Was verlieren wir, wenn Religion verschwindet?

Baruch de Spinoza
Baruch de Spinoza

In einer Zeit, in der die großen Kirchengebäude Europas zunehmend leerer werden, während gleichzeitig neue Formen von Sinnsuche und spiritueller Orientierung aufblühen, gewinnt eine scheinbar paradoxe Frage an Dringlichkeit: Was verlieren wir, wenn wir die Religion verlieren, selbst wenn wir nicht an Gott glauben? Diese Frage ist nicht abstrakt oder nur von akademischem Interesse, sie berührt den Kern dessen, was Gesellschaften zusammenhält und was dem individuellen Leben Richtung gibt. Wenn an einem Sonntagmorgen die Kirchenglocken in einer deutschen Kleinstadt läuten und kaum noch jemand ihrem Ruf folgt, wenn die Konfirmation zum bloßen Übergangsritual ohne spirituellen Gehalt wird, wenn religiöse Feiertage nur noch als willkommene Unterbrechung der Arbeitswoche wahrgenommen werden, dann vollzieht sich ein fundamentaler Wandel, dessen Konsequenzen wir erst allmählich zu begreifen beginnen.

 Die Säkularisierung, einst als Befreiung aus der Unmündigkeit gefeiert, zeigt ihre Ambivalenz. Einerseits hat sie Räume der individuellen Freiheit eröffnet, die in religiös dominierten Gesellschaften undenkbar waren, andererseits hinterlässt sie eine Leerstelle, die durch Konsum, Unterhaltung und individualistische Selbstverwirklichung nur unzureichend gefüllt wird. Die politischen Debatten unserer Gegenwart, von der Frage nach den Grundwerten einer multikulturellen Gesellschaft über die Diskussion um den gesellschaftlichen Zusammenhalt bis hin zur Suche nach Orientierung in einer Zeit beschleunigten Wandels, kreisen letztlich um diese Leerstelle. Gregor Gysis Aussage, er glaube zwar nicht an Gott, fürchte aber eine gottlose Gesellschaft, trifft damit einen Nerv, der weit über seine Person und seine politische Position hinausweist. Sie artikuliert eine Sorge, die viele Menschen teilen, unabhängig davon, ob sie sich selbst als religiös verstehen oder nicht. Und sie fordert uns heraus, über den simplen Gegensatz von Glaube und Unglaube hinauszudenken und zu fragen, welche Funktionen Religion in einer Gesellschaft erfüllt und ob und wie eine säkulare Ordnung diese Funktionen übernehmen kann, ohne die Errungenschaften der Aufklärung preiszugeben.

Überblick

Die Untersuchung von Gregor Gysis Paradox des gläubigen Atheisten im Licht der Philosophie Baruch de Spinozas eröffnet eine Perspektive jenseits der üblichen Frontstellungen zwischen Religionskritik und Religionsverteidigung. Spinozas radikale Gleichsetzung von Gott und Natur, seine Kritik an der institutionalisierten Theologie bei gleichzeitiger Anerkennung der sozialen Funktion von Religion, und seine Vision einer aufgeklärten Religiosität, die sich auf den ethischen Kern beschränkt, bieten einen Rahmen, in dem Gysis Befürchtung nicht als Inkonsequenz erscheint, sondern als tiefe Einsicht in die existenziellen Bedürfnisse menschlicher Gemeinschaften. Die zentrale These lautet, dass Gesellschaften nicht nur rationale Ordnungsstrukturen benötigen, sondern auch Formen kollektiver Bindung an überindividuelle Werte, die tiefer reichen als bloße Interessenkalkulation. Religion hat historisch diese Funktion erfüllt, oft in problematischen und herrschaftsförmigen Varianten, aber dennoch mit einem Kern, der nicht einfach ersatzlos gestrichen werden kann. Spinozas Anthropologie zeigt, dass die meisten Menschen nicht aus philosophischer Einsicht in das Gute handeln, sondern von Affekten getrieben werden und deshalb der Orientierung durch Narrative, Symbole und Praktiken bedürfen. Seine Unterscheidung zwischen der Masse, die der religiösen Führung bedarf, und den wenigen Philosophen, die zur wahren Erkenntnis gelangen können, mag elitär erscheinen, verweist aber auf ein reales Problem: Wie kann eine Gesellschaft zu gemeinsamen Werten finden, wenn weder religiöse Autorität noch philosophische Einsicht allgemein verfügbar sind? Die gottlose Gesellschaft, vor der Gysi sich fürchtet, ist nicht einfach eine ohne Kirchen und Rituale, sondern eine, die jeden Bezug zu einer objektiven, überindividuellen Ordnung verloren hat und in der das individuelle Streben nach Selbsterhaltung keine Begrenzung und Formung mehr erfährt. Spinozas Lösung liegt in der Entwicklung einer aufgeklärten Religion, die auf metaphysische Dogmen verzichtet und sich auf die Vermittlung der praktischen Tugenden konzentriert, während sie gleichzeitig der Philosophie die Freiheit lässt, nach der Wahrheit zu suchen. Diese Vision ist aktueller denn je in einer Zeit, in der traditionelle religiöse Bindungen schwinden, ohne dass tragfähige säkulare Alternativen bereits entwickelt wären.

