Was verlieren wir, wenn Religion verschwindet?

Baruch de Spinoza
Baruch de Spinoza

In vielen europäischen Städten sind die Kirchen heute fast leer. Feiertage sind oft nur noch freie Tage, religiöse Rituale verlieren ihre Bedeutung. Gleichzeitig suchen viele Menschen trotzdem nach Sinn und Orientierung. Das wirft eine wichtige Frage auf: Was geht verloren, wenn Religion verschwindet – auch für Menschen, die gar nicht an Gott glauben?

Der Politiker Gregor Gysi hat das einmal so gesagt: Er glaubt nicht an Gott, aber er fürchtet eine gottlose Gesellschaft. Damit meint er nicht, dass alle wieder religiös werden sollen. Seine Sorge ist eine andere: Wenn Religion wegfällt, fehlen oft gemeinsame Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Freiheit allein reicht nicht immer aus, um Orientierung zu geben.

Überblick

Genau darüber hat schon der Philosoph Baruch de Spinoza im 17. Jahrhundert nachgedacht. Er glaubte nicht an einen Gott, der von außen in die Welt eingreift. Für ihn war Gott gleichbedeutend mit der Natur und ihren festen Gesetzen. Wichtig war ihm aber etwas anderes: Menschen handeln selten nur vernünftig. Sie lassen sich oft von Gefühlen, Ängsten und eigenen Interessen leiten. Deshalb brauchen sie Orientierung – einfache Regeln, Geschichten und Rituale, die zeigen, was ein gutes Zusammenleben ausmacht.

Spinoza meinte: Nicht jeder kann oder will sich tief mit Philosophie beschäftigen. Religion hatte deshalb lange eine wichtige Aufgabe. Sie vermittelte Werte wie Gerechtigkeit, Rücksicht und Mitgefühl – auch ohne komplizierte Theorien. Problematisch wurde Religion erst dann, wenn sie Macht ausübte oder starre Glaubenssätze durchsetzte.

Die eigentliche Gefahr sieht Spinoza – und auch Gysi – nicht im fehlenden Glauben an Gott, sondern in einer Gesellschaft ohne gemeinsame Werte. Wenn jeder nur noch für sich lebt und nur dem eigenen Vorteil folgt, zerfällt der Zusammenhalt. Freiheit wird dann leer.

Worum es geht

Die entscheidende Frage lautet also:
Wie kann eine moderne, aufgeklärte Gesellschaft gemeinsame Werte leben, ohne in alte religiöse Zwänge zurückzufallen?
Darum geht es – damals bei Spinoza genauso wie heute.

Natur, Moral und Zusammenleben

Für Spinoza folgt alles festen Naturgesetzen. Gott ist für ihn kein Wesen mit Launen, sondern die Ordnung der Natur selbst. Deshalb gibt es bei ihm kein „Gut“ und „Böse“, das von göttlichen Befehlen abhängt. Gut ist, was dem Menschen hilft zu leben und sich zu entfalten. Schlecht ist, was ihn daran hindert.

Das bedeutet aber nicht: „Alles ist erlaubt“. Im Gegenteil. Weil der Mensch bestimmte Bedürfnisse und Eigenschaften hat, gibt es auch objektive Regeln für ein gutes Zusammenleben. Vernünftiges Handeln macht das Leben nicht nur richtiger, sondern auch glücklicher. Die Philosophie kann diese Regeln erklären – die Religion hatte lange die Aufgabe, sie den Menschen nahe zu bringen, auch ohne komplizierte Theorie.

Gregor Gysis Sorge lässt sich so verstehen: Wenn Religion verschwindet und zugleich niemand mehr erklärt, worauf gemeinsame Werte beruhen, entsteht ein leerer Raum. Dann weiß man zwar, was man darf, aber nicht mehr, wofür man leben soll.

Freiheit braucht Gemeinschaft

Spinoza betont die Freiheit des Einzelnen. Jeder Mensch muss selbst denken, selbst fühlen, selbst leben. Gleichzeitig ist der Mensch ein soziales Wesen. Allein ist er schwach. Erst in Gemeinschaft wird ein gutes Leben möglich.

Freiheit bedeutet für Spinoza nicht: tun, was man will. Freiheit heißt: verstehen, was wirklich gut für mich ist – und erkennen, dass Zusammenarbeit besser ist als Egoismus. Eine gute Ordnung schränkt Freiheit nicht ein, sie macht sie erst möglich.

