Betrachtung über Wettbewerb, Bildung und die Zukunft kollektiver Handlungsfähigkeit
In einer Zeit, in der der Begriff der „Leistungsgesellschaft“ zum Schimpfwort geworden ist und das Streben nach Exzellenz nicht selten als Relikt einer überwundenen Epoche gilt, vollzieht sich ein stiller, kaum bemerkter Wandel in den Fundamenten unserer kollektiven Selbstwahrnehmung. Wir haben gelernt, Komfort mit Kompetenz zu verwechseln, Anspruchslosigkeit mit Achtsamkeit gleichzusetzen und das Mittelmäßige nicht nur zu akzeptieren, sondern zu zelebrieren.
Was dabei verloren geht, ist nicht bloß eine ökonomische Kategorie oder eine bildungspolitische Ausrichtung. Es handelt sich um einen existenziellen Orientierungsverlust, der tief in die psychologischen und philosophischen Grundlagen menschlicher Gemeinschaften eingreift. Denn Gesellschaften, die aufhören, nach Größe zu streben, verlieren nicht nur ihre Wettbewerbsfähigkeit – sie verlieren ihre Zukunft. Sie verlieren den Glauben daran, dass Anstrengung sich lohnt, dass Können erworben werden kann, dass Niederlagen lehrreich sind und dass der Einzelne nicht nur Empfänger, sondern Gestalter seiner Biographie ist.
Diese Abhandlung ist kein Plädoyer für blinden Elitismus, sondern ein Appell für intellektuelle Redlichkeit. Sie versteht sich als Versuch, jene Wahrheiten auszusprechen, die in öffentlichen Debatten zunehmend gemieden werden, weil sie unbequem sind, weil sie fordern, weil sie trennen zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren. Sie ist ein Ruf zur Erneuerung jener Haltung, die das Ringen um Exzellenz nicht als Privileg weniger begreift, sondern als Pflicht aller – als zivilisatorische Selbstverständlichkeit.
Übersicht
Die vorliegende Abhandlung analysiert die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Konsequenzen einer zunehmenden Orientierung am Durchschnitt und formuliert ein Plädoyer für die Rückkehr zu einer Kultur der Exzellenz. Zentrale Thesen:
Wettbewerb als anthropologische Konstante: Menschliche Entwicklung vollzieht sich nicht in geschützten Räumen des Wohlbefindens, sondern in der Auseinandersetzung mit Widerstand, Konkurrenz und der Erfahrung eigener Grenzen. Wettbewerb ist kein sozialdarwinistisches Prinzip, sondern ein Mechanismus der Selbsterkenntnis und Neuorientierung.
Talenterkennung durch Konfrontation: Die Erkenntnis eigener Begabungen und Limitierungen erfolgt nicht durch Selbstbespiegelung, sondern durch den Vergleich mit anderen. Wer in einem Feld scheitert, entdeckt oft erst dadurch ein anderes Feld, in dem Exzellenz möglich ist.
Exzellenz als gesellschaftlicher Imperativ: Fortschritt, Innovation und kollektive Handlungsfähigkeit entstehen nicht aus dem Durchschnitt, sondern aus herausragenden individuellen Leistungen. Gesellschaften, die Exzellenz diskreditieren, zerstören ihre eigenen Grundlagen.
Bildung als Bringschuld: Das Recht auf Bildung impliziert die Pflicht zur Anstrengung. Bildungsinstitutionen haben die Aufgabe, Möglichkeiten bereitzustellen, nicht Ergebnisse zu garantieren. Lernen ist Arbeit, Können ist das Resultat von Wiederholung und Disziplin.
Paradigmenwechsel erforderlich: Die gegenwärtige Bildungspolitik benötigt eine fundamentale Neuausrichtung. Der Konflikt mit Vertretern der Gleichmacherei und systematischen Niveausenkung muss nicht gescheut, sondern bewusst gesucht werden.
Worum es geht
Diese Abhandlung richtet sich an jene, die spüren, dass in der gegenwärtigen Debatte um Bildung, Leistung und gesellschaftliche Entwicklung etwas Fundamentales fehlt. Sie wendet sich an Eltern, die ihre Kinder nicht in Watte packen, sondern sie auf eine Welt vorbereiten wollen, die keine Rücksicht nimmt. Sie spricht zu Lehrkräften, die trotz politischer Vorgaben und gesellschaftlichem Gegenwind an ihrer Überzeugung festhalten, dass Bildung mehr ist als Betreuung. Sie adressiert Bildungspolitiker, die den Mut haben, unpopuläre Wahrheiten auszusprechen.