Worum es geht

Im Kern geht es um die Frage, ob menschliche Gesellschaften einer Bindung an etwas Absolutes, Unbedingtes, Heiliges bedürfen, um stabil und lebenswert zu sein, oder ob eine rein säkulare, rational begründete Ordnung ausreicht. Diese Frage ist nicht neu, sie begleitet die Moderne seit ihren Anfängen, aber sie stellt sich in jeder Generation neu und in jeweils veränderter Form. Gregor Gysi formuliert sie aus der Perspektive eines Mannes, der selbst nicht religiös ist, aber die gesellschaftliche Funktion der Religion zu würdigen weiß. Seine Befürchtung richtet sich nicht gegen die individuelle Entscheidung, nicht an Gott zu glauben, sondern gegen eine Gesellschaft, in der dieser Unglaube zur allgemeinen Norm wird, ohne dass alternative Formen der Wertvermittlung und des sozialen Zusammenhalts entwickelt werden. Um diese Befürchtung in ihrer Tiefe zu verstehen, lohnt der Rückgriff auf Baruch de Spinoza, einen Denker des siebzehnten Jahrhunderts, dessen Philosophie am Übergang von der religiös geprägten zur aufgeklärten Moderne steht. Spinoza war in mehrfacher Hinsicht ein Grenzgänger: als Jude, der von seiner Gemeinde verstoßen wurde, als Philosoph, der die traditionelle Theologie radikal kritisierte, aber dennoch nicht einfach Atheist war, als Denker, der sowohl die Freiheit des Individuums als auch die Notwendigkeit sozialer Ordnung betonte.

Seine Gleichsetzung von Gott und Natur war revolutionär, weil sie die Grundlage für eine Ethik legte, die weder auf göttliche Offenbarung noch auf bloße Konvention angewiesen war, sondern aus der Erkenntnis der Natur selbst entspringen sollte. Für Spinoza gibt es keine Transzendenz im traditionellen Sinne, keinen Gott, der außerhalb der Welt steht und in sie eingreift, sondern nur die immanente Ordnung der Natur selbst, die er Gott nennt. Diese Ordnung ist rational erkennbar, sie folgt ewigen, unveränderlichen Gesetzen, und die Aufgabe des Menschen besteht darin, diese Gesetze zu erkennen und sein Leben nach ihnen auszurichten. Das wahre Glück liegt in dieser Erkenntnis und in der Liebe zu der so erkannten Ordnung. Aber Spinoza war auch Realist genug zu sehen, dass diese philosophische Einsicht nur wenigen zugänglich ist und dass die Mehrheit der Menschen anderer Formen der Orientierung bedarf. Hier kommt die Religion ins Spiel, nicht als Quelle metaphysischer Wahrheiten, sondern als praktische Anleitung zu einem tugendhaften Leben. Die Religion vermittelt durch Geschichten, Gebote und Rituale ein Verhalten, das der Vernunft entspricht, auch wenn die Handelnden die rationalen Gründe nicht durchschauen. In diesem Sinne ist Religion für Spinoza unverzichtbar für die soziale Ordnung, auch wenn ihre konkreten Inhalte der Kritik und Reform bedürfen. Die Theologen, die diese Religion verwalten, sind ambivalente Figuren: einerseits notwendige Vermittler zwischen der Wahrheit und der Masse, andererseits Verderber der Religion, wenn sie aus ihr ein System abstrakter Dogmen machen und Macht über die Gewissen beanspruchen. Gysis Aussage lässt sich vor diesem Hintergrund als Warnung verstehen, dass eine Gesellschaft, die die Religion abschafft, ohne alternative Formen der Wertvermittlung zu entwickeln, in einem normativen Vakuum endet, in dem nur noch der Eigennutz und die Affekte regieren. Es geht also um die Frage, wie eine post-religiöse Gesellschaft aussehen kann, die die Errungenschaften der Aufklärung bewahrt, ohne in Atomisierung und Werterelativismus zu verfallen.

Gregor Gysis Paradox und Spinozas Naturbegriff

Gregor Gysis bekannte Aussage, er glaube zwar nicht an Gott, fürchte aber eine gottlose Gesellschaft, markiert einen bemerkenswerten Wendepunkt im säkularen Diskurs der Gegenwart. Diese scheinbar paradoxe Position eines bekennenden Atheisten, der dennoch die gesellschaftliche Funktion religiöser Bindungen anerkennt, gewinnt eine besondere Tiefenschärfe, wenn man sie im Licht der Philosophie Baruch de Spinozas betrachtet. Spinozas radikaler Pantheismus, der Gott und Natur identifiziert und damit sowohl den traditionellen Theismus als auch einen naiven Atheismus überschreitet, bietet einen Rahmen, in dem Gysis Sorge vor der gottlosen Gesellschaft nicht als Widerspruch erscheint, sondern als Einsicht in die existenzielle Notwendigkeit einer Bindung an etwas Überindividuelles. Die Frage ist dabei nicht, ob ein personaler Gott existiert, sondern welche Rolle die Orientierung an überzeitlichen Prinzipien, an einer Ordnung jenseits des unmittelbaren Eigennutzes, für das Zusammenleben der Menschen spielt.

Spinoza entwickelte seine Philosophie in einer Zeit des Umbruchs, am Vorabend der Aufklärung, als die traditionellen religiösen Gewissheiten bereits brüchig wurden, aber noch keine säkulare Alternative das entstandene Vakuum füllen konnte. Seine Gleichsetzung von Gott und Natur war keine bloße metaphysische Spielerei, sondern ein fundamentaler Versuch, die moralische und soziale Ordnung auf ein neues Fundament zu stellen. Wenn Gott nichts anderes ist als die Natur in ihrer Totalität, wenn also die göttliche Ordnung identisch ist mit den ewigen Naturgesetzen, dann bedeutet Frömmigkeit nicht Gehorsam gegenüber einem transzendenten Willen, sondern Einsicht in die Notwendigkeit dieser Gesetze. Die theologische Frage nach Gottes Willen verwandelt sich in die philosophische Frage nach der wahren Natur der Dinge. Dieser Übergang ist entscheidend für das Verständnis von Gysis Befürchtung, denn eine gottlose Gesellschaft wäre in spinozistischer Perspektive nicht einfach eine ohne Kirchgang und Gebete, sondern eine Gesellschaft, die jeden Bezug zu einer objektiven, überindividuellen Ordnung verloren hat.