Gregor Gysis
Gregor Gysis

Religion hatte hier eine wichtige Funktion. Durch Feste, Rituale und gemeinsame Geschichten schuf sie Vertrauen und Zusammenhalt. Gysis Angst vor einer „gottlosen Gesellschaft“ meint genau den Verlust dieses Zusammenhalts. Eine Gesellschaft, die nur aus Einzelinteressen besteht oder nur durch Gesetze zusammengehalten wird, ist fragil.

Leiden verstehen – statt daran zu zerbrechen

Spinoza glaubt nicht an einen Gott, der Leid verteilt oder bestraft. Leid gehört zur Natur. Ein Erdbeben ist nicht böse, es passiert einfach. Wer ständig fragt „Warum gerade ich?“, macht sich zusätzlich unglücklich.

Diese Sicht ist hart, aber sie hat eine befreiende Seite: Wenn ich akzeptiere, dass manches notwendig ist, kann ich aufhören, gegen das Unveränderliche zu kämpfen. Gelassenheit entsteht nicht durch Trostversprechen, sondern durch Verstehen.

Religion hatte lange die Aufgabe, Leid erträglich zu machen – durch Sinn, Hoffnung und Geschichten. Fällt das weg, ohne dass Menschen lernen, mit der Realität umzugehen, drohen Zynismus oder Verzweiflung. Auch das gehört zu Gysis Sorge.

Eine aufgeklärte Form von Religion

Spinoza wollte Religion nicht abschaffen, sondern vereinfachen. Keine Dogmen, keine Machtansprüche, keine Intoleranz. Der Kern ist für ihn klar: Gerechtigkeit, Mitgefühl, Nächstenliebe.

Eine solche „aufgeklärte Religion“ müsste nicht an Wunder oder Jenseits glauben. Sie würde Menschen verbinden, Orientierung geben und gemeinsames Handeln fördern – ohne die Freiheit des Denkens einzuschränken.

Die Alternative zur „gottlosen Gesellschaft“ ist also nicht die Rückkehr zu alten Kirchen, sondern neue Formen von gemeinsamer Sinnstiftung: durch Kultur, Engagement, geteilte Werte und gelebte Praxis.

‚Sowohl als auch‘  statt ‚Entweder – oder‘

Spinoza zeigt, dass Menschen nicht nur von Vernunft leben, sondern auch von Bildern, Geschichten und Gefühlen. Wer das ignoriert, überlässt diese Ebene unkontrollierten Mythen oder Extremismen.

Eine gute Gesellschaft braucht sowohl Freiheit und Bindung, als auch Vernunft und Sinn, ebenso wie Individualität und Gemeinschaft

Gregor Gysis Aussage ist deshalb keine Nostalgie nach Religion, sondern eine Warnung: Wenn wir alte Sinnquellen abbauen, müssen wir neue schaffen.
Sonst bleiben Freiheit und Wohlstand leer.

Eine „gottlose Gesellschaft“ ist nicht gefährlich, weil Menschen nicht mehr an Gott glauben, sondern weil gemeinsame Werte, Sinn und Zusammenhalt verloren gehen können. Spinoza zeigt, dass Menschen mehr brauchen als Freiheit und Vernunft: Sie brauchen Orientierung, geteilte Vorstellungen vom Guten und soziale Bindung. Religion hat diese Aufgabe lange erfüllt – oft problematisch, aber wirksam. Wenn sie wegfällt, müssen neue, aufgeklärte Formen von Sinn, Gemeinschaft und Verantwortung entstehen. Andernfalls drohen Orientierungslosigkeit, Vereinzelung und innere Leere.

  • Inspiration: Lektüre: Walther Ziegler: Spinoza in 60 Minuten.
  • Bildmaterial: Wikipedia
  • Dieser Artikel wurde unter Verwendung mehrerer redaktioneller KI-Werkzeuge erstellt.

Über den Autor:

Der Autor ist geprüfter psychologischer Berater (vfp), Heilpraktiker für Psychotherapie, hat ein postgraduiertes Studium in Psychologie zum Ph.D. (philosophy doctor) absolviert und erfolgreich an der Fortbildung zur Qualifikation ‚Psychosomatische Grundversorgung‘ der Landesärztekammer Hessen teilgenommen.

Er schreibt u.a. über die Übergänge zwischen Nähe und Autonomie, Bindung und Freiheit. Seine Texte verbinden psychologische Tiefe mit dem Blick auf den Menschen, der beides ist: verletzlich und fähig zur Wandlung.