Im Zentrum steht eine einfache, aber radikale These: Die Orientierung am Durchschnitt und die Diskreditierung von Exzellenz sind keine Akte sozialer Gerechtigkeit, sondern Symptome einer Gesellschaft, die ihr Verhältnis zu Anstrengung, Können und Wahrheit verloren hat. Es geht nicht darum, eine Elite zu privilegieren, sondern darum, jedem Einzelnen die Chance zu geben, durch eigene Leistung herauszufinden, wozu er oder sie fähig ist.
Die philosophische Dimension dieser Frage reicht weit über bildungspolitische Detailfragen hinaus. Sie berührt Grundfragen menschlicher Existenz: Wer bin ich? Was kann ich? Wozu bin ich fähig? Diese Fragen lassen sich nicht in geschützten Räumen beantworten, sondern nur in der Konfrontation mit Widerstand, mit anderen, mit der Realität. Eine Gesellschaft, die diese Konfrontation vermeidet, verhindert Selbsterkenntnis. Sie produziert Individuen, die zwar vor Niederlagen geschützt wurden, aber nie die Chance hatten, echte Siege zu erringen.
Gesellschaftspsychologisch betrachtet sind wir Zeugen eines Phänomens, das man als „kollektiven Realitätsverlust“ bezeichnen könnte. Der Glaube, dass Leistung mit Wohlbefinden korreliert, dass Können ohne Anstrengung erworben werden kann, dass jeder gleich gut sein könnte, wenn nur die Umstände stimmen würden – all dies sind Illusionen, die eine Gesellschaft schwächen. Sie erzeugen nicht Gleichheit, sondern Frustration. Sie schaffen nicht Gerechtigkeit, sondern Mittelmäßigkeit. Und sie verhindern jene Form von Selbstwirksamkeit, die die Grundlage individueller Freiheit ist.
Die anthropologische Dimension des Wettbewerbs
Der Mensch ist kein Wesen, das in statischer Harmonie existiert. Er ist ein Wesen des Konflikts, der Auseinandersetzung, der permanenten Neuorientierung. Die Vorstellung, menschliche Entwicklung könne in einem Zustand der Konfliktfreiheit stattfinden, ist eine anthropologische Fehleinschätzung. Seit den frühesten Stadien menschlicher Zivilisation war es der Wettbewerb – um Ressourcen, um Status, um Anerkennung, um Wahrheit –, der Entwicklung vorangetrieben hat.
Friedrich Nietzsche erkannte, dass der Wille zur Macht nicht als Herrschaftsstreben missverstanden werden darf, sondern als fundamentaler Antrieb zur Selbstüberwindung. Wettbewerb ist in diesem Sinne keine Pathologie, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Er zwingt uns, uns mit unseren Grenzen auseinanderzusetzen, Schwächen zu erkennen, neue Fähigkeiten zu entwickeln. Wer Wettbewerb eliminiert, eliminiert einen Mechanismus der Selbsterkenntnis.
Die moderne Psychologie bestätigt, was die Philosophie seit langem formuliert: Menschen entwickeln Resilienz nicht durch das Vermeiden von Niederlagen, sondern durch deren Bewältigung. Carol Dwecks Konzept des „growth mindset“ zeigt, dass Kinder, die lernen, Scheitern als Lernchance zu begreifen, langfristig erfolgreicher sind als jene, die vor Misserfolgen bewahrt werden. Wettbewerb ist der natürliche Kontext, in dem diese Lernprozesse stattfinden. Er ist nicht das Problem, sondern die Lösung.
Das Argument, Wettbewerb zerstöre soziale Kohäsion, verkennt die Realität. Wahre Solidarität entsteht nicht aus der Eliminierung von Unterschieden, sondern aus deren Anerkennung. Eine Gesellschaft, die vorgibt, alle seien gleich begabt, lügt sich selbst an. Eine Gesellschaft, die anerkennt, dass Menschen unterschiedliche Talente haben, schafft Raum für Kooperation auf Basis gegenseitiger Anerkennung. Der Mathematiker braucht den Handwerker, der Künstler den Ingenieur. Exzellenz in unterschiedlichen Bereichen ist komplementär, nicht kompetitiv.