Religion als zivilisatorische Notwendigkeit

Die Sorge vor der gottlosen Gesellschaft artikuliert eine Erfahrung, die auch Spinoza zentral beschäftigte: dass die meisten Menschen nicht aus vernünftiger Einsicht in das Gute handeln, sondern von ihren Affekten getrieben werden. Spinozas Anthropologie kennt keine romantische Verklärung der menschlichen Natur. Der Mensch ist für ihn Teil der Natur und unterliegt denselben Gesetzen wie alle anderen Dinge. Sein fundamentaler Antrieb ist der conatus, das Streben, im eigenen Sein zu verharren und die eigene Macht zu mehren. Dieser Lebenswille ist weder gut noch böse, er ist einfach die grundlegende Tatsache der menschlichen Existenz. Aus diesem Streben erwachsen alle Affekte, alle Leidenschaften und Begierden, die den Menschen umhertreiben. Die große Mehrheit der Menschen lebt, was Spinoza als Leben unter der Knechtschaft der Affekte beschreibt, ein Zustand, in dem man nicht selbstbestimmt aus Einsicht handelt, sondern von äußeren Ursachen und inneren Trieben hin und her geworfen wird.

Gregor Gysis
Gregor Gysis

Hier liegt der Kern von Gysis Befürchtung. Eine Gesellschaft, die sich von religiösen Bindungen befreit, ohne gleichzeitig eine andere Form der Bindung an überindividuelle Werte zu entwickeln, droht zu einer Ansammlung von Individuen zu werden, die ausschließlich ihrem unmittelbaren conatus folgen. Beim Menschen nimmt der conatus besondere Formen an. Er äußert sich als Wille, wenn wir uns dessen bewusst sind, und als Begierde oder Appetit, wenn er mit Bewusstsein verbunden ist. Der menschliche conatus ist nicht nur auf bloße physische Selbsterhaltung gerichtet, sondern auch auf die Steigerung der eigenen Macht, Erkenntnisfähigkeit und Vollkommenheit. Aus diesem Grundstreben leiten sich alle menschlichen Affekte ab: Freude entsteht, wenn der conatus erfolgreich ist und wir zu größerer Vollkommenheit übergehen, Traurigkeit, wenn er gehemmt wird.

Spinoza selbst war sich dieser Gefahr bewusst und entwickelte deshalb eine differenzierte Theorie über die Rolle der Religion in der Gesellschaft. Während die Philosophie und die wahre Erkenntnis nur wenigen zugänglich sind, nämlich jenen, die die intellektuelle Kraft besitzen, die Dinge sub specie aeternitatis zu betrachten, braucht die Masse der Menschen eine andere Form der Orientierung. Die Religion erfüllt genau diese Funktion: Sie bietet durch Narrationen, Symbole und Rituale einen Zugang zu moralischen Wahrheiten, der nicht den Umweg über die komplexe metaphysische Einsicht nehmen muss.

Spinozas Kritik der Theologie und ihre Konsequenzen

Spinozas berühmte Bibelkritik im Theologisch-Politischen Traktat war revolutionär, weil sie die heiligen Schriften mit denselben philologischen und historischen Methoden untersuchte, die man auf profane Texte anwendet. Er zeigte, dass viele biblische Aussagen den wissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit widersprachen, dass die Texte historisch gewachsen und von menschlichen Autoren verfasst waren. Aber diese Kritik diente nicht der Zerstörung der Religion, sondern ihrer Reinigung. Spinoza unterschied scharf zwischen dem wahren Kern der Religion, nämlich der Lehre von Gerechtigkeit und Nächstenliebe, und den theologischen Spekulationen, die diesen Kern oft verdunkelten. Die Theologen, so seine scharfe Kritik, hätten die Religion in ein System abstrakter Dogmen verwandelt, über die endlose Streitigkeiten geführt wurden, während der eigentliche Zweck der Religion aus dem Blick geriet.

Diese Kritik berührt direkt das Problem, das Gysi anspricht. Die gottlose Gesellschaft, vor der er sich fürchtet, ist nicht einfach eine Gesellschaft ohne Theologen und Kirchenhierarchien. Im Gegenteil, man könnte argumentieren, dass Spinozas Kritik an den Theologen genau darauf abzielt, die Religion von jenen Elementen zu befreien, die sie zu einem Herrschaftsinstrument machen. Die eigentliche Gefahr liegt vielmehr darin, dass mit der Religion auch jene verbindenden Erzählungen und Praktiken verschwinden, die eine Gemeinschaft zusammenhalten. Spinoza erkannte, dass eine Gesellschaft gemeinsame Überzeugungen und Werte braucht, die tiefer reichen als rationale Argumente und die sich in kollektiven Ritualen und Symbolen ausdrücken. Die Theologie mag diesen Kern oft verfälscht haben, aber sie bewahrte ihn zugleich.

Die Rolle der Theologen ist bei Spinoza zutiefst ambivalent. Einerseits kritisiert er sie als Verderber der wahren Religion, die aus der einfachen Lehre der Nächstenliebe ein kompliziertes System von Glaubenssätzen gemacht haben, deren Annahme sie zur Bedingung des Heils erklärten. Andererseits erkennt er an, dass die meisten Menschen nicht ohne Vermittler zur Wahrheit gelangen können. Die Frage ist also nicht, ob es Vermittler geben soll, sondern welcher Art diese Vermittlung sein soll. Spinozas ideale Theologie wäre eine, die sich darauf beschränkt, zur Praxis der Gerechtigkeit und Nächstenliebe anzuleiten, ohne metaphysische Wahrheiten zu dekretieren, über die nur die Philosophie Auskunft geben kann.

