung.

Vielleicht liegt hier die eigentliche Lehre dieser Geschichte: Macht beginnt nicht erst dort, wo Menschen gezwungen werden, sondern viel früher, dort, wo Menschen aufhören zu bemerken, dass ihre Überzeugungen eine Geschichte besitzen. Die Soziologie spricht von der Naturalisierung gesellschaftlicher Wirklichkeiten – was Menschen geschaffen haben, erscheint irgendwann wie Natur, religiös gesprochen wie Gottes unmittelbarer Wille, und gerade dadurch wird Fremdbestimmung oft unsichtbar. Niemand zwingt einen Menschen ausdrücklich, bestimmte Vorstellungen über Weiblichkeit, Sexualität oder Reinheit zu übernehmen; er wächst einfach in eine Welt hinein, in der diese Vorstellungen bereits selbstverständlich geworden sind, so selbstverständlich wie Sprache selbst. Doch auch Sprache wurde einmal erfunden, und ebenso wurden kulturelle Wahrheiten einmal formuliert. Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe historischer Forschung deshalb gar nicht darin, Glauben zu zerstören, sondern zu erinnern: sichtbar zu machen, dass zwischen Gott und dem heutigen Leser immer Menschen standen – Schriftgelehrte, Übersetzer, Bischöfe, Konzilsväter, Theologen, alle Kinder ihrer Zeit, alle mit Vorverständnissen innerhalb der kulturellen Horizonte ihrer Epoche. Warum sollten gerade sie frei von den Denkweisen ihrer Gesellschaft gewesen sein? Diese Einsicht schmälert ihre Leistung nicht, sie macht sie menschlicher und vielleicht auch glaubwürdiger, denn sie erinnert daran, dass Wahrheit niemals einfach vom Himmel fällt, sondern gesucht, erstritten, diskutiert, manchmal verteidigt und gelegentlich leider auch gegen jede neue Erkenntnis abgeschirmt wird.

Zum Mitnehmen

Die Geschichte von almah erzählt weit mehr als die Entstehung eines einzelnen Marien-Dogmas – sie erzählt etwas Grundsätzliches über den Menschen, der nicht nur in einer materiellen Welt lebt, sondern in Bedeutungen, Geschichten, Symbolen und Deutungen, die Orientierung stiften, Identität geben und Gemeinschaften verbinden, ohne die keine Kultur bestehen könnte. Doch genau darin liegt auch ihre Gefahr: Wenn Deutungen ihren eigenen Ursprung vergessen, verwandeln sie sich in scheinbar naturgegebene Wahrheiten, und was Menschen einst entschieden haben, erscheint dann als unveränderliche Ordnung der Welt, während die Geschichte hinter der Selbstverständlichkeit verschwindet. Vielleicht ist dies die eigentliche Botschaft der Geschichte von Maria und Odysseus – nicht ihre Figuren stehen im Mittelpunkt, sondern wir, denn jede Generation übernimmt Weltbilder, Werte und Glaubenssätze ihrer Vorgänger. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, was wir glauben, sondern ob wir noch wissen, warum wir es glauben – und vielleicht gibt es noch eine zweite, ebenso wichtige Frage: Welche unserer heutigen Gewissheiten werden kommende Generationen eines Tages als historische Entscheidungen erkennen, Entscheidungen, die wir selbst längst für selbstverständlich, naturgegeben oder sogar göttlich hielten?

  • Inspiration: Felix Staphan: ‚Ein komplizierter Mann‘. Süddeutsche Zeitung, Nr. 157, Samstag/Sonntag, 11./12. Juli 2026, S. 17. 
  • Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT.
  • Dieser Text wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.