Selbsterkenntnis durch Konfrontation: Die Rolle der Niederlage
Ein zentrales, aber oft übersehenes Element menschlicher Entwicklung ist die Notwendigkeit der Niederlage. Wer nie scheitert, lernt nichts über sich selbst. Wer nie dritter, vierter oder letzter wird, entdeckt nie jenes Feld, auf dem er oder sie erster sein könnte. Die Erfahrung der eigenen Grenzen ist kein Trauma, sondern ein Kompass. Sie zeigt an, wo Investitionen von Zeit und Energie nicht lohnen – und öffnet damit den Blick für andere Möglichkeiten.
Sokrates‘ berühmtes „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist keine Resignation, sondern der Beginn aller Weisheit. Selbsterkenntnis beginnt mit der Anerkennung eigener Unwissenheit, eigener Grenzen, eigener Fehlbarkeit. Eine Gesellschaft, die Niederlagen vermeidet, verhindert diese Form der Selbsterkenntnis. Sie produziert Individuen mit unrealistischen Selbstbildern, die früher oder später an der Realität zerbrechen.
Die gesellschaftspsychologische Dimension dieses Phänomens ist gravierend. Studien zeigen, dass junge Erwachsene zunehmend unter Depressionen und Angststörungen leiden, weil ihre Erwartungen an sich selbst nicht mit ihren tatsächlichen Fähigkeiten übereinstimmen. Sie wurden geschützt vor dem Scheitern, aber nicht vorbereitet auf die Realität. Das Resultat ist nicht psychologische Stabilität, sondern Fragilität. Wer nie gelernt hat zu verlieren, kann auch nicht gewinnen.
Die Metapher des Bouldering, die der Originaltext verwendet, ist hier besonders instruktiv. Bouldering ist ein Prozess der permanenten Wiederholung, des Scheiterns, der minimalen Verbesserung. Jeder Versuch lehrt etwas über die eigenen Grenzen, über die Schwächen der gewählten Technik, über alternative Ansätze. Erfolg ist nicht garantiert, sondern das Resultat unzähliger Fehlversuche. Wer den Aufzug nimmt oder einen Kran benutzt, täuscht sich selbst. Er erreicht zwar die Höhe, aber er hat nichts gelernt, keine Kompetenz erworben, keine Selbsterkenntnis gewonnen.
Exzellenz als gesellschaftlicher Imperativ: Warum der Durchschnitt nicht ausreicht
Gesellschaften sind keine statischen Gebilde, sondern dynamische Systeme, die sich permanent im Wettbewerb mit anderen Gesellschaften befinden. Dieser Wettbewerb findet auf vielen Ebenen statt: ökonomisch, technologisch, wissenschaftlich, kulturell. Gesellschaften, die in diesem Wettbewerb bestehen wollen, benötigen Exzellenz. Sie benötigen herausragende Wissenschaftler, brillante Ingenieure, kreative Künstler, visionäre Unternehmer.
Die Vorstellung, eine Gesellschaft könne sich am Durchschnitt orientieren und dennoch innovativ und wettbewerbsfähig bleiben, ist eine Illusion. Fortschritt entsteht nicht aus dem Mittelmaß, sondern aus außergewöhnlichen Leistungen. Die Entdeckung der DNA-Struktur durch Watson und Crick, die Erfindung des Transistors durch Shockley, Bardeen und Brattain, die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe – all dies waren Leistungen von Menschen, die nicht am Durchschnitt orientiert waren, sondern an Exzellenz.
Max Weber erkannte in seiner Analyse der protestantischen Ethik, dass Gesellschaften, die Leistung und Disziplin als Werte verankern, langfristig erfolgreicher sind als solche, die Komfort und Bequemlichkeit priorisieren. Die asiatischen Gesellschaften – China, Indien, Südkorea, Singapur – haben diese Lektion verinnerlicht. Sie investieren massiv in Bildung, in Spitzenförderung, in die Selektion und Unterstützung talentierter Individuen. Sie haben verstanden, dass Wohlstand keine Selbstverständlichkeit ist, sondern das Resultat kontinuierlicher Anstrengung.
Europa und insbesondere Deutschland befinden sich in einer gefährlichen Phase der Selbsttäuschung. Die Vorstellung, man könne auf dem einmal erreichten Wohlstandsniveau verharren, ohne weiterhin Spitzenleistungen zu erbringen, ist historisch widerlegt. Gesellschaften, die ihre Leistungsfähigen diskreditieren, ihre Talentierten beschämen, ihre Exzellenten nivellieren, sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen. Die Folgen werden nicht sofort sichtbar, aber sie sind unvermeidlich: ökonomischer Abstieg, technologische Rückständigkeit, kulturelle Irrelevanz.