Der Weg zum wahren Glück

Spinozas Glücksbegriff ist radikal und anspruchsvoll zugleich. Das wahre Glück besteht nicht in der Befriedigung wechselnder Begierden, nicht im Streben nach vergänglichen Gütern wie Reichtum, Ehre oder sinnlicher Lust. Diese Dinge können zwar momentane Freude bereiten, aber sie führen zwangsläufig zu neuen Abhängigkeiten und Ängsten. Das wahre Glück liegt vielmehr in der Erkenntnis, genauer gesagt in der intellektuellen Liebe zu Gott, die amor dei intellectualis. Dieser Begriff bezeichnet einen Zustand, in dem der Mensch die Dinge nicht mehr aus der Perspektive seiner partikularen Interessen betrachtet, sondern aus der Perspektive der ewigen Notwendigkeit. Wenn ich erkenne, dass alles, was geschieht, aus der Natur Gottes mit derselben Notwendigkeit folgt wie aus der Natur des Dreiecks folgt, dass seine Winkelsumme 180 Grad beträgt, dann lösen sich die Affekte auf, die aus dem falschen Glauben entstehen, die Dinge könnten oder sollten anders sein.

Dieser Zustand vollkommener Erkenntnis und innerer Freiheit ist allerdings nur wenigen Menschen zugänglich. Er erfordert nicht nur intellektuelle Begabung, sondern auch die Muße und die sozialen Bedingungen für ein kontemplatives Leben. Die große Mehrheit der Menschen wird nie diese Stufe der Erkenntnis erreichen. Für sie ist ein glückliches Leben dennoch möglich, allerdings auf einer anderen Grundlage. Ein Leben nach den Geboten der Religion, verstanden als praktische Anleitung zu Gerechtigkeit und Liebe, kann zu einem stabilen Zustand relativer Zufriedenheit führen. Die Religion bietet gleichsam eine Abkürzung zur Tugend, indem sie durch Geschichten und Gebote ein Verhalten einübt, das der Vernunft entspricht, auch wenn der Handelnde die rationalen Gründe nicht vollständig durchschaut.

Hier zeigt sich die tiefe Verbindung zwischen Gysis Aussage und Spinozas Denken. Die Furcht vor der gottlosen Gesellschaft ist die Furcht davor, dass die Menschen, befreit von religiösen Bindungen, ohne alternative Orientierung dem bloßen Spiel ihrer Affekte ausgeliefert sind. Eine Gesellschaft von Individuen, die nur ihrem unmittelbaren conatus folgen, mag zwar nominell frei sein, aber sie ist unfähig zu stabilen Gemeinschaftsbeziehungen und damit auch unfähig zum Glück. Denn für Spinoza ist klar, dass der Mensch als soziales Wesen nur in der Gemeinschaft mit anderen gedeihen kann. Die Vernunft selbst lehrt, dass nichts dem Menschen nützlicher ist als der Mensch, der nach der Leitung der Vernunft lebt.

Naturgesetze und menschliche Ordnung

Die ewigen Naturgesetze, die bei Spinoza mit den Gesetzen Gottes identisch sind, bilden die objektive Grundlage jeder legitimen Ordnung. Im Unterschied zu voluntaristischen Theologien, die Gottes Willen als absolut frei und unergründlich betrachten, kennt Spinoza keine Willkür in der göttlichen Ordnung. Gott konnte die Welt nicht anders schaffen, als er sie geschaffen hat, denn er handelt nach der Notwendigkeit seiner eigenen Natur. Diese Auffassung hat radikale Konsequenzen für das Verständnis von Moral und Recht. Gut und Böse sind keine absoluten Kategorien, die einem göttlichen Befehl entspringen, sondern relative Begriffe, die sich aus der Natur des Menschen und seinem Streben nach Selbsterhaltung ergeben. Gut ist, was dieses Streben fördert, böse, was es hemmt.

Diese Naturalisierung der Moral könnte zu einem radikalen Relativismus führen, und viele Zeitgenossen Spinozas warfen ihm vor, die Grundlagen der Sittlichkeit zu untergraben. Doch Spinoza zieht eine andere Konsequenz. Gerade weil die moralischen Gesetze aus der Natur des Menschen folgen, haben sie eine objektive Gültigkeit, die unabhängig von menschlichen Meinungen und Konventionen besteht. Die Aufgabe der Philosophie ist es, diese natürlichen Gesetze zu erkennen und zu zeigen, dass ein Leben nach der Vernunft nicht nur möglich, sondern auch das glücklichste Leben ist. Die Aufgabe der Religion ist es, die Menschen zur Befolgung dieser Gesetze anzuleiten, auch wenn sie deren rationale Grundlage nicht durchschauen.

Gysis Befürchtung lässt sich vor diesem Hintergrund als Sorge deuten, dass eine Gesellschaft, die sich von der Religion löst, ohne gleichzeitig die philosophische Einsicht in die natürlichen Grundlagen der Moral zu kultivieren, in einem normativen Vakuum landet. Die Religion vermittelte über Jahrhunderte, oft in verzerrter und instrumentalisierter Form, dennoch grundlegende moralische Orientierungen. Wenn diese Vermittlung wegfällt, entsteht die Frage, wie eine Gesellschaft zu gemeinsamen Werten finden kann. Spinoza würde antworten, dass diese Werte in der Natur selbst gründen und durch Vernunft erkennbar sind. Aber er würde auch anerkennen, dass die meisten Menschen zusätzlicher, nicht-rationaler Formen der Bindung an diese Werte bedürfen.

