Die sieben Tore der Vera K.

Vor fünftausend Jahren erzählten Menschen in den Städten zwischen Euphrat und Tigris von einer Frau, die alles besaß, was man besitzen konnte. Sie nannten sie Inanna. Sie war Königin. Himmelskönigin. Göttin der Liebe, des Krieges, der Fruchtbarkeit. Menschen knieten vor ihr. Tempel wurden ihr gebaut. Aber seltsamerweise erzählten die alten Geschichten nicht von ihrem Aufstieg. Sie erzählten vom Hinabsteigen. Von sieben Toren. Und an jedem Tor verlor sie etwas.

Am ersten die Krone. Am zweiten den Schmuck. Dann Ketten, Gewänder, Zeichen ihrer Würde, Zeichen ihrer Macht. Bis am Ende nichts mehr blieb als sie selbst. Die Alten wussten offenbar etwas, das moderne Menschen nur ungern hören:  Manchmal ist Wachstum kein Hinzufügen.  Manchmal ist Wachstum Verlust.

Damals wusste Vera König noch nichts davon. Sie wusste nur, dass ihr Name auf Glastüren stand, auf Konferenzprogrammen, auf der Titelseite eines Magazins, das sie „die Architektin des Wandels“ nannte. Fünfzehn Jahre hatte sie gebraucht, um von der Praktikantin zur Vorständin zu werden. Und noch einmal fünf, um zu vergessen, dass es einen Unterschied gab zwischen Vera König und dem, was auf ihrer Visitenkarte stand.

An dem Morgen, an dem alles begann, saß sie im Flugzeug nach Zürich, wo sie eine Rede über Führungsstärke halten sollte. Dann kam die E-Mail. Ohne Anrede. Der Aufsichtsrat, stand dort, habe beschlossen. Mit sofortiger Wirkung. Man danke ihr für ihren Einsatz.

Sie las den Satz viermal. Dann erst bemerkte sie, dass ihre Hände kalt geworden waren.

Das erste Tor war der Titel. Als sie am Flughafen ihren Dienstausweis nicht mehr durch das Lesegerät ziehen konnte, blieb sie stehen. Eine Minute. Vielleicht länger. Als könne bloßes Wollen die Dinge wieder an ihren Platz setzen.

Ein Sicherheitsmann fragte: „Kann ich helfen?“ Sie sagte: „Nein danke. Ich finde einen anderen Weg.“ Und merkte plötzlich, dass sie diesen Satz seit Jahren nicht mehr gesagt hatte. Immer hatte jemand ihren Weg bereits gefunden.

Später, viel später, würde ihr ein Gedanke kommen: Vielleicht hatte Inanna ihre Krone ähnlich verloren. Nicht mit einem Knall. Sondern an einer Schwelle.

Das zweite Tor war das Gesicht, das andere von ihr kannten. Die Absage-Mails kamen zuerst langsam, dann in einer höflichen Kaskade. Der Beirat. Die Stiftung. Die Einladungen.  Die Menschen verschwanden nicht. Sie traten nur Schritt für Schritt zurück. Wie die Ebbe sich zurückzieht. Ohne Geräusch.

Und irgendwann fragte Vera sich: Wenn niemand mehr etwas in mir sehen will — was sehe ich dann selbst?  Vielleicht, dachte sie, war Ansehen manchmal auch nur Schmuck.

Das dritte Tor war das Geld. Oder genauer: Die Sicherheit, die es versprach. Nicht, dass sie plötzlich arm geworden wäre. Aber zum ersten Mal seit Jahren saß sie mit einem Bleistift am Küchentisch und rechnete. Wirklich rechnete. Monate. Kosten. Möglichkeiten.

Und plötzlich hatte sie ein merkwürdiges Gefühl. Sie fühlte sich wirklicher. Denn Zahlen lügen nicht. Menschen manchmal schon. Und Lebensgeschichten fast immer.

Das vierte Tor war die Geschichte, die sie sich selbst erzählt hatte. Die Geschichte von der starken Frau. Der Frau, die alles allein konnte. Die keine Hilfe brauchte. Die funktionierte. 

Aber Geschichten sterben selten auf einmal. Sie sterben langsam. Im Spiegel. In schlaflosen Nächten. In den Sekunden morgens nach dem Aufwachen, wenn man noch nicht weiß, wer man heute sein muss.

Das fünfte Tor war der Panzer der Ironie.  Jahrelang hatte sie sich hinter klugen Sätzen versteckt.  Bis eine alte Freundin vor ihrer Tür stand. Mit einer Tupperdose voller Suppe. Sie setzte sich einfach hin. Ohne Fragen. Ohne Lösungen. Ohne Mitgefühl wie eine Aufgabe. Einfach nur da.

Und Vera merkte, dass sie keinen Satz fand, der klein genug war, um zu sagen: „Danke.“ „Setz dich.“ „Bleib.“

Das sechste Tor war Kontrolle.  Wie sie aussah. Wie sie sprach. Wie sie wirkte. Eines Morgens verließ sie die Wohnung, ohne sich im Spiegel anzusehen. Ungewaschene Haare. Müde Augen. Und nichts geschah. Niemand starrte sie an. Niemand lachte.

Die Welt blieb stehen. Die Straßenbahnen fuhren. Menschen tranken Kaffee. Tauben liefen über Plätze. Nichts geschah.  Und plötzlich dachte sie: Vielleicht habe ich mein Leben damit verbracht, einen Menschen zu bewachen, der ich gar nicht war.

Das siebte Tor kam ohne Ankündigung. Sie saß in ihrer kleinen Küche. Und dann konnte sie nicht mehr aufhören zu weinen. Nicht das kontrollierte Weinen. Nicht das elegante Weinen. Nicht jenes Weinen, das noch Haltung besitzt. Das andere. Das rohe.

Und plötzlich sah sie vor sich diese uralte Frau. Inanna. Ohne Krone. Ohne Schmuck. Ohne Gewänder. Ohne Titel. Ohne Schutz.

Und zum ersten Mal verstand Vera: Vielleicht musste man nicht erst jemand werden. Vielleicht bestand das ganze Unglück darin, ständig jemand sein zu müssen.

Danach war eine Weile nichts.  Kein Titel.  Kein Netzwerk.  Kein Bild.  Kein Halt.  Nur ein Körper in einer Küche.  Dreiundfünfzig Jahre alt.  Atmend.

Es war nicht der Aufsichtsrat, der sie zurückholte.  Nicht die Karriereberaterin. Es war die Freundin mit der Suppe.  Sie kam einfach wieder.  Jede Woche.  Ohne zu fragen: „Wie geht es dir?“ Nur: „Hast du heute schon etwas gegessen?“

Und Vera begriff langsam etwas, das vielleicht Menschen vor fünftausend Jahren schon wussten: Wer durch alle Tore gegangen ist, kommt nicht als derselbe zurück. Aber vielleicht zum ersten Mal als er selbst.

Und wenn Menschen sie später fragten, was sie aus jenem Jahr gelernt habe, sagte sie manchmal: „Ich weiß jetzt, was übrig bleibt, wenn man mir alles nimmt, was man mir nehmen kann.“                                        

Dann schwieg sie. Und dachte an die Frau aus der alten Geschichte. An die, die hinunterstieg, um wieder geboren zu werden.

  • Inspiration: Gedanken über D.
  • Bildmaterial: KI-generiert. ChatGPT. 
  • Dieser Artikel wurde unter Verwendung verschiedener redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Walter Lenz
Walter Lenz

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.