Die Diskreditierung von Exzellenz: Eine gesellschaftspsychologische Analyse
Eines der bemerkenswertesten Phänomene der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft ist die systematische Diskreditierung von Leistung. Überdurchschnittliche Schülerinnen und Schüler werden als „Streber“ stigmatisiert. Ehrgeiz gilt als verdächtig, Disziplin als zwanghaft, Erfolg als Indikator für fehlende Empathie. Diese Haltung ist nicht nur bildungspolitisch fatal, sondern auch psychologisch destruktiv.
Gesellschaftspsychologisch lässt sich dieses Phänomen als Form des „Ressentiments“ im Nietzsche’schen Sinne verstehen. Menschen, die selbst keine herausragenden Leistungen erbringen können oder wollen, entwickeln eine Feindschaft gegenüber jenen, die dies tun. Diese Feindschaft äußert sich nicht offen als Neid, sondern wird moralisiert: Leistung wird als „unsozial“ denunziert, Exzellenz als „elitär“ gebrandmarkt, Ehrgeiz als „Ausbeutung der eigenen Ressourcen“ pathologisiert.
Die Folgen sind verheerend. Talentierte junge Menschen lernen, ihre Fähigkeiten zu verstecken. Sie passen sich dem Durchschnitt an, um sozial nicht aufzufallen. Sie internalisieren die Botschaft, dass Herausragen verwerflich ist. Das Resultat ist nicht soziale Gleichheit, sondern kollektive Mittelmäßigkeit. Und es ist individuelles Unglück: Denn Menschen, die ihr Potenzial nicht entfalten dürfen, leiden darunter.
Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, erkannte, dass Menschen nicht nach Lust, sondern nach Sinn streben. Sinn entsteht durch die Verwirklichung eigener Potenziale, durch das Streben nach Zielen, die über den Moment hinausweisen, durch die Erfahrung, dass eigene Anstrengungen Ergebnisse zeitigen. Eine Gesellschaft, die Exzellenz diskreditiert, nimmt ihren Mitgliedern diese Möglichkeit zur Sinnfindung. Sie produziert nicht glückliche Durchschnittsmenschen, sondern frustrierte Individuen, die spüren, dass sie mehr sein könnten, aber nicht dürfen.
Bildung als Bringschuld: Die notwendige Neuorientierung
Die gegenwärtige Bildungspolitik beruht auf einem fundamentalen Missverständnis: der Vorstellung, dass Bildung eine Dienstleistung ist, die der Staat bereitstellt und die Schülerinnen und Schüler konsumieren. Diese Sichtweise reduziert Lernende zu passiven Empfängern und eliminiert die entscheidende Komponente jeden echten Bildungsprozesses: die eigene Anstrengung.
Kant definierte Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Bildung ist in diesem Sinne kein Geschenk, sondern eine Pflicht zur Selbstwerdung. Sie erfordert Disziplin, Wiederholung, Anstrengung, Durchhaltevermögen. Lernen ist Arbeit – nicht Wellness. Können ist das Resultat von Training – nicht von Wohlbefinden.
Die Rolle der Bildungsinstitutionen ist es, Möglichkeiten bereitzustellen. Sie können und sollen Lehrmaterialien anbieten, Lehrkräfte ausbilden, Räume schaffen, in denen Lernen stattfinden kann. Was sie nicht können und nicht sollen, ist Ergebnisse garantieren. Die Verantwortung für den eigenen Bildungserfolg liegt beim Lernenden selbst. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden. Wer sie delegiert, gibt seine Freiheit auf.
Ein Paradigmenwechsel ist notwendig: weg von der Vorstellung von Bildung als kostenloser öffentlicher Dienstleistung, hin zur Pflicht zur Bildung, zur Ausbildung, zur Exzellenz. Nicht als Zwang im autoritären Sinne, sondern als Voraussetzung für individuelle Freiheit. Denn nur wer über Kompetenzen verfügt, kann eigenständig handeln. Nur wer gelernt hat zu lernen, kann sich neuen Situationen anpassen. Nur wer Disziplin verinnerlicht hat, ist frei von äußeren Zwängen.