Die Spannung zwischen individueller Freiheit und sozialer Ordnung

Ein zentrales Problem, das sowohl Spinoza als auch Gysi umtreibt, ist die Spannung zwischen individueller Freiheit und sozialer Ordnung. Spinozas Ethik ist radikal individualistisch in dem Sinne, dass sie jeden Menschen auf seinen eigenen conatus zurückwirft. Niemand kann für einen anderen erkennen oder glücklich sein. Jeder muss seinen eigenen Weg zur Einsicht und zur Freiheit finden. Gleichzeitig betont Spinoza die fundamentale Sozialität des Menschen. Der isolierte Mensch ist schwach und den Gefahren der äußeren Welt schutzlos ausgeliefert. Nur in der Gemeinschaft können Menschen ihre Macht so vereinen, dass ein stabiles und gutes Leben möglich wird.

Diese Spannung löst Spinoza nicht durch eine Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv, wie es totalitäre Ideologien tun, aber auch nicht durch eine Verabsolutierung individueller Rechte auf Kosten der Gemeinschaft. Seine Lösung liegt in der Einsicht, dass ein vernünftiger Mensch erkennt, dass sein eigenes Interesse am besten durch Kooperation mit anderen vernünftigen Menschen gewahrt wird. Die vernünftige Ordnung des Gemeinwesens ist keine Einschränkung der Freiheit, sondern deren Ermöglichung. Denn Freiheit bedeutet für Spinoza nicht Willkür, sondern die Fähigkeit, aus der Notwendigkeit der eigenen Natur heraus zu handeln, ohne von äußeren Ursachen gezwungen zu werden.

Die Religion spielt in diesem Zusammenhang eine stabilisierende Rolle. Sie schafft durch gemeinsame Rituale, Feste und Erzählungen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das über rationale Erwägungen hinausgeht. Sie erzeugt, was man heute soziales Kapital nennen würde: ein Netz von Vertrauen und gegenseitigen Verpflichtungen, das nicht auf expliziten Verträgen beruht, sondern auf geteilten Überzeugungen und Praktiken. Gysis Furcht vor der gottlosen Gesellschaft ist die Furcht vor dem Verlust dieses sozialen Kapitals. Eine Gesellschaft von Individuen, die nur durch rationale Interessenkalkulation oder durch staatlichen Zwang zusammengehalten werden, ist fragil und tendiert zur Atomisierung.

Das Problem der Theodizee und die Akzeptanz des Notwendigen

Spinozas Lösung des Theodizee-Problems ist radikal und für viele anstößig. Es gibt für ihn kein Problem der Theodizee, weil Gott nicht als Person gedacht werden kann, die moralische Entscheidungen trifft. Gott ist die Natur, und die Natur kennt keine moralischen Kategorien. Das Leiden in der Welt ist nicht Ausdruck eines göttlichen Plans oder einer Strafe, sondern folgt mit Notwendigkeit aus den Naturgesetzen. Ein Erdbeben ist nicht böse, es ist einfach eine notwendige Konsequenz geologischer Prozesse. Die menschliche Neigung, das Leiden als ungerecht zu empfinden, entspringt einer anthropomorphen Projektion, die Gott nach dem Bild eines menschlichen Richters denkt.

Diese Sichtweise hat eine paradoxe Wirkung. Einerseits nimmt sie dem menschlichen Leiden seine metaphysische Bedeutung. Es gibt keinen höheren Sinn, keine göttliche Gerechtigkeit, die das Leiden rechtfertigen würde. Andererseits befreit diese Einsicht den Menschen von unfruchtbaren Haderns mit dem Schicksal. Wenn ich erkenne, dass alles, was geschieht, notwendig ist, kann ich aufhören, die Welt zu verfluchen oder Gott anzuklagen. Die stoische Gelassenheit, die aus dieser Einsicht erwächst, ist für Spinoza eine Grundbedingung des Glücks. Solange ich gegen das Notwendige rebelliere, bin ich im Leiden gefangen. Erst wenn ich das Notwendige akzeptiere und verstehe, kann ich frei werden.

Hier zeigt sich eine wichtige Funktion, die die Religion traditionell erfüllt hat: Sie bot Deutungsmuster für das Leiden, die es erträglich machten. Die Vorstellung eines gerechten Gottes, der das Leiden in einem größeren Plan aufhebt, mag philosophisch unhaltbar sein, aber sie hatte einen psychologischen und sozialen Wert. Die gottlose Gesellschaft, vor der Gysi sich fürchtet, ist eine Gesellschaft, die dem Leiden schutzlos gegenübersteht, ohne die tröstenden Narrative der Religion und ohne die philosophische Reife, das Notwendige zu akzeptieren. Eine solche Gesellschaft droht in Zynismus oder Verzweiflung zu verfallen.

Spinozas Vision einer aufgeklärten Religion

Spinozas Philosophie wird oft als Vorläufer des modernen Atheismus gedeutet, aber diese Interpretation ist einseitig. Spinoza war kein Atheist im modernen Sinne, der die Existenz Gottes leugnet. Er war ein radikaler Reformer, der die Religion von ihren anthropomorphen Verzerrungen reinigen wollte. Seine Vision war eine aufgeklärte Religion, die sich auf ihren ethischen Kern konzentriert und auf metaphysische Spekulationen verzichtet. Eine solche Religion würde keine Dogmen verkünden, die der Vernunft widersprechen, sie würde keine Intoleranz predigen, weil sie erkennt, dass verschiedene Wege zur Tugend führen können. Sie würde den Menschen zur Nächstenliebe anleiten, ohne ihm vorzuschreiben, welche metaphysischen Überzeugungen er haben muss.

Diese Vision einer aufgeklärten Religion ist bemerkenswert aktuell und könnte eine Antwort auf Gysis Befürchtung sein. Die Alternative zur gottlosen Gesellschaft ist nicht die Rückkehr zu traditionellen religiösen Autoritäten und Dogmen, sondern die Entwicklung neuer Formen kollektiver Bindung an überindividuelle Werte. Diese könnten religiös inspiriert sein, müssen es aber nicht. Entscheidend ist, dass sie eine tiefere Bindung schaffen als bloße rationale Zustimmung, dass sie sich in Praktiken und Ritualen verkörpern und dass sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit stiften. Spinozas Unterscheidung zwischen dem Kern der Religion und ihren historischen Ausdrucksformen erlaubt es, die moralische und soziale Funktion der Religion anzuerkennen, ohne ihre spezifischen metaphysischen Ansprüche akzeptieren zu müssen.

Der Lebenswille und das Streben nach Vollkommenheit

Der conatus, das fundamentale Streben jedes Dinges, in seinem Sein zu verharren, ist bei Spinoza nicht nur ein Erhaltungstrieb im biologischen Sinne. Es ist zugleich ein Streben nach größerer Vollkommenheit, nach der Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. Der Mensch ist nicht zufrieden damit, bloß zu existieren, er strebt danach, seine Macht und seine Erkenntnisfähigkeit zu steigern. Dieses Streben ist die Grundlage aller Affekte. Freude entsteht, wenn der Übergang zu größerer Vollkommenheit gelingt, Traurigkeit, wenn wir gehemmt oder zurückgeworfen werden. Die Kunst des guten Lebens besteht darin, dieses Streben so zu lenken, dass es zu stabiler Freude führt, statt zu den ständigen Schwankungen zwischen Hoffnung und Furcht, Liebe und Hass, die das Leben der meisten Menschen prägen.

Die Religion kann in diesem Prozess eine unterstützende Rolle spielen, indem sie Ideale und Vorbilder präsentiert, die das Streben nach Vollkommenheit lenken. Die religiösen Erzählungen von Heiligen, Propheten und vorbildlichen Menschen bieten Identifikationsfiguren, die zeigen, wie ein tugendhaftes Leben aussehen kann. Die religiösen Praktiken wie Gebet und Meditation schaffen Räume der Selbstreflexion, in denen der Mensch sein Streben bewusst ausrichten kann. Auch wenn Spinoza diese Praktiken nicht als notwendig für die philosophische Erkenntnis ansah, erkannte er doch ihren Wert für die Mehrheit der Menschen, die eines solchen äußeren Rahmens bedürfen.

Gysis Sorge lässt sich auch als Befürchtung lesen, dass eine Gesellschaft ohne religiöse Bindungen keine gemeinsamen Vorstellungen von Vollkommenheit mehr hat, die das individuelle Streben orientieren könnten. In einer solchen Gesellschaft würde jeder seine eigene, beliebige Vorstellung vom guten Leben verfolgen, ohne dass es einen Maßstab gäbe, an dem sich diese Vorstellungen messen ließen. Das Resultat wäre nicht Freiheit, sondern Orientierungslosigkeit. Spinoza würde diesem Punkt zustimmen, aber hinzufügen, dass die Orientierung nicht von äußeren Autoritäten kommen muss, sondern aus der Einsicht in die Natur des Menschen und sein wahres Interesse.

Die politische Dimension von Religion und Vernunft

Spinozas politische Philosophie, vor allem entwickelt im Theologisch-Politischen Traktat und im unvollendet gebliebenen Politischen Traktat, kreist um die Frage, wie eine Ordnung möglich ist, die sowohl stabil als auch frei ist. Die Religion spielt dabei eine wichtige, aber begrenzte Rolle. Sie kann zur Stabilität beitragen, indem sie gemeinsame Werte vermittelt und Gehorsam gegenüber den Gesetzen motiviert. Aber sie wird zur Gefahr, wenn religiöse Autoritäten politische Macht beanspruchen und Toleranz verweigern. Spinozas Plädoyer für die Trennung von Theologie und Philosophie, für Glaubensfreiheit und für die Unterordnung der Religion unter die politische Autorität war revolutionär und kostete ihn den Bannfluch der jüdischen Gemeinde von Amsterdam.

Die gottlose Gesellschaft im Sinne Gysis wäre eine, in der diese Balance verlorengeht. Nicht die Abwesenheit von Kirchen ist das Problem, sondern die Abwesenheit gemeinsamer Überzeugungen, die tief genug reichen, um soziale Kohäsion zu erzeugen. Spinoza sah die Gefahr, dass eine Gesellschaft, die nur auf Zwang beruht, ihre Legitimität verliert. Eine Ordnung kann auf Dauer nur stabil sein, wenn die Menschen sie als berechtigt anerkennen, und diese Anerkennung kann nicht allein durch Furcht vor Strafe erzeugt werden. Die Religion, so problematisch ihre konkreten historischen Formen auch sein mögen, hatte die Funktion, eine solche tiefere Legitimation zu liefern. Die Frage ist, ob und wie eine säkulare Gesellschaft diese Funktion übernehmen kann.

Das Glück als soziale Praxis

Spinozas Glücksbegriff ist trotz seiner metaphysischen Grundlegung zutiefst praktisch. Das wahre Glück ist keine private Angelegenheit, sondern verwirklicht sich in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Die höchste Tugend, die Liebe zu Gott, äußert sich notwendig in der Liebe zu den Menschen, denn wer Gott wahrhaft liebt, wünscht, dass auch andere zu dieser Liebe gelangen. Der Weise ist nicht der egoistische Eremit, sondern derjenige, der sein Wissen teilt und zum Wohl der Gemeinschaft beiträgt. Diese soziale Dimension des Glücks unterscheidet Spinoza von rein kontemplativistischen Philosophien, die das höchste Gut in weltabgewandter Meditation sehen.