Diese Neuorientierung erfordert Mut. Sie erfordert den Konflikt mit jenen, die Gleichmacherei als soziale Gerechtigkeit verkaufen. Sie erfordert die Bereitschaft, unpopuläre Wahrheiten auszusprechen: dass Menschen unterschiedlich begabt sind, dass Leistung zählt, dass Scheitern erlaubt sein muss, dass Exzellenz Respekt verdient. Dieser Konflikt darf nicht gescheut werden – er muss gesucht und ausgefochten werden.
Der internationale Vergleich: Was wir von anderen lernen können
Ein Blick über die Grenzen hinaus offenbart, wie anders andere Gesellschaften mit der Frage von Leistung und Bildung umgehen. In Singapur, Südkorea oder China ist die Vorstellung, dass alle Schülerinnen und Schüler gleich begabt sein könnten, absurd. Dort wird früh selektiert, werden Talentierte gefördert, wird Exzellenz erwartet und honoriert.
Die Ergebnisse sprechen für sich. In internationalen Vergleichsstudien wie PISA rangieren diese Länder regelmäßig an der Spitze. Ihre Universitäten produzieren einen überproportionalen Anteil wissenschaftlicher Spitzenpublikationen. Ihre Unternehmen sind technologisch führend. Ihr wirtschaftlicher Aufstieg ist beispiellos. All dies ist kein Zufall, sondern das direkte Resultat einer Bildungspolitik, die Leistung ernst nimmt.
Auch die USA, trotz aller Probleme ihres Bildungssystems, haben eines verstanden: Exzellenz muss sichtbar gemacht, gefördert und belohnt werden. Die besten Universitäten der Welt sind amerikanisch. Die innovativsten Unternehmen sind amerikanisch. Die Anziehungskraft für talentierte Menschen weltweit ist ungebrochen. Warum? Weil Leistung dort noch etwas zählt. Weil Ehrgeiz nicht als Makel, sondern als Tugend gilt. Weil das Streben nach Exzellenz kulturell verankert ist.
Deutschland und Europa müssen sich fragen, ob sie bereit sind, diesen Wettbewerb aufzunehmen. Die gegenwärtige Entwicklung lässt daran zweifeln. Während andere Gesellschaften in Bildung, Forschung und Innovation investieren, wird hierzulande über Work-Life-Balance und Learn-Life-Balance diskutiert. Während andere Gesellschaften ihre Talentierten feiern, werden sie hierzulande nivelliert. Die Konsequenzen werden sich nicht sofort, aber unausweichlich zeigen: in Form von technologischer Abhängigkeit, wirtschaftlichem Abstieg und kultureller Bedeutungslosigkeit.
Die philosophische Dimension: Freiheit durch Kompetenz
Auf der tiefsten Ebene ist die Frage nach Exzellenz eine Frage nach menschlicher Freiheit. Die Aufklärung verstand Freiheit nicht als Abwesenheit von Zwängen, sondern als Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Kant definierte Autonomie als die Fähigkeit, sich selbst Gesetze zu geben. Diese Fähigkeit setzt Kompetenz voraus. Wer nicht lesen kann, ist nicht frei. Wer nicht denken kann, ist nicht frei. Wer nicht handeln kann, ist nicht frei.
Exzellenz ist in diesem Sinne keine elitäre Kategorie, sondern eine Voraussetzung für Freiheit. Sie ist die Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen, eigene Grenzen zu überwinden, neue Möglichkeitsräume zu eröffnen. Sie ist das Gegenteil von Determinismus. Denn wer exzellent ist, hat bewiesen, dass Entwicklung möglich ist, dass Veränderung stattfinden kann, dass der Mensch nicht festgelegt ist.
Sartre formulierte, dass der Mensch zur Freiheit verurteilt ist. Diese Freiheit ist keine Gabe, sondern eine Last. Sie bedeutet Verantwortung für das eigene Leben, für die eigenen Entscheidungen, für die eigene Entwicklung. Wer diese Verantwortung ablehnt, wer sie an andere delegiert, wer nach Schutz vor dem Scheitern verlangt, gibt seine Freiheit auf. Er wird zum Objekt äußerer Umstände statt zum Subjekt eigener Biographie.