Die Religion institutionalisiert diese soziale Dimension des Glücks in Form von Gemeinschaften, die gemeinsam nach dem Guten streben. Die religiöse Gemeinde ist nicht nur eine Organisation zur Verwaltung von Glaubenssätzen, sondern eine Praxis des gemeinsamen Lebens. Die gottlose Gesellschaft wäre eine Gesellschaft, in der diese Praxis des gemeinsamen Strebens nach dem Guten ihre Selbstverständlichkeit verliert. Nicht dass Menschen nicht mehr gut sein wollten, aber es gäbe keine gemeinsamen Räume und Formen mehr, in denen dieses Streben kultiviert wird. Gysi fürchtet, so könnte man interpretieren, nicht das Verschwinden individueller Moralität, sondern den Verlust der sozialen Formen, in denen Moralität eingeübt und weitergegeben wird.

Ewigkeit und Zeitlichkeit im menschlichen Streben

Ein schwieriger, aber zentraler Aspekt von Spinozas Philosophie ist seine Lehre von der Ewigkeit des Geistes. Der menschliche Geist, insofern er Dinge unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit erkennt, partizipiert selbst an dieser Ewigkeit. Dies bedeutet nicht eine persönliche Unsterblichkeit im traditionellen Sinne, sondern die Teilhabe an einer Erkenntnisperspektive, die über die zeitliche Existenz des Individuums hinausreicht. Wenn ich eine mathematische Wahrheit erkenne, partizipiere ich an etwas, das nicht mit meinem Tod vergeht. Diese Dimension der Ewigkeit verleiht dem menschlichen Streben eine Würde und Bedeutung, die über die bloße Selbsterhaltung im biologischen Sinne hinausgeht.

Die Religion artikuliert diese Dimension der Ewigkeit auf ihre eigene Weise, durch die Vorstellung eines ewigen Lebens, eines Reiches Gottes, einer Erlösung, die über das Irdische hinausweist. Auch wenn Spinoza diese Vorstellungen als anthropomorphe Projektionen kritisiert, erkennt er doch an, dass sie auf eine genuine Erfahrung verweisen: die Erfahrung, dass das menschliche Streben sich nicht in der Befriedigung momentaner Bedürfnisse erschöpft, sondern auf etwas Unbedingtes ausgerichtet ist. Eine gottlose Gesellschaft im negativen Sinne wäre eine Gesellschaft, die diese Dimension der Ewigkeit verliert und sich ganz in der Immanenz einrichtet, ohne Bezug zu etwas, das über das unmittelbar Nützliche und Zweckhafte hinausgeht.

Die Grenzen der Vernunft und die Notwendigkeit der Bilder

Spinoza war ein Rationalist, der an die Kraft der Vernunft glaubte, die Wahrheit zu erkennen und den Menschen zu befreien. Aber er war auch Realist genug zu erkennen, dass die meisten Menschen nicht durch rationale Argumente überzeugt werden, sondern durch Bilder, Geschichten und Emotionen. Die Religion arbeitet mit diesen Mitteln, und gerade darin liegt ihre Stärke. Die biblischen Erzählungen sprechen die Phantasie an, die religiösen Symbole berühren die Affekte, die Rituale schaffen körperliche Erfahrungen. All dies sind Zugänge zur Wahrheit, die der abstrakten philosophischen Erkenntnis zwar nachgeordnet sind, aber für die meisten Menschen wirksamer.

Die Aufklärung und ihre Fortsetzung in der modernen Wissenschaft haben oft diese bildhafte Dimension unterschätzt und geglaubt, rationale Argumente könnten die Religion ersetzen. Gysis Befürchtung lässt sich als skeptische Reaktion auf diese Hoffnung verstehen. Eine Gesellschaft, die nur noch in Kategorien rationaler Zweckmäßigkeit denkt, verliert die Fähigkeit, Menschen auf einer tieferen, nicht-rationalen Ebene zu binden. Die Konsequenz ist nicht notwendig mehr Rationalität, sondern oft die Herrschaft unbewusster Bilder und Mythen, die umso wirkmächtiger sind, als sie nicht mehr reflektiert werden. Spinozas differenzierte Haltung zur Religion zeigt einen möglichen Weg: die Anerkennung der Notwendigkeit von Bildern und Narrationen, verbunden mit dem kritischen Bewusstsein ihrer Grenzen und der Bereitschaft, sie zu reformieren, wenn sie der Vernunft widersprechen.

Zum Mitnehmen

Die Auseinandersetzung mit Gregor Gysis Paradox im Licht von Spinozas Philosophie führt zu einer Reihe von Einsichten, die für das Selbstverständnis moderner säkularer Gesellschaften von erheblicher Bedeutung sind. Zunächst wird deutlich, dass die einfache Opposition von Glaube und Unglaube, von religiöser und säkularer Gesellschaft, zu kurz greift. Spinozas Denken zeigt, dass es möglich ist, die metaphysischen Ansprüche der traditionellen Religion zurückzuweisen, ohne deshalb die soziale und moralische Funktion religiöser Praktiken und Überzeugungen zu leugnen. Die Frage ist nicht, ob Gott im traditionellen Sinne existiert, sondern wie eine Gesellschaft zu gemeinsamen Werten und zu Formen kollektiver Bindung findet, die über bloße Interessenkalkulation hinausgehen. Die Religion hat diese Funktion über Jahrhunderte erfüllt, oft in problematischer Weise, aber dennoch mit einem Kern, der nicht ersatzlos gestrichen werden kann. Eine gottlose Gesellschaft im negativen Sinne wäre eine Gesellschaft, die diesen Kern verliert, ohne etwas Gleichwertiges an seine Stelle zu setzen.

Spinozas Anthropologie lehrt uns, dass die meisten Menschen nicht primär durch rationale Einsicht geleitet werden, sondern durch Affekte, Gewohnheiten und Bilder. Die Religion spricht diese Ebene des Menschlichen an, und darin liegt ihre Stärke. Die Aufgabe einer aufgeklärten Gesellschaft kann nicht darin bestehen, diese Ebene zu eliminieren, sondern sie kritisch zu gestalten. Das bedeutet, Narrative, Symbole und Praktiken zu entwickeln, die Menschen an überindividuelle Werte binden, ohne in Dogmatismus und Intoleranz zu verfallen. Spinozas Vision einer aufgeklärten Religion, die sich auf den ethischen Kern von Gerechtigkeit und Nächstenliebe beschränkt und auf metaphysische Spekulationen verzichtet, könnte hier als Vorbild dienen. Eine solche Religion wäre kompatibel mit philosophischer Freiheit und wissenschaftlicher Erkenntnis, würde aber dennoch die moralische und soziale Orientierung bieten, die eine funktionierende Gesellschaft benötigt.

Die Spannung zwischen individueller Freiheit und sozialer Ordnung, die sowohl Spinoza als auch Gysi umtreibt, lässt sich nicht durch einfache Formeln auflösen. Eine Gesellschaft, die nur auf individuellen Rechten und Freiheiten besteht, ohne gleichzeitig Formen gemeinschaftlicher Bindung zu kultivieren, droht in Atomisierung und Anomie zu verfallen. Andererseits ist die Rückkehr zu autoritären religiösen oder politischen Strukturen keine akzeptable Alternative. Der Weg führt über die Einsicht, dass wahre Freiheit nicht Willkür bedeutet, sondern die Fähigkeit, aus der Notwendigkeit der eigenen vernünftigen Natur heraus zu handeln. Diese Freiheit ist nur in einer Gemeinschaft möglich, die durch gemeinsame Werte und Praktiken zusammengehalten wird, die aber zugleich Raum für individuelle Verschiedenheit lässt.

Die Frage nach dem Glück, die im Zentrum von Spinozas Ethik steht, gewinnt in diesem Zusammenhang eine neue Aktualität. Eine Gesellschaft, die das Glück ihrer Mitglieder nur als Summe privater Befriedigungen versteht, verkennt die soziale Dimension des Glücks. Spinoza zeigt, dass wahres Glück sich in der Gemeinschaft mit anderen verwirklicht, im gemeinsamen Streben nach Erkenntnis und Tugend. Die Religion institutionalisierte diese Dimension des Glücks in Form von Gemeinschaften, die gemeinsam nach dem Guten strebten. Die Herausforderung für eine säkulare Gesellschaft besteht darin, neue Formen solcher Gemeinschaften zu entwickeln, die nicht auf religiösen Dogmen beruhen, aber dennoch die tiefe menschliche Sehnsucht nach Zugehörigkeit und gemeinsamem Sinn erfüllen. Das kann durch zivilgesellschaftliche Organisationen, durch kulturelle Praktiken, durch politisches Engagement geschehen, vorausgesetzt, diese Aktivitäten werden nicht rein instrumentell verstanden, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Strebens nach einem guten Leben.

Die Einsicht in die Notwendigkeit der Dinge, die für Spinoza die Grundlage innerer Freiheit bildet, hat auch für die politische Kultur Konsequenzen. Eine Gesellschaft, die gelernt hat, das Notwendige zu akzeptieren, ohne in Fatalismus zu verfallen, ist stabiler und reifer als eine Gesellschaft, die ständig gegen unveränderbare Realitäten rebelliert. Die Religion bot traditionell Deutungsmuster, die halfen, Leiden und Begrenzungen zu akzeptieren. Eine säkulare Gesellschaft braucht alternative Formen der Sinngebung, die nicht auf metaphysische Tröstungen zurückgreifen, aber dennoch die Härten der Existenz erträglich machen. Die Philosophie, die Kunst, die Wissenschaft können solche Formen der Sinngebung bieten, vorausgesetzt sie werden nicht rein instrumentell betrieben, sondern als Weisen der Teilhabe an etwas Überindividuellem verstanden.

Gysis Befürchtung vor der gottlosen Gesellschaft erweist sich letztlich als Sorge um den Verlust jener Bindungen und Orientierungen, die eine Gesellschaft zu mehr machen als einer bloßen Ansammlung egoistischer Individuen. Diese Sorge ist berechtigt und wird durch Spinozas Philosophie bestätigt. Aber Spinoza zeigt auch, dass die Alternative nicht in der Rückkehr zu vormodernen religiösen Autoritäten liegt, sondern in der Entwicklung neuer, aufgeklärter Formen kollektiver Bindung an überindividuelle Werte. Diese Aufgabe ist noch nicht abgeschlossen, sie bleibt eine permanente Herausforderung für jede Generation. Die Einsicht, dass Menschen nicht nur rationale Wesen sind, sondern auch affektive, bedürftige, nach Orientierung suchende Wesen, muss in die Gestaltung gesellschaftlicher Institutionen und kultureller Praktiken einfließen. Eine aufgeklärte Gesellschaft ist nicht eine, die alle irrationalen Elemente eliminiert hat, sondern eine, die gelernt hat, mit ihnen kritisch und produktiv umzugehen, sie zu kultivieren, wo sie dem menschlichen Gedeihen dienen, und zu kritisieren, wo sie in Dogmatismus und Unterdrückung umschlagen.

  • Inspiration: Lektüre: Walther Ziegler: Spinoza in 60 Minuten.
  • Bildmaterial: Wikipedia
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Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.