Die gegenwärtige Tendenz, Menschen vor den Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu schützen, ist in diesem Sinne eine Form der Entmündigung. Sie suggeriert, dass Menschen nicht in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, dass sie geschützt werden müssen, dass sie nicht selbst entscheiden können. Diese Haltung ist nicht humanistisch, sondern paternalistisch. Sie infantilisiert Erwachsene und verhindert, dass junge Menschen zu Erwachsenen werden.
Der Weg nach vorn: Konkrete Schritte zur Erneuerung
Die Diagnose ist gestellt. Die Frage ist: Was nun? Eine Erneuerung der Bildungspolitik und eine Rückkehr zu einer Kultur der Exzellenz erfordern konkrete Schritte. Diese Schritte sind nicht technokratischer Natur, sondern erfordern einen fundamentalen Wandel in Haltungen, Werten und Überzeugungen.
Erstens: Die Rehabilitierung von Leistung als Wert. Überdurchschnittlichkeit muss wieder ein Begriff des Respekts und der Auszeichnung werden, nicht des Blamings. Schulen müssen Räume sein, in denen Exzellenz sichtbar gemacht, gefeiert und belohnt wird. Wettbewerbe, Auszeichnungen, öffentliche Anerkennungen sind keine Relikte einer überwundenen Epoche, sondern notwendige Instrumente zur Motivation und Orientierung.
Zweitens: Die Akzeptanz von Selektion. Die Vorstellung, dass alle Kinder auf demselben Bildungsweg erfolgreich sein können, ist empirisch widerlegt und pädagogisch schädlich. Menschen haben unterschiedliche Talente. Ein differenziertes Bildungssystem, das verschiedene Wege anbietet, ist nicht ungerecht, sondern gerecht. Es gibt jedem die Möglichkeit, in dem Bereich exzellent zu werden, für den er oder sie Begabung hat.
Drittens: Die Rückkehr zur Anstrengung als Normalität. Lernen ist Arbeit. Es erfordert Disziplin, Wiederholung, Frustration, Durchhaltevermögen. Bildungsinstitutionen müssen diese Wahrheit wieder aussprechen dürfen, ohne als „unmenschlich“ denunziert zu werden. Hausaufgaben, Prüfungen, Noten sind keine Instrumente der Unterdrückung, sondern notwendige Elemente eines jeden ernsthaften Bildungsprozesses.
Viertens: Die Förderung von Talenten. Spitzenförderung ist keine elitäre Bevorzugung, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Hochbegabte Schülerinnen und Schüler benötigen spezielle Angebote, herausfordernde Curricula, Kontakt zu Gleichgesinnten. Ihre Förderung ist keine Ungerechtigkeit gegenüber anderen, sondern eine Investition in die Zukunft der Gesellschaft.
Fünftens: Der Konflikt mit der Gleichmacherei. Die Auseinandersetzung mit Vertretern der systematischen Niveausenkung darf nicht länger gescheut werden. Sie muss in Schulen, Universitäten, Behörden und in der politischen Arena geführt werden. Es geht um fundamentale Fragen: Was ist der Zweck von Bildung? Welche Gesellschaft wollen wir sein? Welche Zukunft wollen wir haben?
Fokus auf fünf Aspekte
- Wettbewerb als Erkenntnismechanismus. Menschliche Entwicklung vollzieht sich nicht in geschützten Räumen, sondern durch Konfrontation mit Widerstand und Konkurrenz. Wettbewerb ist kein sozialdarwinistisches Prinzip, sondern ein Mechanismus der Selbsterkenntnis. Nur im Vergleich mit anderen erkennen wir unsere Stärken und Schwächen. Niederlagen sind kein Makel, sondern Orientierungshilfen. Wer in einem Bereich scheitert, findet oft erst dadurch ein anderes Feld, in dem Exzellenz möglich ist.
- Exzellenz als gesellschaftlicher Imperativ. Gesellschaften sind keine statischen Gebilde, sondern befinden sich im permanenten Wettbewerb. Fortschritt, Innovation und Wohlstand entstehen nicht aus dem Durchschnitt, sondern aus herausragenden Leistungen einzelner Menschen. Eine Kultur, die Exzellenz diskreditiert, zerstört ihre eigenen Grundlagen. Die internationale Konkurrenz – China, Indien, USA – hat die Illusion allgegenwärtiger Work-Life-Balance aufgegeben und investiert in Leistung und Spitzenförderung.
- Die Diskreditierung von Leistung als gesellschaftspsychologisches Phänomen. In Deutschland werden überdurchschnittliche Leistungen zunehmend stigmatisiert – als Strebertum, Nerdigkeit oder soziale Abweichung. Diese Haltung ist Ausdruck eines Ressentiments: Menschen, die selbst keine herausragenden Leistungen erbringen, entwickeln Feindschaft gegenüber jenen, die dies tun. Das Resultat ist nicht soziale Gleichheit, sondern kollektive Mittelmäßigkeit und individuelles Unglück. Überdurchschnittlichkeit muss wieder ein Begriff des Respekts werden.
- Bildung als Bringschuld, nicht als Dienstleistung. Bildung ist keine kostenlose öffentliche Dienstleistung, die der Staat bereitstellt und Schüler konsumieren. Das Recht auf Bildung schließt die Pflicht zur Anstrengung ein. Lernen ist Arbeit, Können ist das Ergebnis von Disziplin, Wiederholung und Training. Die Rolle der Bildungsinstitutionen ist es, Möglichkeiten bereitzustellen – nicht Ergebnisse zu garantieren. Die Verantwortung für den eigenen Bildungserfolg liegt beim Lernenden selbst. Wer diese Verantwortung ablehnt, gibt seine Freiheit auf.
- Freiheit durch Kompetenz: Die philosophische Dimension. Auf der tiefsten Ebene ist die Frage nach Exzellenz eine Frage nach menschlicher Freiheit. Autonomie setzt Kompetenz voraus – wer nicht denken, lesen oder handeln kann, ist nicht frei. Exzellenz ist keine elitäre Kategorie, sondern eine Voraussetzung für Selbstbestimmung. Sie ist die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen, eigene Grenzen zu überwinden, neue Möglichkeitsräume zu eröffnen. Der gegenwärtige Trend, Menschen vor den Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu schützen, ist keine Humanität, sondern Entmündigung.
Zum Mitnehmen
Wir stehen an einem Scheideweg. Die Entscheidung, die wir treffen – als Gesellschaft, als Bildungspolitiker, als Eltern, als Lehrende, als Lernende –, wird darüber bestimmen, welche Zukunft wir haben. Eine Gesellschaft, die ihre Leistungsfähigen beschämt, ihre Talentierten nivelliert und ihre Exzellenten versteckt, hat keine Zukunft. Sie wird überholt, übertroffen, vergessen werden.
Die Alternative ist klar: eine Rückkehr zu einer Kultur der Exzellenz, der Anstrengung, der Selbstverantwortung. Dies ist kein Plädoyer für Elitismus, sondern für Realismus. Es ist kein Aufruf zur Unmenschlichkeit, sondern zur Menschlichkeit – zu einer Menschlichkeit, die Menschen ernst nimmt, die ihnen zutraut, über sich hinauszuwachsen, die ihnen die Verantwortung für ihr eigenes Leben nicht abnimmt, sondern zutraut.
Die fünf Basics
Wettbewerb ist kein Feind, sondern ein Lehrer. Er zeigt uns, wer wir sind und was wir werden können. Wer Wettbewerb eliminiert, eliminiert Selbsterkenntnis.
Niederlagen sind notwendig. Sie sind keine Katastrophen, sondern Kompasse. Sie zeigen an, wo unsere Talente nicht liegen – und öffnen damit den Blick für Felder, in denen wir exzellent sein können.
Exzellenz ist eine gesellschaftliche Pflicht. Nicht als Zwang, sondern als Voraussetzung für kollektive Zukunftsfähigkeit. Gesellschaften, die Exzellenz diskreditieren, zerstören sich selbst.
Bildung ist keine Dienstleistung, sondern eine Bringschuld. Die Verantwortung für den eigenen Bildungserfolg liegt beim Lernenden. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden, ohne Freiheit aufzugeben.
Der Konflikt mit der Gleichmacherei muss geführt werden. Er darf nicht gescheut, sondern muss gesucht werden. Es geht um fundamentale Fragen: Wer wollen wir sein? Welche Zukunft wollen wir haben?
Die Wahl ist einfach: Entweder wir akzeptieren die Realität, dass Exzellenz notwendig ist – oder wir akzeptieren den Abstieg. Entweder wir erkennen an, dass Anstrengung sich lohnt – oder wir produzieren eine Generation, die nichts kann, nichts will und nichts wird. Entweder wir haben den Mut zur Wahrheit – oder wir verlieren uns in Illusionen.
Die Zeit der Bequemlichkeit ist vorbei. Die Zeit des Handelns ist gekommen.